Freiwillig im Einsatz

Jährlich kommen Dutzende Deutsche nach Russland, um dort Freiwilligendienste zu leisten. Russland HEUTE hat zwei Freiwillige getroffen und erfahren, weshalb sie diesen ehrenamtlichen Einsatz angetreten haben und wie sie konkret Menschen in Russland helfen.

Christina Prehm. Foto aus dem

persönlichen Archiv

„Als ich losgefahren bin nach Russland, war ich naiv. Ich dachte, ich könnte dieses Land verändern", schildert Christina Prehm (22) aus Dresden. Sie war erst 20, als sie sich nach dem Schulabschluss auf die Reise nach Sankt Petersburg machte. Über Russland wusste Christina damals nur wenig. Ihr Vater, der einmal in der Sowjetunion gewesen war, hatte ihr einiges erzählt, anderes hatte sie in Büchern gelesen.

Christina Prehm kam als Freiwillige der Organisation Perspektiven und wählte den wohl schwierigsten Einsatz: die Betreuung von Behinderten in einem psychoneurologischen Heim. Auf die Bitte, die Menschen, die sie dort betreut hat, näher zu beschreiben, reagiert Christina mit einer immer gleichen Antwort: „Das sind diejenigen, die Putin nicht auf den Straßen der Städte sehen will." In einem riesigen Raum liegen Behinderte, alte Menschen und auch Kranke mit psychischen Störungen. Die meisten von ihnen sind Waisen, haben nur das Pflegepersonal, das sich um sie kümmert. Für ein jämmerliches Gehalt windeln die Pflegerinnen die Patienten, gehen mit ihnen spazieren, wenn Zeit, Kraft und Lust dafür reichen. „Wir helfen ihnen zu sterben", hört Christina Prehm einmal von einer Pflegerin.

Wenn Christina morgens zu ihren Schützlingen kam, gab sie jedem die Hand, so wie in Deutschland üblich. Dann putzte sie ihnen die Zähne, wechselte die Windeln und unterhielt sich mit den Bewohnern des Internats. Einer von ihnen war der damals 28-jährige Jaroslaw, der an Autismus litt und die ganze Zeit schwieg. „Willst du dir die Zähne putzen?", fragte ihn Christina. Jaroslaw zog sich die Decke über den Kopf, sah nicht einmal darunter hervor.

„Willst du dir die Zähne putzen?", wiederholte Christina, und nach einiger Zeit brachte er dann endlich ein einziges Wort heraus: „Njet". Was war

In Christinas Wahrnehmung ist Russland eine Ellenbogengesellschaft, in der sich jeder um sich selbst kümmert.

Deshalb haben es Behinderte in diesem Land besonders schwer.

dieses „Nein" für eine Überraschung für Christina! Dank ihrer Bemühungen summte Jaroslaw schließlich Lieder vor sich hin und ahmte sie sogar nach. Die Erinnerung an ihn bedrückt Christina Prehm bis heute: „Es kann gut sein, dass sich nach meiner Abreise niemand mehr um ihn kümmert. Gut möglich, dass er jetzt wieder schweigt."

„Dieses Land hat mich erwachsener gemacht", resümiert Christina. „Vor meinem Einsatz war mir nicht bewusst, dass es irgendwo Menschen gibt, die unter solchen Bedingungen wie in Russland leben. In Sankt Petersburg habe ich sie mit eigenen Augen gesehen."

In Christinas Wahrnehmung ist Russland eine Ellenbogengesellschaft, in

der sich jeder um sich selbst kümmert. Deshalb haben es Behinderte in diesem Land besonders schwer. „Obendrein ist dort sehr viel schlecht organisiert", ist der Eindruck der Freiwilligen nach ihrem Einsatz in Russland. „Sogar die Kommunikation. Oft, wenn ich mich mit Russen unterhielt, dachte ich, dass sie einander gar nicht richtig zuhören, mehr aneinander vorbei reden."

Doch trotz dieser kritischen Einschätzung fährt Christina Prehm im Sommer erneut nach Sankt Petersburg. Allerdings nicht zum Freiwilligendienst, sondern zu Besuch. Während der Reise möchte sie ihre ehemaligen Schützlinge treffen, darunter auch den Autisten Jaroslaw.

 

„Nach Moskau zu fahren war mein Traum"


Maximilian Hausmann. Foto aus dem persönlichen Archiv.

Einmal wöchentlich besucht der 19-jährige Berliner Maximilian Hausmann, der in Moskau Freiwilligendienst leistet, Oma Aldona. Sie ist 87 Jahre alt und seit einiger Zeit vollständig erblindet. „Was ich tue, scheint vielleicht nicht ganz ernsthaft", erklärt er. „Ich diktiere Oma Aldona einfach laut die Telefonnummern ihrer Freunde, und die wählt sie dann ganz langsam und tastend."

Wenn Oma Aldona mit allen Bekannten telefoniert hat, unterhält sie sich mit Maximilian, erzählt ihm von ihrer schweren Vergangenheit und der nicht eben leichten Gegenwart. Während des Krieges wurde die junge Frau als Zwangsarbeiterin nach Deutschland verschleppt, doch sie war mutig und floh zurück in die Sowjetunion. Aber schon in Polen, wo sie sich bereits sicher glaubte, wurde sie von Deutschen festgenommen, wieder nach Deutschland geschickt und für einige Zeit in einem Gestapo-Gefängnis eingesperrt.

