Russland-Deutschland-Jahr: Dialog der Generationen

Eröffnung des Deutschlandjahres in Russland am 20. Juni 2012: Große Puzzleteile wurden von Spaziergängern zu dem berühmten Albrecht Dürer Bild „Selbstbildnis im Pelzrock“ auf 300 Quadratmetern gelegt. Foto: ITAR-TASS

Eröffnung des Deutschlandjahres in Russland am 20. Juni 2012: Große Puzzleteile wurden von Spaziergängern zu dem berühmten Albrecht Dürer Bild „Selbstbildnis im Pelzrock“ auf 300 Quadratmetern gelegt. Foto: ITAR-TASS

Organisatoren und Ministerien sind sehr zufrieden: Das Russland-Deutschland-Jahr tat viel für die Völkerverständigung und den kulturellen Austausch. Unser Autor Dirk Besserer holte ein Fazit ein.

Das Deutschlandjahr in der Russischen Föderation ist vorbei. Über tausend Veranstaltungen in mehr als 50 Städten sind eine große Leistung aller Veranstalter und Teilnehmer. Auch das Russlandjahr in Deutschland ging am 1. Juli zu Ende – viele Veranstaltungen zeigten Russland von einer neuen, modernen Seite. Das Ziel war, beide Länder einander näherzubringen, den Austausch zwischen der Bevölkerung beider Länder zu fördern und kulturelle Brücken zu bauen. Das ist gelungen.

Der Start im Juni 2012 war jedoch holprig. Die Feier in Ochotnaya Rjad vor dem Roten Platz und die Eröffnung der seit langer Zeit geplanten Ausstellung „1000 Jahre Russen und Deutsche“ fand ohne Beisein der Staatspräsidenten Gauck und Putin statt. Das Interesse der Moskauer Bevölkerung war moderat. Im Gegenzug nahmen bei der zweiten Schau in Berlin mehr als 160 000 Besucher die Gelegenheit wahr, die gemeinsame Vergangenheit zu erforschen.

Das Budget des Deutschlandjahres war mit 3,6 Millionen Euro nicht gerade üppig bemessen. Zum Vergleich standen für das Deutschlandjahr in Brasilien 2013 ein Volumen von 6,2 Millionen Euro und für die Themenjahre in Indien und China noch wesentlich höhere Summen zur Verfügung. Der Ostausschuss der Deutschen Wirtschaft als Kontaktstelle zur Koordination mit der Großindustrie schaffte es gerade einmal einen Beitrag von etwas über eine Million Euro einzusammeln. Bei einem bilateralen Handelsvolumen von über 80 Milliarden Euro ist dies eine verschwindend geringe Summe.

Weitere 1,8 Millionen Euro stammen aus Bundesmitteln, und der Rest kam aus direkten Zuwendungen von Unternehmen wie die Unterstützung des Eröffnungskonzertes des Young Euro Classic Orchester Deutschland-Russland 2012 durch Lanxess am 20. Juni 2012 oder der Ausstellung „Deutsche und Russen. 1000 Jahre Kunst, Kultur und Geschichte“ seitens des Energiekonzerns E.ON. Aber auch russische Unternehmen wie Nowatek, MTS oder VEB engagierten sich beim Programm in Deutschland.

Wesentliche Kritikpunkte zu Beginn des gemeinsamen Jahres waren schon in der Planungsphase die mangelnde Einbeziehung der stark vernetzten Deutschen Expat Community, insbesondere in Moskau. Immerhin handelt es sich hier um etwa 10 000 Personen, die alltägliche Multiplikatoren für die deutsche Sprache, Kultur und Werte sind. Deshalb ist es beachtlich, dass die

Koordinatoren um Rüdiger Bolz vom Moskauer Goethe Institut es schafften, ein stimmiges Programm mit echten Highlights auf die Beine zu stellen – darunter der erste Besuch des Stuttgarter Staatsballetts im Bolschoi Theater seit 20 Jahren, die großartige Joseph-Beuys-Werkschau oder das Jan-Delay-Konzert im Gorki-Park. Zuletzt wurde als Höhepunkt am 21. Juni in Sankt Petersburg die Ausstellung „Bronzezeit – Europa ohne Grenzen“ eröffnet. Für eine grafische Klammer sorgte das prägnante Design mit unzähligen schwarz‑rot‑goldenen Punkten – stellvertretend für die tausend Projekte. Neben Sankt Petersburg und Moskau waren 2013 vor allem die Regionen Russlands Gastgeber für die russisch-deutsche Völkerverständigung.

