Adoption auf Russisch

Foto: AFP/East News

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Vor zwölf Jahren wurden Marion Gaedicke, freie TV Producerin und ihr Mann Adoptiveltern. Die Töchter Nina und Ljuba besuchen heute das Gymnasium und unterscheiden sich durch nichts von ihren Altersgefährten. Dass ihre leiblichen Mütter im fernen Russland leben, wissen die beiden Mädchen. Und nehmen es ganz gelassen.
Was sie bei ihrem Kampf um das Recht, Adoptivmutter zu werden, in Russland erlebte, schildert Marion Gaedicke in dem Buch „Wunschkind: Geschichte einer Adoption“, erschienen 2009 im Verlag Hoffmann und Campe. Foto: Florian Liedl

Nach Angaben des Ministeriums für Bildung und Wissenschaft der Russischen Föderation haben Bürger der Bundesrepublik Deutschland 2011 in Russland 215 Waisenkinder adoptiert, 2012 waren es 129.

Wie „Die Zeit“ im Juni berichtete, belegt Thailand Platz zwei unter denjenigen Ländern, in denen adoptionswillige deutsche Paare Kinder suchen, auf Platz drei folgt Äthiopien. Die Mehrheit der Auslandsadoptionen in Russland wird über spezialisierte Organisationen vermittelt und endet in der Regel erfolgreich für die Beteiligten: Adoptionswillige nehmen ein Kind als das ihre an, russische Behörden erhalten anschließend Berichte über das Wohlergehen des Kindes in seiner neuen Heimat. Doch mitunter gibt es im Adoptionsverfahren ungeahnte Schwierigkeiten, und dann kann sich die Adoption über mehrere Jahre hinziehen oder sogar scheitern.

Nina

Nina wurde in Petrozavodsk, der Hauptstadt der Republik Karelien, geboren. Leibliche Mutter sagte sich von ihr los, als sie noch nicht einmal ein Jahr alt war, deshalb wurde die Kleine in ein Kinderheim eingewiesen. Nach dem Gesetz hatten zuerst adoptionswillige Russen die Möglichkeit das Baby zu adoptieren. Als das nicht geschah, erfuhren Marion Gaedicke und ihr Mann durch das deutsche Jugendamt von der kleinen Nina.

„Wir haben uns gleich bei unserer ersten Begegnung in Nina verliebt“, schwärmt Adoptivmutter Marion und präsentiert auf ihrem iPhone ein Foto ihrer heute 13-jährigen Tochter. „Das ist sie!“ Ein blondes Mädchen mit geschminkten Lippen blickt in die Kamera. „Nina ist in der Pubertät, da werden alle Lippenstifte mal durchprobiert“, ergänzt Marion Gaedicke lächelnd.

Nach Karelien, um Adoptiveltern zu werden

Im Jahr 2012 adoptierten Deutsche 129 Kinder aus Russland. Zum Vergleich: Italienische Staatsbürger adoptierten 2012 insgesamt 762 Kinder aus Russland, Amerikaner – 646 und Spanier – 502.

Marion und ihr Mann konnten keine leiblichen Kinder bekommen, und für eine Inlandsadoption kamen sie vom Alter her nicht in Frage. Deshalb schlug Marion ihrem Mann vor, ein Kind aus Russland zu adoptieren, denn sie ist in der DDR groß geworden, mochte die russische Sprache und reiste als Kind und Jugendliche voller Begeisterung in die Sowjetunion.

Mit Hilfe des deutschen Jugendamtes suchten die Eheleute im Jahr 1999 Unterstützung bei einer Organisation, die Adoptionen in Russland vermittelt, legten die erforderlichen Dokumente vor und mussten anschließend geduldig warten. Erst nach etlichen Monaten erhielten sie eine Einladung nach Petrosawodsk, um Nina dort kennenzulernen.

Als das deutsche Paar im Heim eintraf, war ein Teil der Kinderschwestern anfangs sehr zurückhaltend. Was Marion Gaedicke damit erklärt, dass Russen die Eigenheit haben, beim Auftauchen von Gästen aus dem Westen argwöhnisch zu sein. „Wir dagegen haben uns überhaupt nicht so benommen wie typische Westeuropäer. Wir sind gleich auf das Kind zugelaufen und haben mit ihm gespielt, während typische westliche Adoptionsbewerber in der Regel viel Spielzeug mitbringen, es den Kindern hinlegen und dann nicht wissen, was sie weiter tun sollen.“

Verbot von Auslandsadoptionen

Ende Dezember 2012 unterzeichnete Wladimir Putin als Reaktion auf den „Magnitski-Akt“ der USA das so genannte Dima-Jakowlew-Gesetz, das Amerikanern verbietet, russische Kinder zu adoptieren.

