Erste Charity Shops in Russland

In Russland tauchen die ersten Charity Shops auf. Hier werden alle fündig, die preisgünstig einkaufen und dabei auch noch eine gutes Werk tun wollen. Denn Spenden und Gewinne aus den Secondhand-Läden dienen wohltätigen Zwecken. Diese Form des sozialen Engagements kommt ursprünglich aus dem angloamerikanischen Raum und tut sich in Russland noch mehr oder weniger schwer. Eigeninitiative ist gefragt.

Da-ra-Shop in Jekaterinburg. Foto: Pressebild

Jekaterinburg: Ein schwerer Anfang

Anderthalb Jahre ist es her, als Valeri Kowertschik den Entschluss fasste, in Jekaterinburg den ersten Charity Shop aufzumachen. Zu einem erträglichen Mietpreis bekam er Räumlichkeiten in der Nähe einer U-Bahn-Station. Doch er musste renovieren: Von der Decke baumelte eine einzige Glühlampe, der Fußboden war aus rohem Beton und von den Wänden löste sich die Tapete. Eigentlich hatte Valeri auf ein Auto gespart, doch sein ganzes Geld ging für die Renovierung drauf.

„Auf meiner normalen Arbeitsstelle, wo ich mein Geld verdiente, habe ich ganz zeitig in der Früh angefangen, damit ich schon mittags gehen und mich um den Laden kümmern konnte", schildert Valeri Kowertschik den schweren Anfang, "abends bin ich erst nach zehn heimgekommen."

Nach mehreren langen Monaten war es endlich soweit: Valeri hatte genügend Spenden von Altkleidern und Gebrauchtwaren zusammen, der Laden war renoviert. Nun konnte er seinen „Da-ra-Shop“ (auf Deutsch etwa sinngemäß: Geschenkt-Laden) eröffnen. Pünktlich zur Öffnungszeit hingen die Kleider ordentlich auf Bügeln, die Ladentür stand offen, für die ersten Besucher waren Tee und Gebäck vorbereitet. - Doch niemand kam! Nicht einmal die Freunde und Bekannten, die Valeri persönlich oder über soziale Internet-Netzwerke eingeladen hatte, kamen vorbei. Es war niederschmetternd! Keiner schien Interesse an Valeris Laden zu haben.

„Das Wort ‚Wohltätigkeit‘ scheint in Russland viele abzuschrecken. Die Leute hören es und ahnen: Gleich wird man uns ein schlechtes Gewissen machen. Da kommt man nur raus, wenn man nachgibt, also etwas Materielles gibt“, versucht Valeri Kowertschik seinen anfänglichen Misserfolg zu erklären. "Es ist die ungewohnte Art, wie man den Leuten ans Geld will."

Valeri hat sich nicht irritieren lassen und in den letzten anderthalb Jahren den „Da-ra-Shop“ nicht nur gehalten, sondern sogar ausgebaut. Auch in den Köpfen so manchen Jekaterinburgers hat Valeris Team mit den Vorurteilen aufgeräumt. Heute zählt der „Da-ra-Shop“ in den sozialen Netzwerken bereits mehr als eineinhalb tausend Fans. Viele bringen ihre abgelegten Sachen vorbei, andere kaufen persönlich im Laden ein oder bestellen per Internet. Das Geschäft schreibt keine roten Zahlen mehr wie in den ersten Monaten, aber ein großer Gewinn bleibt nach Abzug von Miete und Steuern auch nicht. In anderthalb Jahren sind gerade mal 1 000 Dollar zusammengekommen. Diese Summe, das ist Zweck der Charity Shops, wurde für soziale Zwecke angespart und verwendet. Valeri ließ es dem städtischen Tierheim zukommen, das davon Futter und Medikamente kaufte.

 

Moskau: Hauptstädter mit großem Herz

Während das Wort „Wohltätigkeit“ außerhalb der großen Städte noch bei vielen Menschen zwiespältige Assoziationen auslöst, sieht es in Moskau anders aus. Jekaterina Bermants „Lawka radostej“ (Laden der Freude) erhält viele Kleiderspenden, und die meisten Stücke sind Markenware. Die Spender kommen der Mittelschicht.

