Nicht von dieser Welt

Sergej Saletin: Ich bin der Kapitän eines Raumschiffs – nicht mehr und nicht weniger. Foto: ESA

Sergej Saletin: Ich bin der Kapitän eines Raumschiffs – nicht mehr und nicht weniger. Foto: ESA

„Der Weltraum duldet keinerlei Fehlinterpretationen. Hier ist alles zugleich klar, kompliziert und ehrfurchterregend“, sagt der Kosmonaut und Testpilot Sergej Saletin. Während der vergangenen 20 Jahre arbeitete er auf den Weltraumstationen Mir und ISS. Im Gespräch mit Russland HEUTE erzählt der Kapitän zweier Weltraumbesatzungen von idealen Kosmonauten und der 525. Sekunde.

Russland HEUTE: Der Weltraum ist mittlerweile für Sie quasi zu Ihrem Zuhause geworden. Vor 20 Jahren haben Sie begonnen, unendliche Weiten zu erforschen. Haben sich in dieser Zeit die Anforderungen an die heutigen Kosmonauten und Testpiloten stark verändert?

In die Reihen der Kosmonauten aufgenommen zu werden, war noch nie einfach. Man muss ein Diplom von einer Luft- bzw. Raumfahrtfakultät erworben und mindestens fünf Jahre in einem dieser Bereiche gearbeitet haben. Früher durfte der Kosmonaut nicht größer als 1,70 Meter sein, heute liegt die zulässige Körpergröße zwischen 1,50 und 1,90 Meter. Im Sitzen darf er nicht höher als 80 bis 90 Zentimeter groß sein. Wichtig sind außerdem kreativer Erfindungsgeist, eine gute Auffassungsgabe und Lernfähigkeit, hohe Motivation sowie eine umfangreiche Kenntnis der Geschichte und Entwicklung der Raumfahrt. Der Bewerber wird auf Herz und Nieren geprüft, einschließlich auf seinen Charakter, seine Familiengeschichte und auch mögliche Gesetzesübertretungen hin.

Es heißt, dass Kosmonauten nicht älter als 32 Jahre sein dürfen. Hängt denn die Tauglichkeit vom Alter ab?

Das ist ganz unterschiedlich. Man kann schon mit 25 Jahren in das Flugprogramm aufgenommen werden, also gleich nach dem Hochschulstudium. Dann muss man aber zunächst noch die Mindestzeit von drei Jahren in der Branche abarbeiten und kann erst danach ein Flugkandidat mit denselben Rechten und Pflichten wie alle anderen auch werden. Man kann auch erst mit 40 Jahren zu der Truppe stoßen, wie zum

Beispiel Michail Kornijenko, der seinen fünfzigsten Geburtstag auf seinem ersten Weltraumflug gefeiert hat. Sogar mit 60 Jahren kann man noch im Weltraum arbeiten, so wie Pawel Winogradow.

Heißt das, dass die Anpassungszeit im Weltraum und die anschließende Rehabilitationsdauer auf der Erde für jedes Alter die gleichen sind?

Das hängt nicht nur vom Alter, sondern auch von der körperlichen Fitness und dem im Weltraum absolvierten Programm ab. Jeder Kosmonaut muss auf der Station täglich zwei bis drei Stunden auf speziellen Geräten trainieren, ansonsten verlernt er zu gehen, Lasten zu heben, seine Gliedmaßen zu bewegen. Die Rehabilitation auf der Erde dauert genau so lange, wie wir im Weltraum gewesen sind.

Ist das ein Trend, ältere Kosmonauten in den Weltraum zu schicken, anstatt den physisch schneller regenerierbaren jungen den Vortritt zu lassen?

Als die Menschheit begann, in den Weltraum zu fliegen, wurden diejenigen geschickt, die gerade ihre Ausbildung absolviert hatten. Es gab schließlich keine Auswahl und keine Erfahrung vorhergehender Generationen. Mittlerweile erfolgt der Einsatz erst nach zehn bis 15 Jahren. Das liegt an der Langfristigkeit der Flugprofile, das heißt der Flugprogramme mit dessen Aufgaben und der Zusammensetzung der Bordmannschaft. Die Auswahl erfolgt lange vor dem Start, denn eine Unmenge an Aufgaben sowie regelmäßige medizinische, psychologische und technische Checks müssen absolviert werden. Die Jungen haben es schwer, einen Fuß in die Tür zu bekommen, also in das Flugprofil aufgenommen zu werden. Es bleibt ihnen nur, die nächste Auswahl abzuwarten und weiter an ihrer Qualifikation zu arbeiten.

Hat die ältere Generation Angst, ihren „Stammplatz" aufzugeben?

