Julia fand das Glück in Deutschland


Julia Melnikowa. Foto aus dem persönlichen Archiv.

Julia Melnikowa. Foto aus dem persönlichen Archiv.

Es ist der schwarze Humor und die Sachlichkeit, die ihr bei deutschen Kollegen auffiel. Diese Eigenschaften trugen dazu bei, dass Julia sich eine Karriere in Deutschland vorstellen kann.

Julia Melnikova (Jahrgang 1991) aus Sankt Petersburg belegt seit 2008 an der Fakultät "Internationale Journalistik" der MGIMO-Universität Moskau den Diplomstudiengang Public Relations. 2009 besuchte sie einen einmonatigen Deutsch-Sprachkurs in München. Ihr Auslandssemester im dritten Studienjahr 2010/11 verbrachte sie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie beabsichtigt, ihr Diplom in Moskau im Juni 2013 abzulegen. Das Thema ihrer Diplomarbeit ist "National Branding durch Massenmedien".

„Ich wollte unbedingt nach Berlin, ich weiß nicht warum, vielleicht war es Schicksal?" Mir gegenüber im Coffeeshop am Potsdamer Platz sitzt die hübsche 21-Jährige eingemummelt in eine Winterjacke, die sie trotz der moderaten Raumtemperatur noch nicht ablegen will.

Einer Petersburgerin ist es zu kalt in Berlin?

„Nur im wörtlichen Sinn, ich mag die Stadt", lacht sie. Julia spricht ein sehr gutes Deutsch mit lebendigem Ausdruck, dem man die lange Praxis anmerkt. Deutsch war schon in der Schule ihre zweite Fremdsprache gewesen. Eine internationale Orientierung zeichnete sich früh ab. Das erleichterte ihr den Zugang zum Studium in Moskau und die Wahl für ihre Auslandsaufenthalte. „Es war spannend, in München zum ersten Mal die Sprache in dessen Heimat auszuprobieren, denn es ist doch etwas Anderes, wenn man Deutsch im Sprachkurs spricht"

Dann war der Kurs ausgerechnet in der bayrischen Hauptstadt aber wohl ein Härtetest?

„Die Dialekte sind immer ein Problem, das ist aber in Sachsen oder hier in Berlin nicht anders. Dialekte färben sogar ab, mir hat neulich ein Freund gesagt, dass ich ein bisschen berlinere! Am Schwersten aber war es für mich, wenn ich mit Deutschen telefonieren musste, weil ich da nicht mit Hilfe von Gestik und Mimik kommunizieren konnte. Ich wusste nicht, ob ich ohne Hände und Füße richtig verstanden werde!"

Wie waren denn die ersten Erfahrungen im Studium, was war anders als erwartet?

„Aufgefallen ist mir, dass es für mich als Ausländerin relativ einfach war, mich hineinzufinden. Es gibt Kurse und Einführungen in Englisch, das ist in Moskau selten. Schwieriger war es für mich, zu den Studenten Anschluss zu finden. Wenn man in Russland sagt, dass man aus dem Ausland kommt,

um zu studieren, dann gibt es immer jemanden, der einen am Wochenende einlädt, um etwas vom Land zu sehen. Die Deutschen sind da zurückhaltender."

 

Hast du Dich willkommen oder fremd gefühlt?

„Beides eigentlich. Am Anfang habe ich ja in Deutschland nicht einmal gewusst, wie man ein Verkehrsmittel benutzt! Aber Angst zu haben und sich zurückzuziehen, das wäre falsch gewesen. Ich habe gewusst, dass ich mich ganz darauf einlassen muss, sonst hat es keinen Sinn. Wenn man im Ausland studiert, spürt man ja immer, dass es zwei Arten gibt, die Dinge zu sehen, die des Landes, in dem man ist, und die eigene. Die Unterschiede fallen besonders auf. Die Studenten, unter denen ich oft die einzige Russin war, hatten alle einen gemeinsamen Kontext, sie kannten alle bestimmte Bücher oder Filme oder mochten eine bestimmte Musik. Viele Dinge fühlen sich anders an. Der Humor der Deutschen ist zum Beispiel schwärzer als der russische. Ich habe ihn nicht immer verstanden. Aber ich habe eine Studentin kennengelernt, die genauso neugierig auf Russland ist, wie ich auf Deutschland. Wir hatten viele Fragen aneinander und inzwischen sind wir Freundinnen."

