Der 12. Juni - russischer "Independence Day"

Boris Jelzin wollte den 12. Juni zu einem russischen "Independence Day" machen: Den Tag, an dem Russland seinen Austritt aus der Sowjetunion erklärte. Foto: ITAR-TASS

Boris Jelzin wollte den 12. Juni zu einem russischen "Independence Day" machen: Den Tag, an dem Russland seinen Austritt aus der Sowjetunion erklärte. Foto: ITAR-TASS

Einen „4th of July“ wollten 
die Gründerväter des neuen Russlands etablieren. Aber der 12. Juni wurde bald zum Sybol des Niedergangs. Heute 
hat der „Tag Russlands“ seine Bedeutung eingebüßt. Wir 
erinnern an die Ursprünge.

Es begann am 12. Juni 1990, als der Kongress der Volksdeputierten der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR) die Deklaration der staatlichen Souveränität annahm. Wer diese Zeit nicht miterlebt hat, wird sich kaum vorstellen können, warum diese Abstimmung so wichtig war.

In jener Zeit verabschiedeten die Parlamente von ehemaligen Sowjetrepubliken wie Estland und Lettland der Reihe nach Souveränitätserklärungen. Der RSFSR blieb in diesem historischen Moment nichts anderes übrig, als sich anzuschließen.

Zurück in die Zarenzeit

Für diesen Tag wurden im Jahr darauf die ersten Präsidentschaftswahlen der RSFSR anberaumt – eine politische Botschaft. Die Entscheidung hatte außerdem praktische Gründe. Das Wahlkampfteam von Boris Jelzin befürchtete, dass ein Aufschub des Wahltermins den Sieg des Kandidaten im ersten Wahlgang gefährden könnte. Man musste damit rechnen, dass die Wähler in den verdienten Sommerurlaub abreisen würden.

Doch die ideologischen Motive für den Termin am 12. Juni waren weitaus wichtiger. Denn die Begründung des neuen russischen Staates hatte zwei Prämissen. An erster Stelle stand die Rückkehr zu den Traditionen des vorsowjetischen Russlands. Markantes Beispiel dafür war die um sich greifende neue Popularität von Kaufleuten und Adeligen, die sich in einem Wiederaufleben von „Kaufmannsgilden“ und „Adelsversammlungen“ niederschlug. Und auch die Rückkehr des Wortes „gospodin“ (Herr) und die dreifarbige Fahne in den panslawischen Farben, die fast über Nacht als offizielle Flagge der RSFSR angenommen wurde, waren Ausdruck für diesen Trend.

Die Rückbesinnung auf „vorbolschewistische Zeiten“ entwickelte sich zum Symbol des neuen russischen Staates. Nicht zufällig fand auch am 12. Juni 1991 die Umbenennung von Leningrad in St. Petersburg statt.

Ein neuer Tag, ein neues Land

Zugleich schlüpften die Architekten der neuen russischen Staatlichkeit in die Rolle der Gründerväter der USA, die ein Land aus dem Nichts geschaffen hatten. Das erklärt auch die Entscheidung, den Tag, an dem die Deklaration der Unabhängigkeit – im Grunde ein symbolisches Dokument – verabschiedet wurde, zum nationalen Feiertag zu machen.

Und der Präsident des neuen Russlands musste selbstverständlich 
am Tag der Unabhängigkeitserklärung gewählt werden. Das war Teil ein und desselben Konzepts: Wir bauen ein neues Land auf, wir schaffen einen neuen staatlichen und gesellschaftlichen Raum, und wir sind die Begründer neuer Traditionen.

Der Kongress der Volksdeputierten der noch als Sowjetrepublik existierenden RSFSR spielte anfangs mit: Der 12. Juni wurde durch Beschluss des Obersten 
Sowjets 1992 zum Feiertag erklärt. 1994 bekräftigte Jelzin den Festtag durch einen Erlass. Zu diesem Zeitpunkt war die Begeisterung über den Jahrestag jedoch bereits erlahmt. Nicht von ungefähr warf die Bezeichnung „Tag der Unabhängigkeit“ Fragen auf.

Vor allem: Wer ist unabhängig und von wem? Im Juni 1990 hätte niemand gedacht, dass die RSFSR tatsächlich aus der Sowjetunion ausscheiden würde. Ein Zerfall der UdSSR war unvorstellbar. Die Unabhängigkeitserklärung erschien nur als ein Element des politischen Machtkampfes zwischen der sowjetischen Führung und der Gruppe um Jelzin.

Am 23. August 1993, nach dem misslungenen Putsch, verlangte Jelzin von Gorbatschow den Rücktritt als Generalsekretär der KPdSU. Foto: AFP/Eastnews

Die zweite Frage betrifft die Rolle der russischen Führung im 
politischen Zerfallsprozess der UdSSR. Mitte der 1990er-Jahre sprach man über den Untergang der Sowjetunion nicht als „größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“, wie dies Präsident Putin später tat. Viele aber empfanden dies bereits so. Damals kam die UdSSR-Nostalgie auf.

Zu diesem Zeitpunkt auch verschoben sich die Machtverhältnisse im Kreis um Jelzin zuungunsten der radikalen Demokraten. Die neue Generation des Jelzin-Regimes brauchte diesen Feiertag als Legitimation ihrer Macht. An die Umstände der Machtübernahme und die politischen Losungen, die diese Anfang der 1990er-Jahre begleiteten, wollte man sich in Jelzins Kreml nicht erinnern.

Im Laufe der Zeit wurde das Datum immer wichtiger für den russischen Staat. So hieß es auf der offiziellen Website des Feiertags anlässlich seines fünfjährigen Jubiläums: „Regierungsvertreter fast aller Regionen haben am Vorabend dieses Datums beschlossen, den Tag der Unabhängigkeit feierlich zu begehen. Und erstmals wurde dieser Tag zu einem wirklichen Fest.“

Die endgültige Entkopplung des Feiertags von seiner ursprüng
lichen Bedeutung fällt in das Jahr 1998, als Boris Jelzin ihm einen anderen Namen gab. Seitdem 
heißt er schlicht „Tag Russlands“. Erklärungen, die Unabhängig
keit, Gründerväter und der Marsch in die vorbolschewistische Ver
gangenheit blieben weit zurück. Der Staatsbankrott, das Ende des Tschetschenien-Kriegs, Wladimir Putin und ein unbekanntes, neues Russland sollten folgen.

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