Deutsch-russisches Liebesmärchen

Iwan Bywschich und Elisabeth Waldhelm am Trauungstag. Foto: Magazin "Neiswestnaja Sibir""

Iwan Bywschich und Elisabeth Waldhelm am Trauungstag. Foto: Magazin "Neiswestnaja Sibir""

Im Juli 1945 kam Iwan Bywschich als Soldat der Roten Armee nach Deutschland. Im thüringischen Dorf Heyerode lernte er das junge Mädchen Elisabeth kennen und lieben. Doch es vergingen über sechzig Jahre, bis die beiden heirateten.

Im Jahr 2007 kam die achtzigjährige Elisabeth Waldhelm in die Botschaft der Russischen Föderation in Deutschland und bat um ein Visum für eine Reise nach Sibirien. Sie wollte einen Mann namens Iwan Bywschich, einen Veteranen des Zweiten Weltkriegs, besuchen. Sie hatte ihn sechzig Jahre lang nicht gesehen, und nun fuhr sie zu ihm, um seine Frau zu werden. Damit fand eine der bewegendsten Liebesgeschichten zwischen einem deutschen Mädchen und einem sowjetischen Soldaten ihre Fortsetzung.

 

Eine ungewöhnliche Hochzeit

Iwan Bywschich. Foto: aus dem

persönlichen Archiv

Schon lange vor Beginn der Trauungszeremonie versammelten sich ungefähr hundert Journalisten, Medienvertreter aus Moskau und Berlin sowie von lokalen Zeitungen und Zeitschriften, vor dem Standesamt der Stadt Krasnojarsk. Sie konnten kaum glauben, dass das, worüber sie in Wort und Bild berichten wollten, wirklich stattfand: Der ehemalige Soldat der Roten Armee Iwan und das zu Kriegszeiten sehr junge Mädchen Elisabeth aus dem thüringischen Dorf Heyerode würden heiraten. Und das mit achtzig Jahren!

Die Brautleute fuhren in einem schwarzen „Lincoln“ vor dem Hochzeitspalast vor. Als Iwan Bywschich und Elisabeth Waldhelm aus dem riesigen Auto stiegen, klickten sofort unzählige Kameras. „Was bedeutet der heutige Tag für Sie?“, riefen Journalisten von einer Seite. „Wie haben Sie einander überhaupt wiedergefunden?“, wurde von einer anderen Seite her gefragt. Der Auftakt der Trauung geriet zu einer Art Pressekonferenz.

„Haben Sie Ihre Entscheidung, Mann und Frau zu werden, aufrichtig und frei getroffen?“ Auf die Frage der Standesbeamtin antwortete Elisabeth: „Ja! Aber natürlich!“ Und lachte dabei – vor Glück und wohl auch, weil sie noch immer nicht richtig glauben konnte, dass alles wirklich geschah. Zwei lange Jahre hatte der Scheidungsprozess in Luxemburg gedauert, wo sie die längste Zeit ihres Lebens als Krankenschwester tätig gewesen war. Außerdem gab es Schwierigkeiten bei der Visumserteilung. Dann aber klappte plötzlich alles wie am Schnürchen. Jetzt tauschten Elisabeth Waldhelm und Iwan Bywschich die Ringe. Das, was sie sich sechzig Jahre lang nur wünschen konnten, erfüllte sich binnen weniger Minuten.

Unmittelbar nach der Trauung bezogen die Jungvermählten eine geräumige Wohnung – ein Geschenk des ehemaligen Gouverneurs der Region Krasnojarsk. Elisabeth, die in Deutschland eine auskömmliche Rente erhielt, richtete das neue Heim selbst ein, kaufte Teppiche, Geschirr, ein Sofa und zwei Sessel. So begannen die beiden ihr Eheleben wie ein ganz normales älteres Ehepaar, gingen viel spazieren, lasen und unterhielten sich – meist auf Deutsch, da Iwan die Sprache noch von früher beherrschte.

 

Eine Liebe in Kriegszeiten

Elisabeth Waldhelm. Foto: aus dem

persönlichen Archiv

Nachdem sein Regiment in Thüringen Quartier bezogen hatte, wurde der zwanzigjährige Hauptfeldwebel Iwan Bywschich zum Kommandanten von drei Ortschaften, Heyerode, Diedorf und Eigenrieden, ernannt. Das war im Juli 1945. Der landläufigen Meinung, dass damals Freundschaften zwischen Russen und Deutschen nicht vorkamen, setzt Iwan Bywschich gern seine eigene Erfahrung entgegen und versichert: Doch, die gab es. So freundete er sich in Heyerode mit Günter an, einem jungen Deutschen, der in der Wehrmacht gedient hatte und aus der Kriegsgefangenschaft entlassen worden war. Die beiden trafen sich oft, redeten viel miteinander, und eines Tages stellte ihm Günter seine jüngere Schwester Elisabeth vor. Liebesverhältnisse mit deutschen Mädchen waren den Soldaten der Roten Armee verboten, aber Bywschich ließ sich durch das Verbot nicht abhalten. Er verliebte sich in Lieschen, wie er Elisabeth zärtlich nennt, mietete eine winzige Wohnung und begann mit ihr zusammenzuleben.