Wir sind Kosmonauten und diese Entscheidung hängt nicht von uns ab, sondern von einer Sonderkommission, die die Kandidaten mit den entsprechenden Kenndaten auswählt. Die „alte Schule" hat den Vorteil, dass sie bereits im Weltraum gearbeitet und sich eine Reputation erworben hat. Nach fünf Jahren verlassen wir Älteren das Spielfeld und die Jungen werden „eingewechselt". Zu diesem Zeitpunkt sind sie 35 bis 40 Jahre alt und bereit, selbst die kompliziertesten Einsätze zu übernehmen.

Bei beiden Einsätzen waren Sie der Kapitän der Besatzung. Welche Aufgaben hatten Sie?

Ich hatte abzusichern, dass das Flugprogramm exakt durchgeführt wird, und kümmerte mich um die Sicherheit der Besatzung. In der Regel arbeiten wir nach einem Plan, bei dem die Aufgaben sekundengenau festgelegt sind. Wenn etwas nicht in der vorgegebenen Zeit passiert, warten wir einen vorgeschriebenen, einige Sekunden dauernden Zeitraum ab und wechseln dann in ein anderes Programm. Unser Leben hängt davon ab – von Sekunden, verstehen Sie?

Ich versuche es, aber das ist nicht so einfach... Jetzt haben Sie mich wohl gleich auf meine Tauglichkeit überprüft? Werden Sie in einem solchen Moment nicht von Ihren Gefühlen überwältigt?

Wenn du zum ersten Mal fliegst, verstehst du so manches noch nicht und hast deshalb auch keine Angst. Aber je erfahrener ein Kosmonaut ist, desto besser begreift er, was passiert und wie es enden kann. Die Gefühle überwältigen uns, sobald wir in die Rakete steigen, und wir müssen sie auch sogleich unterdrücken. In diesem Moment stelle ich mir vor, dass alles nur ein Training ist. Jeder Kosmonaut weiß, dass die eigentliche Angst aber erst in der 525. Sekunde einsetzt, genau dann, wenn die vierte Stufe der Trägerrakete abgestoßen wird und unmittelbar darauf die Schwerelosigkeit einsetzt.

Bei Außeneinsätzen fällt es wahrscheinlich noch schwerer zu arbeiten?

Vom physiologischen Standpunkt aus betrachtet ist das das Schwerste, was man sich vorstellen kann. Die Arbeit im Raumanzug erfordert gewisse Fertigkeiten. So ist zum Beispiel ein größerer Kraftaufwand in den Armen und Händen nötig. Nach der Rückkehr in die Station muss man erst einmal ein paar Tage regenerieren, da die Muskeln im Außeneinsatz stark überbelastet werden.

Hat sich während des Zeitraums Ihrer Arbeit im Weltraum die Technik stark verändert?

Die Mir unterscheidet sich von der ISS genauso, wie das Leben vor zwanzig Jahren sich von dem heutigen unterscheidet. Heutzutage gibt es Handys, Notebooks, schnellere und bessere Autos. Als ich auf der Mir war, war diese bereits vierzehn Jahre alt – das ist sehr viel für eine Weltraumstation. Die ISS hat größere Abmessungen und ist leistungsstärker. Im Unterschied zur Mir sind die Geräte bequemer angeordnet und jede Aufgabe wird an einem anderen Notebook ausgeführt. Von diesen Computern gibt es an Bord zehn bis 20 Stück. Sie sehen genauso aus wie die, die wir hier auf der Erde haben, sind aber für die Arbeit im Weltraum entsprechend aufgerüstet. Während so ein Notebook auf der Erde nach etwa fünf Jahren technisch veraltet ist, sind sie das auf der Weltraumstation schon nach anderthalb bis zwei Jahren. Mittlerweile ist die ISS nicht mehr „state oft the art" und wird in einigen Jahren wohl außer Dienst gestellt, das heißt aus der Umlaufbahn geführt werden.

Haben Sie vor, noch einmal in den Weltraum zu fliegen?

Ja. Ich habe meine Raumfahrertätigkeit nur zeitweise unterbrochen, da ich Abgeordneter im Gebietsparlament von Tula war. Die medizinischen Untersuchungen habe ich bereits absolviert und wurde als flugtauglich eingestuft. Mental bin ich auch bereit für den nächsten Einsatz. Wahrscheinlich wird dieser 2016 zusammen mit einer Gruppe Weltraumtouristen erfolgen.

Werden Sie eine Art Weltraum-Reiseleiter sein?

Was die Weltraumtouristen dort anstellen werden, ist nicht meine Angelegenheit. Ich werde meine Aufgaben und Experimente haben. Ich bin der Kapitän eines Raumschiffs – nicht mehr und nicht weniger.

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