U-Bahn-Chaos wird Moskauer Wahlkampfthema

Zu dem Verkehrschaos kam es just an dem Tag, als der Moskauer Bürgermeister Sergej Sobjanin offiziell dem Präsidenten Wladimir Putin seine Rücktrittserklärung vorlegte. Foto: ITAR-TASS

Zu dem Verkehrschaos kam es just an dem Tag, als der Moskauer Bürgermeister Sergej Sobjanin offiziell dem Präsidenten Wladimir Putin seine Rücktrittserklärung vorlegte. Foto: ITAR-TASS

Das Feuer in einem U-Bahn-Tunnel in der Nähe des Kremls zeigt, dass das Problem der Verkehrsinfrastruktur die Popularität des Bürgermeisters auf die Probe stellen könnte.

Der Verkehr auf einer der am stärksten frequentierten Abschnitte einer U‑Bahn‑Linie im Zentrum Moskaus wurde am Mittwoch zweimal für insgesamt fünf Stunden unterbrochen. Grund war ein unterirdisches Starkstromkabel, das an zwei unterschiedlichen Stellen im Tunnel am Morgen und am Nachmittag gebrannt hat.

Aufgrund des Zwischenfalles mussten Dutzende Passagiere medizinisch behandelt werden, da sie Kohlenmonoxid eingeatmet hatten. Es kam zu massiven Verzögerungen im Berufsverkehr, Tausende Pendler mussten den Weg zur Arbeit zu Fuß zurücklegen.

Zu dem Verkehrschaos kam es just an dem Tag, als der Moskauer Bürgermeister Sergej Sobjanin offiziell dem Präsidenten Wladimir Putin seine Rücktrittserklärung vorlegte. Dieser unterstützt Sobjanins erneute Kandidatur bei den Bürgermeisterwahlen im September – die ersten seit zehn Jahren in Moskau.

Es gab vonseiten Sobjanins oder der Stadtverwaltung keine Stellungnahme zu den U‑Bahn‑Problemen am Mittwoch. Inzwischen gab die Moskauer Metro auf ihrer Website in knappen Worten bekannt, dass der Fahrbetrieb wieder aufgenommen worden sei und ließ verlautbaren: „Die Moskauer U‑Bahn bittet die Passagiere für die Unannehmlichkeiten um Entschuldigung!"

 

Bürgermeister soll Brandschutz vernachlässigt haben

Einer von Sobjanins möglichen Gegenkandidaten bei der Wahl, der Vorsitzende der Jabloko-Partei Sergej Mitrochin wies darauf hin, dass der Bürgermeister die Sicherheit in der U‑Bahn gerade erst vor drei Wochen unter Verweis auf die Metro-Station Ochotnyj Rjad als beispielhaft gelobt habe.

„Nach dem heutigen Brand in der U‑Bahn ist klar, dass diese Behauptungen nichts weiter als Werbung in eigener Sache waren, die die äußerst unschöne Wirklichkeit verbergen", schrieb Mitrochin im Blog auf der Website des Radiosenders Echo Moskwy. „Heute können wir feststellen,

dass das Brandschutzsystem in der Moskauer U‑Bahn unzureichend ist und jederzeit versagen kann".

Kritik am Bürgermeister gab es auch in der liberalen Online-Zeitung Gazeta.ru, bei der es in einem Kommentar des Chefredakteurs hieß: „Statt um politische Spiele, wie vorgezogene Wahlen, sollte der Moskauer Bürgermeister sich besser um die brennenden Probleme in der Wirtschaft der Stadt kümmern: Nach dem heutigen Vorfall wird Sergej Sobjanin wahrscheinlich nicht mehr so großartig in dem Schutzhelm aussehen, in dem er eine andere Metro‑Station während seiner kurzfristig bekanntgegebenen Wahlkampfkampagne eingeweiht hat".

