Adoptionsverbot für Homosexuelle

Die Staatsduma hat einen Gesetzentwurf verabschiedet, der die Adoption russischer Kinder durch Ausländer, die in gleichgeschlechtlichen Ehen leben, verbietet. Foto: RIA Novosti

Die Staatsduma hat einen Gesetzentwurf verabschiedet, der die Adoption russischer Kinder durch Ausländer, die in gleichgeschlechtlichen Ehen leben, verbietet. Foto: RIA Novosti

Angesichts steigender Waisenzahlen und einer rückläufigen Entwicklung bei den Adoptionen in Russland führt das russische Parlament strenge Auflagen für Adoptionen durch Eltern aus Ländern ein, in denen gleichgeschlechtliche Ehen legalisiert wurden.

Am Dienstag, den 18. Juni, verabschiedete das Unterhaus des russischen Parlaments mit 443 von 450 Stimmen in zweiter Lesung einen Gesetzentwurf, der die Adoption russischer Kinder durch Ausländer, die in gleichgeschlechtlichen Ehen leben, sowie durch unverheiratete Paare aus Ländern, in denen gleichgeschlechtliche Ehen gesetzlich zugelassen sind, verbietet.

Der Gesetzentwurf wurde kurz nach der Legalisierung gleichgeschlechtlicher Ehen in Frankreich auf den Weg gebracht. Der französische Präsident François Hollande hatte am 18. Mai ein entsprechendes Gesetz unterzeichnet. „Das soziale Experiment an Kindern führt der Westen bei sich durch, Russland wird sich daran nicht beteiligen", sagte Jelena Misulina, Vorsitzende des Duma-Ausschusses für Frauen und Kinder und Mitverfasserin des Gesetzentwurfs.

Ihrer Auffassung nach müssten noch zusätzliche Regelungen eingeführt werden, um sicherzustellen, dass russische Kinder durch Adoption, die in einer einschlägigen russisch-französischen Vereinbarung vorgesehen ist, nicht in Familien mit gleichgeschlechtlichen Elternpaaren geraten.

Der auf Adoptionsrecht spezialisierte Anwalt Anton Scharow zweifelt an der Notwendigkeit eines solchen Gesetzes. „Ich kann mir keinen Richter vorstellen, der einer Adoption eines russischen Kindes durch ein gleichgeschlechtliches Paar in Frankreich zustimmt. Das entspricht nicht den in unserem Land herrschenden Vorstellungen über die Familie", sagte Scharow in einem Interview im Fernsehsender Doschd. „Ich persönlich kenne keinen Fall, in dem ein gleichgeschlechtliches französisches Paar auf einmal ins ferne Russland gefahren wäre, um hier ein Kind zu adoptieren." Nach Auffassung von Scharow ist eine Adoption in ein anderes Land zulässig, wenn das den Interessen eines konkreten Kindes entspricht und dieses Kind in Russland in ein Kinderheim müsste.

Uneingeschränkte Unterstützung des Adoptionsverbots für gleichgeschlechtliche Familien signalisierte die Russisch-Orthodoxe Kirche. „Die in letzter Zeit in einigen Staaten eingeführte Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften mit der traditionellen Ehe, die auch ein Recht auf Adoption vorsieht, ist der Schlussakkord eines langen Prozesses der Verabschiedung von Begriffen der Sittsamkeit, Enthaltsamkeit und ehelichen Treue", erklärte Wladimir Legojda, ein offizieller Sprecher der Russisch-Orthodoxen Kirche. „Das Experiment, das

einige Länder an Kindern durchführen, die einem, nach Überzeugung der Kirche sündhaftem Beziehungsgefüge ausgesetzt werden, ist scheußlich."

In einem Interview mit dem Fernsehsender REN TV sprach sich Jelena Misulina vor Kurzem dafür aus, Pflegekinder aus russischen gleichgeschlechtlichen Familien herauszunehmen. Misulina ist Verfasserin einer Reihe kontrovers diskutierter Initiativen, unter anderem des Verbots der Propagierung nicht-traditioneller sexueller (homo- und bisexueller) Beziehungen und der Transsexualität unter Minderjährigen, das am 11. Juni in dritter Lesung verabschiedet wurde.

Ende 2012 hatte sich der von Misulina geleitete Ausschuss für die Verabschiedung eines Gesetzes engagiert, das als Antwort auf die sogenannte Magnitskij-Liste ein Adoptionsverbot für Amerikaner einführte.

Zahlen und Fakten

 

In den vergangenen zwölf Jahren wurden gleichgeschlechtliche Ehen in Argentinien, Belgien, Brasilien, Dänemark, Island, Kanada, den Niederlanden, Norwegen, Portugal, Schweden, Südafrika und in 14 US-Bundesstaaten gesetzlich sanktioniert. Im August dieses Jahres kommen Uruguay und Neuseeland hinzu.

2012 fanden knapp 58 Prozent der von Ausländern adoptierten russischen Waisenkinder in diesen Ländern ein neues Zuhause.

Nach Angaben des Meinungsforschungsinstituts WZIOM stieg die Unterstützung eines ausnahmslosen Verbots internationaler Adoptionen in der russischen Bevölkerung von 32 Prozent im Jahr 2005 auf 64 Prozent im Jahr 2013.

Die Zahl der von Russen adoptierten Kinder ging von 9 530 im Jahr 2007 auf 6 565 im Jahr 2012 zurück. Ausländische Adoptionen erreichten ihre Hochphase mit 9 419 im Jahr 2004. Seitdem ist eine rückläufige Tendenz zu beobachten. Im vergangenen Jahr wurden 2 604 russische Waisenkinder von Ausländern adoptiert.

Der Vize-Regierungschefin Olga Golodjez zufolge warten über 118 000 russische Waisenkinder auf eine neue Familie. Die Zahl der Waisenkinder steigt weiter an.

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