Hattest du ein Bild von Deutschland, bevor du kamst, und hat es sich geändert?

„Mir ist aufgefallen, dass Deutsche uns vorsichtig unterstellen, wir Russen hätten Vorbehalte gegen Deutschland, insbesondere wegen des Zweiten Weltkriegs. Das ist aber nicht so. Die Deutschen sind sehr kritisch dem eigenen Land gegenüber. Russen sehen das als Teil der Geschichte. Vieles ist seitdem passiert. Das Bild von Deutschland, das mir in Moskau und Sankt Petersburg begegnet ist, ist sehr positiv. Wenn man unbedingt nach Vorurteilen sucht – ja, vielleicht denkt man, dass die Deutschen etwas zu sachlich, fast ein bisschen langweilig sind. Meine Erfahrung ist das aber nicht! Und ich mag es, dass die Deutschen sachlich sein können, wenn es angebracht ist. Davon könnten die Russen gern ein wenig lernen!"

Was waren die wertvollsten Erfahrungen für Dich?

„Ich habe in den letzten Monaten viel gelernt über die Art, wie die Deutschen geschäftlich miteinander umgehen. Wenn man PR studiert, kann man danach gut eine Arbeit in einer Behörde, einem Pressedienst, oder einer Agentur finden, aber ich habe den Wunsch, einmal beruflich im Bereich der internationalen Beziehungen tätig zu sein. Ich glaube, ich würde sehr gerne dabei helfen, hier das Verständnis zwischen Russen und Deutschen zu vertiefen und zu erleichtern. Dabei hat mir die Praxis sehr geholfen. Dass es so etwas wie das Holocaustmahnmal gibt, hat mich sehr beeindruckt; so etwas hatte ich noch nie vorher gesehen. Ich war einmal auf Usedom, da hat es mir sehr gefallen. Hamburg hat mich an meine Heimatstadt erinnert, mit der Seeluft und der Hansestadtatmosphäre«.

Wie ist es mit persönlichen Kontakten?

„Ich habe meinen Freund hier an der HU Berlin kennengelernt! Er saß neben mir in der Vorlesung, wir kamen ins Gespräch und haben festgestellt, dass wir sehr viel gemeinsam haben. Er hat auch schon etwas Russisch gelernt und kommt mich bald besuchen."

Gibt es Dinge, die Du gerne vor dem Studienbeginn in Berlin gewusst hättest, oder die Du gerne verbessern würdest?

„Das Studium hier ist sehr europazentriert, das heißt, wichtig sind die EU-Länder. Russland kommt sehr wenig vor. In Russland ist es andersherum, und das würde ich mir auf beiden Seiten anders wünschen".

Was würdest Du Studenten empfehlen, die sich überlegen, semesterweise ins andere Land zu gehen?

„Generell kann ich sagen: Seid furchtlos, macht es einfach, lasst Euch ganz darauf ein und versteckt Euch nicht hinter Büchern. Lernt schnell die Landessprache, Fehler werden Euch verziehen. Geht unter Menschen, lernt sie kennen. Jede Begegnung kann etwas ganz Besonderes werden, aber man muss sie auch wollen!"

Vor einigen Wochen hat Julia Berlin verlassen und ist jetzt auf der Zielgerade ihres Studiums in Moskau. Sie überlegt, nach dem Abschluss des Diploms einen Masterstudiengang zu belegen, hat sich aber noch nicht endgültig entschieden. Dass man sie in Zukunft beruflich dort finden wird, wo die deutsche und die russische Sprache aufeinandertreffen, darf als wahrscheinlich gelten. Und als erfreulich für die deutsch-russischen Beziehungen sowieso.

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