 

Großangelegtes Investitionsprogramm

Sobjanin hat nach seiner Amtseinführung als Bürgermeister im Oktober 2010 weitreichende Reformen durchgeführt. Seine Verwaltung plant, umgerechnet 42 Milliarden Euro in den Bau und die Erneuerung von Straßen, U‑Bahn‑Linien und sonstiger Infrastruktur zu investieren, um die Kapazität des öffentlichen Personennahverkehrs um 45 Prozent zu erhöhen und damit die katastrophalen Verkehrsstaus in der Stadt zu mildern.

Zusätzlich zu den vorhandenen 188 U‑Bahn‑Stationen plant die Moskauer Stadtregierung bis Ende dieses Jahres die Inbetriebnahme 14 neuer Stationen. Im letzten Jahr gab das Rathaus einen Plan bekannt, wonach Anteile an der U‑Bahn‑Gesellschaft verkauft werden sollen, um Kapital für die Entwicklung bis zum Jahre 2025 zu akquirieren.

Die Moskauer Metro, mit bis zu neun Millionen Passieren pro Tag, stellt die U‑Bahn mit dem größten Fahrgastaufkommen der Welt dar. In diesem Jahr kam es bereits zu ähnlichen Vorfälle, allerdings kleineren Ausmaßes: Ungefähr 300 Menschen wurden am 5. Mai aus einer U-Bahn-Station evakuiert, als die Stromschiene in einem Tunnel im Südosten der Stadt in Flammen aufging. Insgesamt wurden im letzten Jahr sieben größere Verkehrsstörungen bei der Metro registriert.

 

Stundenlanges Warten auf Evakuierung

Auch das Katastrophenmanagement muss überarbeitet werden. Am Morgen des 5. Juni waren Hunderte Passagiere während des Berufsverkehrs bis zu einer Stunde lang in nichtklimatisierten Waggons im Tunnel gefangen. Während der gesamten Zeit wurden sie nicht über die Ursache der Betriebsunterbrechung informiert. Einige der Fahrgäste verbreiteten sogar das Gerücht, die U-Bahn sei von Terroristen attackiert worden.

„Ich ging auf die Website von RIA Novosti und las die Meldung über das Feuer in der Metro-Station Ochotnyj Rjad laut vor. Eine agile Dame schrie „Feuer in der U-Bahn!" und ihr Nachbar guckte sie verwirrt an – ‚Ein Terroristenangriff!'" schrieb Natalja Bem, die in einem Zug in der Nähe von Park Kultury (drei Station von Ochotnyj Rjad) stecken geblieben war, auf ihrer Facebook-Seite.

 

Der Brand im Moskauer Metro. Quelle: YouTube / Egor Sinitca

Orientierungslos und ohne Informationen

Nachdem sie wieder an der Oberfläche waren, mussten die Passagiere selbstständig herausfinden, wie sie zur Arbeit oder in die Schule gelangen konnten.

„Das U‑Bahn‑Personal erklärte den Leuten nicht, wohin sie zu gehen haben, und welche Stationen in der Nähe sie stattdessen nutzen können", erzählte Dmitrij Galotschkin, Mitglied der Kommission für öffentliche Sicherheit der Gesellschaftlichen Kammer Russlands gegenüber der Nachrichtenagentur RIA Novosti. „Es sollte Hinweistafeln

Das Büro der Moskauer Staatsanwaltschaft gab bekannt, es würde die Vorfälle vom 5. Juni genau untersuchen.

Anna Nikolajewa, die ehemalige stellvertretende Chefredakteurin der Zeitung Moskowskije Nowosti, schrieb im Blog auf der Website des Radiosenders Echo Moskwy, dass die Unzufriedenheit der Moskowiter mit anderen Problemen der Verkehrsinfrastruktur, wie zum Beispiel dem Straßenbau, wahrscheinlich zusätzlichen Widerstand gegen den amtierenden Bürgermeister provozieren wird.

„Offensichtlich werden die Lebensqualität in der Stadt und die verfassungsmäßigen Rechte der Bürger auf eine gesunde Umwelt zugunsten der Bau‑Lobby geopfert", schloss Nikolajewa.

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