OTR: ein öffentlich-rechtlicher Fernsehsender für Russland

Auf der Webseite von OTR heißt es über dessen Ziele: „Aufbau einer Zivilgesellschaft in Russland, Aufklärung, Bildung und Förderung von moralischen Werten". Foto: Sergej Kuksin / RG

Auf der Webseite von OTR heißt es über dessen Ziele: „Aufbau einer Zivilgesellschaft in Russland, Aufklärung, Bildung und Förderung von moralischen Werten". Foto: Sergej Kuksin / RG

Die Gespräche dauerten zwei Jahre, jetzt wird die Vision Wirklichkeit: In Russland geht am 19. Mai ein öffentlich-rechtlicher Fernsehkanal („Obschtschestwennoje Telewidenije Rossii“) an den Start. Die Idee stammt von Ministerpräsident Dmitri Medwedjew als er noch Präsident des Landes war. Damals hat er gesagt: „Freiheit ist besser als Unfreiheit.“ Deshalb hat er die Idee eines öffentlich-rechtlichen Senders tatkräftig unterstützt.

Pläne hat er viele, der Generaldirektor des neuen öffentlich-rechtlichen Fernsehkanals, Anatoli Lyssenko. Ein Mann, der Stalin noch persönlich die Hand geschüttelt hat. Ein Mann aus längst vergangener Zeit also – und gleichzeitig eine Fernsehlegende, die Ende der 80er Jahre die bekannte Sendung „Vsglad", zu Deutsch „Einblick", moderiert hat. Im Gespräch mit TV-Moderatorin Xenia Sobtschak sagt er wörtlich: „Mein Kontakt mit Präsident Putin beschränkt sich auf meine Berufungsurkunde. Ich habe natürlich etwas, womit ich wuchern kann und das sind mein Alter und mein Renommee. Und ich glaube nicht, dass die Regierung einen weiteren Sender braucht, der ihn hofiert." Lyssenko ist Generaldirektor und Chefredakteur in einem und wird vom Präsidenten für vier Jahre ernannt.

Vor 20 Jahren gab es in Russland bereits einen öffentlich-rechtlichen Sender namens ORT. Heute heißt er „Erster Kanal" ist und ist das Sprachrohr des Kremls. Jetzt will man es also noch einmal probieren. Allerdings ist der Geburtsfehler derselbe wie damals: Das Geld für den

öffentlich-rechtlichen Sender kommt vom Staat. Daran sieht man in Putins Reihen nichts Verwerfliches, wie das Zitat des stellvertretenden Telekommunikationsministers, Alexej Wolin, zeigt. Er soll bei einer Veranstaltung vor Moskauer Studenten gesagt haben: Der Journalist solle daran denken, dass er nicht dafür da sei, die Welt zu verbessern. Der Journalist solle Geld verdienen für diejenigen, die ihn bezahlten und die bestimmten, was man schreibe und was man nicht schreibe und wie man es schreibe.

Das klingt zunächst unglaublich, spiegelt aber die Haltung vieler im Kreml wider, die glauben, PR und Journalismus sei dasselbe. Deshalb sieht man keinen Interessenskonflikt, wenn scheinbar unabhängige Journalisten vom Staat bezahlt werden sollen. Leonid Nikitinskij, Gerichtsreporter bei der Zeitung „Nowaja Gazeta", bei der auch Anna Politkowskaja gearbeitet hat, sagt: „Es heißt, wenn es sich öffentlich-rechtliches Fernsehen nennt, wird es irgendwie anders. Aber daran glaube ich nicht, denn wenn es aus dem Staatsbudget finanziert wird und nicht durch die Fernsehzuschauer, dann wird es genauso wie alle anderen." Damit meint er Sender wie Rossija 1, Rossija 2, Rossija 24 und NTV, die genauso wie der neue Sender OTR landesweit und kostenfrei ausgestrahlt werden.

Der Journalist Leonid Nikitinskij. Foto: Pauline Tillmann


Im Internet verdient man in Russland kein Geld

Leonid Nikitinskij beobachtet, dass immer mehr Journalisten in Russland, die ihre Meinung frei äußern wollen, ins Internet flüchten. So sagen sie tagsüber das eine und abends – unter Pseudonym – etwas völlig anderes. Man könne wählen zwischen freier Meinungsäußerung und einer anständigen Bezahlung bei einem vom Staat kontrollierten Medium, meint der 60-Jährige. Die meisten Journalisten in Russland entschieden sich für das Letztere. Nikitinskij betont: „Natürlich gibt es Pressefreiheit und es gibt kritisch denkende Menschen – einige von ihnen sind Journalisten – die sich vor allem im Internet tummeln. Es ist so wie Dmitri Medwedjew einmal gesagt hat: "Technisch gesehen sind alle frei. Du kannst frei berichten, aber damit verdienst du kein Geld."

Denn das Internet spielt immer noch eine untergeordnete Rolle in Russland. Deshalb erklärt Vitali Zeplajev, Politikchef bei der größten russischen Wochenzeitung „Argumenty i Fakty", man brauche das Fernsehen, um die Massen zu erreichen. Deshalb versuche die Regierung, das Fernsehen zu kontrollieren. Bislang gibt es nur einen Fernsehkanal, der beides verbindet: „Doschd", zu Deutsch Regen, ist ein TV-Sender, den man nur im Internet sehen kann und sich trotzdem großer Beliebtheit erfreut.

Einer der bekanntesten Moderatoren ist Leonid Parfjonow, der vor drei Monaten ein alternatives Projekt zum öffentlich-rechtlichen Fernsehen gestartet hat. Es nennt sich „Fond für die Unterstützung von unabhängigen Medien" und soll vor allem durch die Spenden von Zuschauern finanziert werden. Beim jetzt geplanten öffentlich-rechtlichen Fernsehsender OTR

hat man daran erst gar nicht gedacht. Offenbar ist man der Meinung, dass die Russen für Gebührengelder noch nicht bereit seien. Vitali Zeplajev von „Argumenty i Fakty erklärt: „Es wurde eine Entscheidung von Dmitri Medwedjew bemerkenswert schnell umgesetzt, aber ob das Resultat der Öffentlichkeit gefallen wird, daran habe ich große Zweifel."

 

„Eine lang erwartete positive Entwicklung"

Auf der Webseite von OTR heißt es über dessen Ziele: „Aufbau einer Zivilgesellschaft in Russland, Aufklärung, Bildung und Förderung von moralischen Werten". OTR solle außerdem eine neue Plattform für die wichtigsten Anliegen in der Gesellschaft sein und ein „Mittel für offene und direkte Kommunikation zwischen Behörden und Bürgern".

Dunja Mijatovic, die OSZE-Beauftragte für Medienfreiheit, begrüßte die Gründung des neuen Kanals Mitte April als „lang erwartete positive Entwicklung". Diese Entwicklung soll die Außenwirkung haben: Russland entwickelt sich weiter Richtung Demokratie und hat endlich einen eigenen öffentlich-rechtlichen Fernsehsender. Allerdings ist er finanziell besonders schlecht ausgestattet, deshalb ist die Perspektive völlig unklar.

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