Deutsch-Russisches Jahr bringt Menschen näher zusammen

Vielleicht war es aber gerade die mangelnde Grandeur des Jahres ohne Riesenpavillon und wirtschaftlicher Leistungsschau, die letztendlich dem Deutschlandjahr, aber auch dem Russlandjahr den Charme gab, den es verdiente. Ohne großes Protokoll und Pathos wurden besonders in den Regionen Bande enger geknüpft. Und auch die russische Seite unter Rossotrudnitschestwo zauberte in Deutschland ein vielbeachtetes Programm. Frau Dr. Prinz, die als Beauftragte des Auswärtigen Amtes für das Deutschlandjahr fungierte, resümierte: „Wo Kontakte entstehen, da wachsen sie. Das führt zu mehr Kooperation auf allen Ebenen, zu mehr Städtepartnerschaften und zu mehr Jugend- und Studentenaustauschen. Dieses gemeinsame Jahr hat uns sehr viel weiter gebracht.“

Das Jahr Russlands in Deutschland lud zu vielen bunten und breit gefächerten Veranstaltungen ein. In Bonn fand im August 2012 beispielsweise ein internationales Kinderforum statt, das durch eine Reihe von Bildungs- und Kulturveranstaltungen den Dialog von Kindern verschiedener Länder in aktuellen Fragen der Nachwuchsgeneration fördert. Am Internationalen Studentenforum in Berlin im Oktober 2012 beteiligten sich Studenten, Dozenten und Rektoren führender russischer und deutscher Hochschulen, Kulturschaffende und Jugendorganisationen beider Länder. In allen Bundesländern wurde an die gemeinsame Geschichte beider Nationen erinnert, dazu standen bei Diskussionsveranstaltungen aktuelle Themen wie Fachkräftemangel, Wirtschaftskooperation und Forschungszusammenarbeit im Fokus. Umrahmt wurde das Jahr Russlands in Deutschland durch einen breiten Kranz an kulturellen Events wie Klassikkonzerten, Puschkin-Lesungen und Kinovorführungen.

Es waren die Gesten der Versöhnung und der Freundschaft, wie der Besuch der Oldenburger Symphoniker in Wolgograd und der Gegenbesuch mit 200 Musikern, die die 9. Symphonie von Beethoven gemeinsam einstudierten, welche das Länderjahr so wirksam machten. Auf den kleinen Literaturlesungen, Theateraufführungen, Streetart-Festivals in Deutschland und Russland konnte der Geist der persönlichen Freundschaften hautnah gefühlt werden.

Ausblick: Gemeinsame Ausstellung und Jahr der Sprache und Literatur

Der Ausklang der Veranstaltungsreihe in Moskau war ein kleiner, aber feiner Tangoabend mit 120 Gästen. Geladen hatten der Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Russland Ulrich Brandenburg und Russlands Kulturbeauftragter Michael Schwiydkoi. Schwiydkoi sagte nach der 13

Monate dauernden, engen Zusammenarbeit: „Für mich persönlich ist der Schlüssel zum Deutschlandjahr die Erweiterung des Dialogs zwischen unseren Staaten und das Ziel, partnerschaftlich die Zukunft zu begehen." Zum Abschluss des Russlandjahres am 1. Juli 2013 spielte das Marinskii-Orchester unter Weltstar Valery Gergiev Wagnerklänge und Schostakowitsch in der Berliner Philharmonie.

Hermann Parzinger von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und Parlamentspräsident Sergey Naryshkin besprachen die Themen des nächsten Jahres. Eine Ausstellung anlässlich des 100. Jahrestags des Ersten Weltkriegs sei geplant, und auch der Umgang mit den in Russland eingelagerten deutschen Kulturgütern, die Deutschland zurückerhalten möchte, spiele eine Rolle.

Was bleibt vom bilateralen Jahr? Bande wurden gestärkt und in Russland nimmt das Interesse an der deutschen Sprache seit Jahren wieder merklich zu. Rüdiger Bolz zeigt sich erfreut: „Die kulturelle Bewegung hat ein starkes Fundament erschlossen, von denen beide Länder profitieren.“

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Präsident Wladimir Putin haben neulich für 2014 das Jahr der jeweiligen Sprache und Literatur ausgerufen – eine gute Chance, für alle erneut über gemeinsame Projekte nachzudenken, die Russen und Deutsche näherbringen.

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