Über seine Beziehung zu einer Deutschen wussten alle Bescheid, doch die meisten sahen geflissentlich darüber hinweg. Man ließ ihn gewähren, so lange, bis Iwan erklärte: „Ich will Elisabeth heiraten.“ Da wurde er umgehend in die Sowjetunion abkommandiert, und die unglückliche Elisabeth blieb allein in Deutschland zurück. Ob sie sich jemals wiedersehen würden, wussten weder Iwan noch Elisabeth, doch in ihren Briefen war beständig von dieser langersehnten Begegnung die Rede. Zehn Jahre lang dauerte die Korrespondenz, zehn Jahre, in denen Iwan Bywschich, wie er versichert, andere Mädchen nicht einmal ansah und auch Elisabeth keinen anderen Mann heiratete. „Ich habe auf Wanja gewartet, habe immer auf irgendetwas gehofft. Ich dachte, wenn Stalin stirbt, dann kommt alles in Ordnung“, erklärte sie in einem Interview.

Den Briefwechsel beendete Iwan Bywschich. 1956 wurde er „von zuständiger Stelle“ vorgeladen und aufgefordert, „dieses schändliche Techtelmechtel mit Deutschland“ zu beenden, wenn er nicht in einem Arbeitslager im Hohen Norden landen wolle. Iwan schrieb Elisabeth einen Abschiedsbrief, überwand sich und warf ihn tatsächlich in den Briefkasten. Kurz darauf heiratete er, auch Elisabeth ging später eine Ehe ein, doch beide wurden mit ihren Partnern nicht glücklich. Im Alter alleinstehend, dachte Iwan Bywschich häufig an die Vergangenheit, erinnerte sich an die ungetrübten Tage mit Lieschen in der kleinen Wohnung in Deutschland.

 

Das Wiedersehen nach sechzig Jahren

Eines Tages wurde Iwan Bywschich gebeten, seinen besten Anzug anzuziehen und sich zu rasieren, weil ihn – so die Erklärung – eine wichtige Person sehen wolle, die sich für seine Arbeit in der Gesellschaft für Heimatkunde und Genealogie interessiere. Frühmorgens holten ihn Kollegen ab und fuhren im Auto mit ihm los, ohne das Ziel zu verraten. Bywschich wurde unruhig und verlangte eine Erklärung: „Nun sagt schon, wohin wir fahren!“ Das Auto hielt vor einem unbekannten Haus. Man forderte ihn auf, in den ersten Stock zu gehen. „Wenn Sie in das Zimmer kommen, wird Ihnen sofort alles klar“, versprach man ihm.

Iwan Bywschich war verärgert, weil er nicht verstand, was die Geheimnistuerei sollte, ging aber trotzdem hinauf. Dort vor dem Fenster stand eine gepflegte alte Dame mit sorgfältig gelegtem grauem Haar und winkte ihm zu. Das musste eine Fata Morgana sein. Minutenlang konnten die beiden nicht glauben, dass dies kein Traum war. „Wie hast du mich gefunden?“, fragte Iwan Bywschich fassungslos. Wie sich herausstellte, hatten Kollegen des Weltkriegsveteranen, die sich sehr für seine Lebensgeschichte interessierten und von seiner großen Liebe in Deutschland wussten, Elisabeth ausfindig gemacht, sie angerufen und eine Reise nach Krasnojarsk vorgeschlagen.

 

Unaufhörliche Liebe

Elisabeth Waldhelm ist vor drei Jahren verstorben. Sie erkrankte und flog

zur Behandlung zurück nach Deutschland, von wo sie jeden Tag mehrmals ihren Mann anrief, um ihm zu versichern: „In einem Monat bin ich wieder zu Hause, allerspätestens in zwei.“ Dann aber hörten die Anrufe plötzlich auf. „Lisa ist gelähmt“, erfuhr Iwan Bywschich von einer Verwandten Elisabeths, die sich eine Woche später telefonisch bei ihm meldete. Nach einigen weiteren Tagen kam die Nachricht von Elisabeths Tod. Iwan Bywschichs Kinder redeten ihm aus, zur Beerdigung zu fahren, denn sie befürchteten, das Herz des alten Mannes könnte versagen. „Ich liebe sie noch immer, liebe sie so sehr, meine Elisabeth“, bekennt der Weltkriegsveteran.