Zwischen Solidarität und Bürokratie

Der 26-jährige Jacob Riemer aus Köln kam erstmals direkt nach der Schule nach Russland. Im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres (FSJ) arbeitete er für eine Entwicklungshilfeorganisation in Moskau. Sein anschließendes Studium der Slawistik und Geschichte führte ihn für die Zeit des Wintersemesters 2010/11 auch an die Staatliche Universität in Sankt Petersburg.

Jacob Riemer. Foto aus dem

persönlichen Archiv 

„Es war bestimmt hilfreich, dass ich schon in der zweiten Schulklasse das erste Mal mit Russisch in Berührung kam", erzählt mir Jacob am Telefon. „Waldorfschulen bieten Fremdsprachen sehr früh an, alles noch sehr kindgerecht und wenig verschult, aber das heißt, dass man schon mal ein Gefühl für die Sprache bekommt." Jacob hatte eine sehr engagierte Russischlehrerin aus Sankt Petersburg; und ihrem kulturellem Hintergrund und Engagement schreibt er es zu, dass er sich nach seiner Schulzeit für ein Freiwilliges Soziales Jahr in Moskau bewarb.

Waren denn die ersten Erfahrungen dort so, wie Du es Dir vorgestellt hast, und was war anders als erwartet?

Ich habe familiär bedingt einen gewissen Osteuropabezug, weil meine Eltern aus Oberschlesien stammen und ich schon in meiner Kindheit oft in Polen zum Verwandtenbesuch gewesen bin. Trotzdem war das, was ich vor meiner ersten intensiveren Begegnung mit Russland empfunden habe, für mich eher holzschnitthaft und belegt mit der Faszination des Fremden.

Meine erste richtige Erfahrung war eben das FSJ in der Entwicklungshilfe. Dort kommt man mit sozialen Problemen in Berührung, die bei uns in dieser Schärfe eher nicht vorkommen. Bei allen Herausforderungen, die sich daraus ergeben, war das zugleich aber auch die erfüllendste Zeit bisher in meinem Leben, weil der unmittelbare enge Kontakt zu den Mitarbeitern des Zentrums „Perspektiva" und ihren Familien mich sehr bald hat spüren lassen, wie stark und solidarisch das zwischenmenschliche Miteinander in Russland sein kann. Es ergab sich also ein zunächst ambivalentes Bild: Die Gesellschaft als ganze habe ich im Vergleich zu der unsrigen als doch recht hart empfunden. Andererseits jedoch war ich immer fasziniert von der persönlichen Empfindsamkeit vieler Menschen, die sich beispielsweise in der Kunstsinnigkeit der Russen und ihrer Kenntnis und Achtung vor der eigenen literarischen Tradition äußert.

Hat sich Dein Bild von Russland geändert?

Wie Wissen tradiert wird, wie anders das auch geht, war vielleicht die wertvollste Erfahrung meines Auslandssemesters. Westeuropäer sind sehr von ihrer Vorstellung von einer kritischen Wissenschaftlichkeit geprägt. Für sie ist es befremdlich, dass eine Literaturvorlesung in Russland auch eine Funktion von ‚nationaler Sinnstiftung' haben kann. Dabei hatte ich den Eindruck, dass kritische Fragen nicht als ein willkommener Teil des Diskurses gesehen, sondern ablehnend beschieden werden. Wie vor diesem Hintergrund in der russischen Gesellschaft die allseits geforderte Innovativität wachsen soll, die meinem Verständnis nach darauf beruht, Gegebenes kritisch zu hinterfragen, um etwas Neues zu schaffen, ist eine spannende Frage.

Gibt es Dinge, die Du gerne vor dem Austausch gewusst hättest oder die Du gerne verbessern würdest?

Wenn ich gewusst hätte, wie bürokratisch universitäre Vorgänge ablaufen, das hätte schon geholfen. Zum Beispiel war das Einstufungsverfahren der Russischpflichtkurse für ausländische Studenten extrem formalistisch. Mein

Russisch ist eher alltagsgeprägt, und bestimmte grammatikalische Konstruktionen konnte ich im Test nicht genau so identifizieren, wie sie vorgegeben waren. Daraufhin landete ich im Anfängerkurs, in dem man mit „Guten Tag, mein Name ist..." anfing. Absurd wurde es dann, als ich versuchte, in einen Fortgeschrittenenkurs zu wechseln, und es mir mit meinem fließend gesprochenen Russisch im Büro des Studentenbeauftragten schwerfiel, Gehör zu finden.

Was würdest Du Studenten empfehlen, die sich überlegen, semesterweise ins andere Land zu gehen?

Lasst das, was Ihr glaubt, über das andere Land zu wissen, links liegen. Die deutsche Berichterstattung ist gern tendenziös. Seid ohne Vorbehalte, damit Ihr die ganzen Schattierungen mitbekommen könnt. Überlegt Euch zudem, ob Ihr unbedingt in die großen Städte Moskau und Sankt Petersburg wollt. In kleineren Unistädten bekommt Ihr viel, viel mehr vom Land mit als in den großen Städten, wo ihr nur Teil einer Herde ausländischer Studenten seid. Und: Lasst Euch von der Bürokratie nicht ins Bockshorn jagen! Zum Schluss klappt nämlich doch alles. Schließlich bin ich nach genügend Überredung doch in einen guten Russischkurs gekommen.

Jacob studiert derzeit im zweiten Semester im Masterstudiengang Osteuropastudien in Berlin. Er hat noch zwei Semester vor sich und würde gerne im deutsch-russischen Bereich beruflich tätig werden.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland