Der Menschenhandel boomt in Russland

Human Rights Watch verfügt über konkrete Beweise dafür, dass bestimmte Arbeitnehmer in der Olympiastadt Sotschi die Verträge ihrer ausländischen Mitarbeiter missachten, ihnen die Löhne vorenthalten sowie ihre Pässe beschlagnahmen. Foto: ITAR-TASS

Human Rights Watch verfügt über konkrete Beweise dafür, dass bestimmte Arbeitnehmer in der Olympiastadt Sotschi die Verträge ihrer ausländischen Mitarbeiter missachten, ihnen die Löhne vorenthalten sowie ihre Pässe beschlagnahmen. Foto: ITAR-TASS

Russland, China und Usbekistan gehören einer Gruppe von Ländern an, die laut einer Rangliste des US-Außenministeriums die geringsten Fortschritte bei der Bekämpfung des Menschenhandels erzielen. Ihnen drohen gezielte Sanktionen.

Im aktuellen Bericht über Menschenhandel des US-Außenministeriums wurde Russland erstmals seit 2002 auf den drittletzten Platz eingestuft. Die russische Regierung habe, so der Bericht, keine nennenswerten Anstrengungen unternommen, auch nur die Mindeststandards bei der Unterbindung des Menschenhandels zu erfüllen. Im Beobachtungszeitraum seien zudem nur minimale Fortschritte dabei erzielt worden, die Opfer des Menschenhandels zu schützen und ihnen Hilfeleistungen anzubieten.

Dem Bericht zufolge sind eine Million Menschen in Russland „ausbeuterischen Arbeitsbedingungen" ausgesetzt. So werden angeblich Nordkoreaner, die in Russlands Fernen Osten in der Waldindustrie arbeiten, Zwangsarbeitbedingungen ausgesetzt.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch verfügt zudem über konkrete Beweise dafür, dass bestimmte Arbeitnehmer in der Olympiastadt Sotschi die Verträge ihrer ausländischen Mitarbeiter missachten, ihnen die Löhne vorenthalten sowie ihre Pässe und Arbeitserlaubnisse beschlagnahmen. In einigen Fällen von Menschenhandel sollen sogar ausländische Arbeiter ums Leben gekommen sein, während sie in Fabriken oder Arbeiterbaracken eingesperrt waren.

„Die Zahl der Fälle, in denen Klage erhoben wurde ist gering, verglichen mit dem geschätzten Ausmaß des Menschenhandels in Russland", heißt es in dem Bericht. Auch konnte die Regierung keinen Fortschritt bei der Aufklärung auch nur eines der in den Beobachtungsberichten aus den Jahren 2008, 2009, 2010 und 2011 aufgeführten Fälle verzeichnen. Dabei wurde eine Mittäterschaft von Beamten im Zuge des Menschenhandels beobachtet.

So gibt es etwa vereinzelte Belege, wonach russische Polizeibeamte Menschenhandel unterstützten, indem sie flüchtige Opfer zu ihren Ausbeutern zurückbringen oder sich von der Ausbeutern bestechen lassen. Die russischen Arbeitgeber gehen den staatlichen Sanktionen so aus dem Weg.

Trotz zahlreicher Medienberichte über unzumutbare Bedingungen in nordkoreanischen Holzfällercamps in Russlands Fernen Osten leitete die Regierung keine Ermittlungen ein. Auch hat die Regierungen keine strafrechtliche Verfolgung gegen ein Textilunternehmen aufgenommen, in dem schätzungsweise 170 vietnamesische Opfer des Menschenhandels arbeiten.

Konstantin Dolgow, Menschenrechtsbeauftragter des russischen Außenministeriums, sagte in einer Stellungnahme, etwaige US-Sanktionen gegen Russland würden „dem Ziel einer positiven Entwicklung der russisch-amerikanischen Beziehungen" widersprechen. Eine "angemessene Antwort" werde folgen. Weiterhin kritisierte Dolgow die dem Bericht zugrunde liegende Methode als „inakzeptabel". Die Länder würden „je nach Sympathien oder Antipathien des US-Außenministeriums" bewertet.

Swetlana Gannuschkina, die Vorsitzende einer NGO zur Unterstützung von Arbeitsmigranten und Flüchtlingen, glaubt, dass die Kritik des US-Außenministeriums berechtigt sei. Die angedrohten Sanktionen seien

allerdings kaum dafür geeignet, die Situation zu verbessern. „Wir richten unser Augenmerk auf die Probleme der Arbeitsmigranten. Denn diese sind wirklich schwerwiegend", erzählte Gannuschkina in einem Gespräch mit der Internetzeitung Gazeta.ru. „Die russischen Arbeitsinspektoren entziehen sich der Aufgabe, diese Menschen zu schützen, weil diese keinen Arbeitsvertrag vorweisen können."

„Wenn Polizeibeamte auf einer Baustelle oder in einer Fabrik auftauchen, lassen sie sich von denjenigen Personen bestechen, die die Sklavenarbeiter ausbeuten", sagte Gannuschkina. „Oder die Behörden bestrafen die Opfer des Systems – die Arbeitsmigranten – dafür, dass sie ohne eine Arbeitserlaubnis arbeiten. Diese würden sie [die Arbeitsmigranten] jedoch sowieso nicht erhalten."

Schlussendlich räumte auch der Vorsitzende des Präsidentenrates für Menschenrechte Michail Fedotow in einem Interview mit Voice of America ein, dass es sehr schwer sei, „die Profiteure von Sklavenarbeit vor Gericht zu stellen."

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