Auch ausländische homosexuelle Paare und Singles mit der Staatsbürgerschaft von Ländern, in denen gleichgeschlechtliche Ehen erlaubt sind, werden bald keine Kinder aus Russland mehr adoptieren dürfen. Bei dieser Entscheidung weiß die Regierung die Mehrheit der Bevölkerung auf ihrer Seite. Das belegt auch eine Statistik des Allrussischen Zentrums für Meinungsforschung (WZIOM): Waren im Januar 2012 insgesamt 53% Prozent der Befragten dafür, Ausländern die Adoption von Kindern aus Russland zu verbieten, betrug der Anteil der Befürworter des Verbots Anfang März 2013 bereits 64%.

Gleichzeitig waren zu Beginn des Jahres 2012 in Russland mehr als 650 000 Kinder als Waisen erfasst, obwohl in 80% der Fälle leibliche Eltern vorhanden sind. Anfang 2013 wurde von der Gesetzgebung ein Maßnahmenpaket eingebracht, das die Adoption russischer Kinder durch Bürger der Russischen Föderation befördern soll. Obwohl dadurch nach Meinung zahlreicher Soziologen und Erziehungsexperten das Problem nicht grundlegend gelöst wird.

Einmal bekam die Deutsche von einer Mitarbeiterin des Kinderheims in Petrosawodsk zu hören: „Ihr Ausländer kauft unsere Kinder weg.“ Diese Worte haben Marion damals gekränkt. “Kinder sind keine Ware und sie sind nicht käuflich. Wir bezahlten lediglich die offiziellen Gebühren der Vermittlungsstellen und, falls nötig, der Rechtsanwälte. Es ist in der Verantwortung Russlands, dass es so viele Sozialwaisen gibt. Wenn Russen sie nicht adoptieren wollen und wir, die Ausländer, sie nicht zu uns in eine Familie nehmen dürfen, erwartet diese Jungen und Mädchen nach dem Leben im Kinderheim nichts Gutes.“ Immerhin weist die traurige Statistik des Wissenschaftlichen Forschungsinstituts für Probleme des Kindesalters der Russischen Kinderstiftung aus, dass jeder dritte Zögling eines Kinderheims in Russland ein Jahr nach der Entlassung auf der Straße lebt, jeder fünfte straffällig wird und jeder zehnte Selbstmord begeht.

Voller Einsatz bis zum Happy End

Als Marion und ihr Mann bereits mit Nina nach Deutschland zurückkehren wollten, stoppte ein Gericht das Adoptionsverfahren. In den Unterlagen wurde das Mädchen als Waise geführt, doch wie sich herausstellte, lebte die leibliche Mutter. Außerdem hatte man dem deutschen Paar den Gesundheitsbericht des Kindes nicht ausgehändigt. Die Richterin ordnete an, dass Mitarbeiter des Sozialdienstes noch einmal in das Dorf der Mutter fahren sollten, um mit ihr zu reden. Sie könnte es sich ja doch noch anders überlegen. Schließlich fanden die staatlichen Vertreter nicht nur die Mutter, sondern auch die Großmutter des Mädchens, doch keine der leiblichen Verwandten hatten Interesse an Nina. Am Ende verweigerte das Gericht jedoch - trotz der zusätzlich beigebrachten Dokumente - die Adoption und begründete den Schritt mit Verfahrensfehlern.

Marion war völlig verzweifelt. Den Vorschlag der Staatsanwältin, doch einfach an Ninas Stelle ein anderes Kind zu adoptieren, schlugen die beiden aus und reichten stattdessen Berufungsklage beim Obersten Gerichtshof der Russischen Föderation ein. „Sie haben keine Chance“, so die Einschätzung der Anwälte, „bis jetzt haben in derartigen Fällen die Ausländer allesamt verloren. Ausnahmslos.“

Eine russisch-deutsche Familie

Marion Gaedicke gewann den Prozess. Man braucht diese Frau nur ein Mal zu sehen, um zu verstehen, warum. „Wenn den Rechtsanwälten irgendein Papier gefehlt hat, bin ich selbst zu den Behörden gegangen und habe versucht, das Dokument mit meinem holperigen Russisch selbst zu besorgen“, schildert die Journalistin ruhig.