Lawka radostej in Moskau. Foto: Wadim Kantor/Moskowskije Nowosti

Noch vor kurzem befand sich Bermants Lädchen in der Moskauer Innenstadt, unweit der U-Bahn-Station Kitai-gorod. Diesen Luxus konnte sich die Gründerin des ersten Charity Shops der russischen Hauptstadt nur erlauben, weil sie keine Miete bezahlen musste. Sie konnte  fast ein ganzes Jahr kostenlos eine kleine Ladenfläche in einer Privatgalerie nutzen. Doch dieser Tage wurde ihr der Stuhl vor die Tür gesetzt, so dass sie für ihren Laden nach einem neuen Domizil suchen muss.

Das Geschäftsmodell des Charity Shops von Jekaterina Bermant folgt nicht der "normalen" Ladenidee, wo Sachen im Großhandel eingekaufte Ware zu Einzelhandelspreisen weiterverkauft wird. Sondern gespendete Sachen werden in Katjas Secondhand-Lädchen nicht verkauft, sondern gegen eine weitere "Geldspende" abgegeben. Das ist so mit den Behörden ausgemacht. Dafür ist „Lawka radostej“ juristisch als gemeinnützige Organisation eingestuft, die keine Handelstätigkeiten ausüben darf, dafür aber steuerbefreit wird.

Gefällt einem Kunden beispielsweise eine Jeanshose, wird er gebeten, den Preis dafür selbst festzulegen. "Verkäuferin" Maria Timofejewa achtet darauf, dass teure Kleidung nicht für einen Dollar verramscht wird. „Um unangenehme Situationen zu vermeiden, empfehle ich den Kunden, sich den Preis für ein analoges neues Kleidungsstück zu vergegenwärtigen und für das gebrauchte 20 bis 40 Prozent dieser Summe zu veranschlagen“, erklärt sie.

Das Team erwirtschaftet monatlich ungefähr 8 000 Dollar. Das Geld wird an die Wohltätigkeitsversammlung „Wse wmeste“ (Alle gemeinsam) überwiesen. Dabei handelt es sich um eine nichtkommerzielle Partnerschaft, in der sich auf Initiative von Bürgern ins Leben gerufene gemeinnützige und ehrenamtliche Organisationen der Hauptstadt zusammengeschlossen haben. Der Rat der Versammlung entscheidet von Fall zu Fall, wer das Geld am dringendsten braucht, und verteilt die Mittel auf dreißig verschiedene Stiftungen. Derzeit kommt das Geld aus Jekaterina Bermants Charity Shop „Lawka rastostej“ Kindern aus sozial schwachen Familien, Waisen und Behinderten zu Gute.

 

St. Petersburg: Secondhand für alle Bedürftige

Die längsten Erfahrungen mit einem Charity Shop in Russland hat Julia Titowa. Sie gründete vor drei Jahren den ersten Laden im Land. Damals ahnte sie nicht, welches Ausmaß ihre Idee einmal annehmen würde. Angefangen hatte sie zusammen mit zwei Freunden. Bei ihren Reisen nach England fiel den dreien auf, dass die Menschen dort gebrauchte Sachen nicht einfach wegwerfen, sondern secondhand verkaufen, um Bedürftigen zu helfen.

Spasibo Charity Shop in Sankt Petersburg. Foto: Pressebild

„Etwas Ähnliches müsste man auch bei uns machen!“, beschloss Julia und eröffnete in St. Petersburg ihren Laden „Spasibo“ (Danke). "Spasibo" ist inzwischen nicht nur Laden, sondern bietet Raum für Dutzende anderer Aktivitäten, wie beispielsweise Kurse, Ausstellungen, Konzerte und Buchbasare.