Maximilian bezeichnet seine Arbeit für Oma Aldona als seelische Unterstützung. „Sie ist ungeheuer offen und umgänglich. Sie braucht einfach einen Menschen, der ihr zuhört."

Maximilian absolviert seinen Freiwilligeneinsatz im Auftrag der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste. Seit 1990 entsendet die ASF Freiwillige

nach Russland, wo sie Veteranen des Zweiten Weltkriegs unterstützen, sich aber auch mit unterschiedlichen Formen der Diskriminierung auseinandersetzen. So betreut Maximilian nicht nur Oma Aldona, sondern gibt zudem noch einem afrikanischen Jungen aus einer Schule für Flüchtlinge Englisch-Unterricht. Er ist auch bei der Menschenrechtsorganisation Memorial tätig.

Wie Maximilian Hausmann erklärt, hielt die Euphorie, die er bei seiner Ankunft in Moskau empfand, noch lange Zeit an. Aber bleiben möchte er dort, wo er nun bereits seit sieben Monaten Freiwilligendienst leistet, dennoch nicht. „Nach Russland zu gehen und mich gleichzeitig über soziale Projekte menschlich weiterzuentwickeln war mein Traum, aber leben könnte ich in Moskau kaum."

Den jungen Mann aus Berlin, der schon mit fünfzehn Russisch lernte und sich für die russische Kultur begeisterte, stören manchmal das Chaos und der Rassismus im russischen Alltagsleben. „Nein, ich selbst habe keine Diskriminierung erfahren, weil ich Deutscher bin. Aber hier liegt ständig so eine Spannung in der Luft: in der U-Bahn, auf den Straßen, in den Geschäften... Bei Streitigkeiten werfen sich die Leute oft gegenseitig ihre Nationalität vor. Das stößt mich ab. Ich wurde einmal von russischen Nationalisten angepöbelt, weil ich einem Asiaten geholfen habe, der von diesen Leuten gemobbt wurde."

Selbst Moskau, das er schon gut kennt, wird Maximilian Hausmann nicht sehr vermissen. „Das ist nicht meine Stadt", erklärt er. „Hier sind alle ein bisschen verschlossen und gehen seltsam miteinander um. Mir scheint, Moskau zerbricht die Menschen." Dennoch möchte Maximilian, wenn er wieder in Berlin ist, weiter im Bereich der russisch-deutschen Beziehungen tätig sein und sich für ihre Verbesserung einsetzen. Was aus Russland wird er in Deutschland vermissen? „Die Kontaktfreudigkeit der Leute, wenn man Zug fährt", sagt Maximilian.

 

Wie man zu einem Freiwilligeneinsatz in Russland kommt


Die Hauptaufgabe der Freiwilligen besteht darin, Bedürftigen zu helfen, wobei die Formen der Unterstützung vielfältig sind. Foto: ASF

Das Internet liefert eine gute Übersicht über die Möglichkeiten des Freiwilligendienstes in Russland. Verschiedene Organisationen bieten unterschiedlich lange Einsätze in Sankt Petersburg, Moskau, Perm und anderen russischen Städten an. Die Hauptaufgabe der Freiwilligen besteht darin, Bedürftigen zu helfen, wobei die Formen der Unterstützung vielfältig sind und vom Fensterputzen in den Wohnungen älterer Menschen über die Betreuung von Kranken bis zum Anlegen eines für Menschen mit Behinderung geeigneten Touristenpfads rund um den Baikal-See reichen können.

In der Regel müssen die Freiwilligen die Kosten der Reise zu ihrem Bestimmungsort nicht selbst tragen und erhalten während des Einsatzes ein monatliches Taschengeld. Doch ungeachtet dieser durchaus ansprechenden Bedingungen finden sich nicht viele Interessenten, die in Russland Freiwilligendienste leisten wollen.

„Russland ist sicherlich eher für eine kleine Minderheit attraktiv, das war auch in den 90er-Jahren so", urteilt Ute Weinmann, die seit 1999 für die Aktion Sühnezeichen Friedensdienste und als freie Journalistin in Moskau

arbeitet. Dafür gibt es nach Weinmanns Ansicht mehrere Gründe: Die deutschen Massenmedien berichten nicht allzu häufig über Russland und hauptsächlich in einem negativen Kontext. Zudem wird in deutschen Schulen immer weniger Russisch-Unterricht angeboten. Darüber hinaus erschweren Visa-Probleme den Einsatz in Russland, denn die meisten Freiwilligen erhalten kein Jahres-, sondern nur ein Vierteljahresvisum und müssen alle drei Monate ausreisen, um ihr Visum zu Hause verlängern zu lassen. „Deshalb wird das Angebot von Freiwilligenarbeit in Russland immer kleiner", so Weinmann.

Aber weshalb fahren dann überhaupt noch Freiwillige nach Russland, wenn alles so schwierig ist? Eine Antwort auf diese Frage findet sich im Blog des 23-jährigen ASF-Freiwilligen Jan Frederik Grundmann, der in Perm eine russische Rentnerin unterstützte: „Zum Abschied reicht Baba Gjenja mir zwei Bonbons und wir wünschen uns alles Gute. Meine Eltern solle ich anrufen, gibt sie mir noch mit auf den Weg, ihnen sei Dank für einen so guten Jungen. Dann gehe ich zurück ins Büro und habe das Gefühl, wieder einmal wirklich gebraucht worden zu sein."

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