Lisa und der erfreuliche Kulturschock

Lisa Hermsen. Foto aus dem persönlichen Archiv.

Lisa Hermsen. Foto aus dem persönlichen Archiv.

Anfänglich war sie als Schülerin überrascht, dass Russland anders ist als in den Berichten. Heute will sie ihre Neugier an dem großen Land zum Beruf machen.

Die 23-jährige Lisa Hermsen aus Miesbach in Oberbayern studiert zurzeit in Passau Kulturwirtschaft mit Schwerpunkt Ost- und Mitteleuropa. Noch in der Schulzeit hatte sie freiwilligen Russischunterricht und nahm daraufhin 2007 an einer Reise des deutsch-russischen Jugendaustauschs nach Weliki Nowgorod teil. Im März 2009 reiste sie ein zweites Mal nach Russland, diesmal nach Orenburg (Wolgakreis). Sie hat neben dem Studium in einem Waisenheim in Sibirien gearbeitet und zuletzt 2012 ein Praktikum beim Deutsch-Russischen Austausch in Sankt Petersburg absolviert.

„Die Sprachbarriere war zuerst sehr hoch“, erzählt Lisa Hermsen, „der freiwillige Unterricht einmal die Woche ist halt doch nicht genug, um dich auf die Realität der Sprache im Land vorzubereiten“. Zusätzlich werde die Kommunikation zwischen Austauschschülern erschwert, wenn die russische Gegenseite ihrerseits auch nicht sattelfest ist, was das Deutsch angeht: „Die Sprachschulen dort sind oft noch sehr sowjetisch geprägt, das heißt, es gibt viel Frontalunterricht, man muss viel auswendig lernen, aber der lebendige Umgang und das Sprachgefühl waren dadurch auch nicht da.“

Waren denn die ersten Erfahrungen dort so wie Du es Dir vorgestellt hast, und was war anders als erwartet?

Ich hatte zunächst schon einen Kulturschock, weil ich mir vorher viel ausgemalt und viele Fragen gestellt hatte. Vor Ort merkte ich erst, wie wenig ich mich vorbereitet fühlte. Es hat dann dennoch gut geklappt, die Gastfreundschaft, die einem entgegengebracht wird, habe ich sofort positiv zu spüren bekommen. Ich kann das schon Opferbereitschaft nennen, so viel Fürsorge habe ich erfahren, angefangen bei dem stets üppig gedeckten Essenstisch bis zur „Ausquartierung“ von Familienmitgliedern, die in andere Wohnungen umgezogen sind, um mir Platz zu machen. Man kann sich fast nicht wehren gegen so viel Freundlichkeit und das hat mir schon geholfen.

Hast du Dich willkommen oder fremd gefühlt?

Die Vorurteile, denen ich begegnete, gingen gar nicht in die Richtung, die ich erwartet hatte. Was man so hört aus England oder Frankreich, also Bilder von Deutschland, die von Hitler und dem Zweiten Weltkrieg geprägt sind, habe ich gar nicht erlebt. Das Bild der Deutschen dort ist sehr positiv. Von daher habe ich mich schon willkommen gefühlt.

Hattest du ein Bild von Russland bevor du kamst und hat es sich geändert?

Hier in Mitteleuropa konzentriert man sich, wenn es ums Ausland geht, auf Europa und die USA. Von Russland weiß man normalerweise sehr wenig, und da wächst natürlich die Gefahr, dass man Stereotypen aufbaut, so in etwa ‚der Russe trinkt viel und ist etwas grober', aber die Gastfreundschaft erlebt man erst vor Ort, davon habe ich hier nichts gewusst. Beim 2. Austausch habe ich einen sehr guten Draht zu meinem Gegenpart aufgebaut, wir haben heute noch Kontakt. Und diese guten Erfahrungen haben sehr dazu beigetragen, dass ich mein Studium heute mache. Es ist gut, sich klarzumachen, dass sowohl wir wie auch sie durch die Zeitungen und das Fernsehen immer ein verzerrtes Bild zu sehen bekommen.

Was waren die wertvollsten Erfahrungen für Dich?

Ich habe gemerkt, dass meine Sympathie für dieses Land meine Motivation im Studium sehr gesteigert hat. Allein schon die Tatsache, dass ich Erfahrungen gemacht habe, wie man mit Menschen anderer Länder umgeht und wie man Kontakte knüpft, ist wertvoll. So kann ich durch meine Erfahrungen vielleicht dazu beitragen, dass sich die Menschen dieser Länder näherkommen. Das werde ich für meine berufliche Zukunft definitiv gebrauchen können.

Wie ist es mit persönlichen Kontakten?

Facebook hilft mir da sehr! Ich habe einige Kontakte auch nach meiner Rückkehr aufrechterhalten können. Da ich sicher noch öfters in Russland sein werde, kann ich die Kontakte auch weiter pflegen, denn es ist mir wichtig, sie nicht aus den Augen zu verlieren.

Gibt es Dinge, die Du gerne vor dem Austausch gewusst hättest, oder die Du gerne verbessern würdest?

Die kulturellen Begegnungen könnten stärker sein. Es wird zwar bereits sehr viel gefördert und der deutsch-russische Austausch leistet gute Arbeit, aber nicht nur in der Schule sollte das stattfinden, sondern definitiv auch mehr auf direktem Wege. Die Präsenz der russischen Kultur hier ist ja eigentlich nur durch die Immigranten gegeben, und das ist nicht gerade repräsentativ. Dennoch hängt das Bild einer ganzen Nation von ihnen ab. Es gibt beispielsweise noch nicht genügend Filme aus Russland, die man auch jenseits von Festivals sehen kann. Andersherum ist das genauso, aber das Deutschlandjahr in Russland war ein Schritt in die richtige Richtung.

Was würdest Du Studenten raten, die sich überlegen, semesterweise in das jeweils andere Land zu gehen?

Die Gefahr im Auslandsstudium ist, dass man nur Studenten kennenlernt, die ebenfalls zum Auslandsaufenthalt dort sind, weil das wegen der Sprache einfacher ist. Da wird dann in Trauben herumgestanden und man bleibt eher unter sich. Ich kann nur Mut machen, nicht darauf zurückzufallen, denn der Sinn des Ganzen ist es auch und vor allem, direkt im Kontakt zu stehen. Das kostet zwar am Anfang etwas Mut und Überwindung, aber allein die Tatsache, dass man versucht, sich in der Landessprache auszudrücken, bringt einem viele Sympathiepunkte ein. Es gibt außerdem außeruniversitäre Veranstaltungen, die man aufsuchen kann, auf denen es oft leichter fällt.

 

Lisa möchte weiterhin mit Osteuropa- und Russlandbezug arbeiten und ihren Master auch in dieser Richtung absolvieren. Sie wird ab Mai ein Praktikum beim Ostausschuss der Deutschen Wirtschaft in Berlin absolvieren und sie hofft, dass sie später entweder auf Unternehmensebene oder in der Politik „zwischen den Ländern“ tätig sein wird.

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