„Wir drei standen damals gerade vor dem Abschluss unseres Hochschulstudiums und hatten lauter hochfliegende Gedanken. Wir wollten die Welt glücklich machen und fanden,  dass Charity Shops dafür etwas ganz Tolles sind!“, erinnert sich Julia Titowa. „Aber wir kannten uns in den juristischen Winkelzügen überhaupt nicht aus. Erst drei Monate nach der Eröffnung des Ladens wurde uns klar, dass wir Steuern zu zahlen hatten.“

Seit einem halben Jahr hat „Spasibo“ nicht nur zwei Filialen, sondern auch eine Zentrale für die Annahme. In einem Monat erhält Julia Titowas Team hier vier bis acht Tonnen (!) Kleider, Jacken, Schuhe, Bücher, Spielzeug und vieles mehr.

In der Zentrale werden gebrauchte Sachen auch kostenlos verschenkt. Darin besteht der wichtigste Unterschied zu vielen anderen Charity-Shop-Modellen.  Denn neunzig Prozent der Sachen werden nach der Sortierung dreimal wöchentlich kostenlos an kinderreiche Familien, alleinerziehende Mütter oder Menschen in schwierigen Lebenssituationen ausgegeben. Lediglich zehn Prozent der besseren Gebrauchtwaren gehen in die beiden „Spasibo“-Läden, wo sie zu Preisen von ein paar Dollar verkauft werden. Der nach der Entrichtung von Miete und Steuern verbleibende Erlös fließt zwei vor Ort arbeitenden Organisationen zu, die milieugeschädigte Jugendliche und Obdachlose unterstützen. „Wir wollen alle Bedürftigen der ganzen Stadt einkleiden!“ ist das Motto, mit der „Spasibo“ auf seiner Internet-Seite im sozialen Netzwerk wirbt. Julia wünscht sich, dass die Menschen in Russland allmählich begreifen, dass sich für gut erhaltene Kleidung, die man selbst nicht mehr braucht, vielfache Verwendung findet.

Jetzt hat sich Julia Titowa vorgenommen, den Reingewinn der beiden Ladengeschäfte von 3 000 auf 12 000 Dollar monatlich zu steigern und damit zu vervierfachen, um noch mehr Menschen zu helfen.

 

Russland: Wohlfahrt im Aufwind

In Russland gibt es schon 17 Charity Shops. Alle entstanden in Privatinitiative und wurden in der Regel von aktiven jungen Leuten gegründet, die sich dieser Tätigkeit aus Überzeugung verschrieben haben. Die Charity Shops kämpfen hart um ihr Überleben, einige kamen nicht aus den roten Zahlen, so dass sie wieder schließen mussten.

Die Initiatoren derartiger Projekte sehen sich nicht nur dem Misstrauen der Bevölkerung, sondern zudem auch mit einer überaus komplizierten Gesetzgebung konfrontiert.

„Das Problem besteht darin, dass die Einstellung zur Idee der Wohltätigkeit in der russischen Gesellschaft noch sehr zu wünschen übrig lässt“, konstatiert Polina Filippowa, Direktorin für Programmarbeit bei der Russland-Sektion der internationalen Charities Aid Foundation (CAF). Für die meisten Bürger Russlands bedeute Wohltätigkeit, jemandem, der in der U-Bahn die Hand aufhält, Almosen zu geben. Das fände die Gesellschaft in Ordnung. Allerdings begegne man Organisationen, die sich auf diesem Gebiet betätigen, mit großem Misstrauen. „Hinzu kommt, dass die nichtkommerziellen Organisationen vom Staat außerordentlich streng kontrolliert werden“, unterstreicht Filippowa.

Gegenwärtig belegt Russland nach Angaben der CAF auf dem Gebiet der gemeinnützigen und ehrenamtlichen Tätigkeit im weltweiten Vergleich erst Platz 138. Doch je mehr Organisationen dieser Art es gibt und je mehr die Menschen über ihre Arbeit wissen, desto schneller ändert sich die gesellschaftliche Einstellung zur Wohltätigkeit. Vor allem dann, wenn sie von Organisationen getragen wird. Polina Filippowa ist überzeugt: „Die Bürger Russland sind bereit, Gutes zu tun. Hierin unterscheiden sie sich von niemanden auf der Welt.“

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