Als das Gericht zugunsten von Marion und ihrem Mann entschied, waren beide überglücklich. Kurz darauf durften sie noch ein zweites Mädchen aus dem Kinderheim in Petrosawodsk adoptieren: die kleine Ljuba wurde Ninas jüngere Schwester und zum Glück gab es bei ihrer Adoption keine Schwierigkeiten. Seit nunmehr zwölf Jahren leben die Adoptiveltern mit ihren beiden Töchtern in Süddeutschland. „Für meinen Mann und mich ist wichtig, dass Nina und Ljuba wissen, wie ihre erste Heimat denn so ist“, sagt die Adoptivmutter. „Deshalb sind wir alle zusammen nach St. Petersburg gefahren, im nächsten Sommer wollen wir nach Karelien, Nina hat in der Grundschule und im Gymnasium Referate über Russland gehalten.“

Aus der Herkunft der Mädchen machen ihre Eltern kein Geheimnis, beide wissen von frühester Zeit an, dass sie Adoptivkinder sind. Jede der Töchter besitzt ein Foto ihrer leiblichen Mutter, das Marion mit Hartnäckigkeit aufgetrieben hat. Vor einiger Zeit haben die Mädchen ihren russischen Müttern Briefe geschrieben und darin von ihrem glücklichen Leben in Deutschland erzählt. Eine Antwort ist nicht eingetroffen. Noch nicht.

Kommentar

Julia Richter, Fachkraft der Auslandsadoptionsvermittlungsstelle Zukunft für Kinder e. V.

Ich habe bei der Adoption von ca. dreihundert Kindern aus Russland durch Bürger der Bundesrepublik Deutschland mitgewirkt. Die Adoptiveltern waren zu einem Drittel russische Familien oder Paare, in denen entweder der Ehemann oder die Ehefrau aus Russland stammt. Das erklärt, warum Russland statistisch gesehen in Deutschland als beliebtestes Adoptionsland gilt. 

Vor einer Adoption muss jedes Paar spezielle Vorbereitungsseminare besuchen. Die potentiellen Adoptiveltern hören eine Vorlesungsreihe zur Geschichte und Kultur Russlands, zu den Besonderheiten, die die Adoptivkinder mit sich bringen, bekommen obligatorische Hausaufgaben zu diesem Themenkreis. So müssen sie beispielsweise darstellen, wie sie in dieser oder jener Situation, an der das Kind beteiligt ist, reagieren würden. Insbesondere dank der guten Vorbereitung hatten wir noch keinen einzigen Fall, in dem Adoptiveltern die Adoption eines Kindes aus Russland rückgängig machen wollten. Soweit ich weiß, gab es auch bei den Kollegen der vier anderen deutschen Vermittlungsstellen, die bei der Adoption von Kindern aus Russland Unterstützung leisten, keine negativen Fälle. Jedoch kann ich es nicht behaupten, da die Gesamtstatistik mir nicht bekannt ist.

Durch unsere Organisation vermittelte Russland-Adoptionen kosten im Durchschnitt 25 000 bis 30 000 Euro, wobei der Preis davon abhängt, in welchen Stadt die Adoptionsbewerber reisen müssen, um das Adoptionsverfahren einzuleiten und wie lange das Adoptionsverfahren dauert. Zudem ist Zukunft für Kinder e. V., das durch Landesjugendamt Stuttgart kontrolliert wird, keine staatliche Einrichtung, wir müssen uns selbst finanzieren und sowohl in Deutschland als auch in Russland hohe Steuern zahlen. Viele Adoptionsbewerber haben Angst vor der russischen Korruption und Bürokratie. Aber ich sage immer: In Russland kann man auch ohne Korruption mit der Korruption umgehen. Zwar dauert in diesem Fall die Adoption eines Kindes länger, dafür erfolgt sie im Rahmen von Gesetz und Ordnung. Diejenigen, die Zeit und Geld sparen wollen, handeln auf eigene Faust, aber das ist in aller Regel riskant.

Internationale Adoption wird in Russland auf jeden Fall nie komplett verboten. Das würde dem Familienrecht, der Verfassung und auch einigen internationalen Verträgen und Konventionen widersprechen.

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