Russlands Universitäten ignorieren Arbeitsmarkt

Unternehmen beklagen sich schon seit geraumer Zeit, dass Universitätsabsolventen die theoretischen Kenntnisse, die sie in ihrem Studium erworben haben, in der Praxis nicht anwenden können. Foto: Kirill Lagutko

Unternehmen beklagen sich schon seit geraumer Zeit, dass Universitätsabsolventen die theoretischen Kenntnisse, die sie in ihrem Studium erworben haben, in der Praxis nicht anwenden können. Foto: Kirill Lagutko

Während nach wie vor sehr viele Juristen und Ökonomen ihr Studium abschließen, fehlt es vor allem in den wirtschaftlichen Metropolen Moskau und Sankt Petersburg an fähigen IT-Spezialisten.

Beinahe sechs Prozent der russischen Universitätsabsolventen melden sich gleich nach dem Abschluss ihres Studiums arbeitslos. Negative Spitzenreiter in diesem Bereich sind Juristen, und das bereits seit einigen Jahren in Folge. Aber auch Absolventen der Wirtschaftswissenschaften und im Bereich Bankwesen sowie Immobilien- und Tourismusmanager, Ingenieure, Pädagogen und Psychologen sind in großer Zahl beim Arbeitsamt gemeldet. Diese Entwicklung ist zum Teil darauf zurückzuführen, dass die russischen Universitäten nach wie vor nicht auf die Nachfrage vonseiten der Arbeitgeber reagieren. Stattdessen orientieren sie sich an ihren potenziellen Studenten, die wegen der Studiengebühren eine zusätzliche Einkommensquelle für Universitäten darstellen.

Diskussionen darüber, dass das russische Hochschulsystem veraltet sei, werden nicht erst seit gestern geführt. Unternehmen beklagen sich schon seit geraumer Zeit, dass Universitätsabsolventen die theoretischen Kenntnisse, die sie in ihrem Studium erworben haben, in der Praxis nicht anwenden können. Daher müssen diese in den Unternehmen umgeschult und eingewiesen werden. „Das erfordert Unmengen an Zeit. Denn entweder müssen erfahrene Spezialisten die Theorie nochmals erklären, wodurch ihnen Arbeitszeit verloren geht, oder die Arbeit der Jungakademiker muss im Nachhinein korrigiert werden", erklärt Elena Kotowa, Leiterin der Personalabteilung bei der Firmengruppe Labirint.

„Das Unternehmen hofft dann natürlich, dass ihnen dieser Mitarbeiter in Zukunft Profit einbringen wird", meint Kotowa. „Doch momentan ist es so, dass 90 Prozent der Jungakademiker zu einer anderen Firma wechseln, nachdem sie im Unternehmen Berufserfahrung gesammelt haben. Man kann sie in der Firma halten, wenn man ihr Gehalt erhöht, was bedeutet, dass das Unternehmen in jeglicher Hinsicht verliert." Der Personalchefin zufolge lohne es sich also nicht, unerfahrene Mitarbeiter einzustellen.

Dennoch steigt die Zahl der Firmen, die ausschließlich junge Absolventen für geringe Gehälter einstellen, immer weiter an. Waren im Jahr 2009 nur zwei Prozent aller offenen Stellen an Uniabsolventen gerichtet, so stieg diese Zahl im letzten Jahr auf acht Prozent. Wenn man bei einer solchen Firma angestellt ist, bekommt man zwar nicht gerade viel bezahlt, aber man hat die Möglichkeit, den ersten Schritt von der Theorie in die Praxis zu machen. Daher sind dort häufige Mitarbeiterwechsel auch die Regel. Laut Statistiken des Unternehmens HeadHunter sind Rechtsanwaltsgehilfen die billigsten Arbeitskräfte am Markt. Arbeitgeber bezahlen ihnen lediglich ein Gehalt bis zu 541 Euro im Monat. Etwas mehr bezahlen Arbeitgeber im Bereich Datenerfassung; das Durchschnittsgehalt eines Angestellten liegt hier bei monatlich 588 Euro.

„In Russland herrscht ein Überangebot an Juristen. Im letzten Jahr kamen auf eine freie Stelle neun Bewerbungen. Bei einer so starken Konkurrenz ist

es sehr schwer, eine Arbeitsstelle zu bekommen, die der eigentlichen Ausbildung entspricht", meint Irina Swjatizkaja, Leiterin von career.ru, einem Online-Jobportal für Jungakademiker.

Auch wenn in Russland das Angebot an Absolventen eines wirtschaftswissenschaftlichen Studiengangs nicht gerade gering ist, sind diese auf dem Arbeitsmarkt nach wie vor sehr gefragt. „Das lässt sich damit erklären, dass diese Absolventen im Vertrieb eingesetzt werden, wo man immer neue Mitarbeiter braucht", erklärt Irina Abankina, Direktorin des Instituts für Bildungsentwicklung an der Hochschule für Ökonomie in Moskau. „Wirtschaftswissenschaftler sind vielfältig einsetzbar. Sie können jede Tätigkeit übernehmen – vom Manager bis hin zum Wirtschaftsanalysten." Im Vorjahr wurden im Bereich Verkauf und Finanzen die meisten freien Stellen für Jungakademiker verzeichnet – insgesamt elf Prozent aller vakanten Arbeitsstellen.

Die wenigsten Bewerbungen werden aus Sicht der Arbeitgeber für Stellen als Call Agents oder Mitarbeiter im Bereich Datenerfassung eingereicht. Dort bewerben sich weniger als zwei Arbeitsuchende für eine zu besetzende Stelle. Dieser Mangel an Bewerbungen hängt womöglich damit zusammen, dass Universitätsabsolventen keine Berufe anstreben, bei denen sie nur am Telefon sitzen. Laut Expertenmeinungen wird es in diesem Bereich bis 2015 an 320 000 Mitarbeitern fehlen.

Derzeit sind in Russland etwa eine Million Menschen als IT-Spezialisten tätig, wobei diese Branche nur ein Prozent des BIP darstellt. Zudem erklärt Abankina: „Derzeit wächst die IT-Branche im Vergleich zu anderen

Wirtschaftssektoren am stärksten. Schon jetzt gibt es einen Mangel an IT-Spezialisten und das besonders in Moskau und Sankt Petersburg, obwohl es dort jedes Jahr die meisten Universitätsabsolventen gibt." Im Jahr 2011 gab es in der russischen Wirtschaft eine Nachfrage nach 80 000 neuen Spezialisten in diesem Bereich, doch das Angebot an Arbeitskräften belief sich lediglich auf 70 000.

Alexander Adamskij, wissenschaftlicher Leiter des Ausbildungszentrums Ewrika, glaubt, dass die Berufsauswahl nicht die Abiturienten selbst, sondern deren Eltern treffen. Dabei ließen sie jedoch sämtliche objektive Faktoren außer Acht: „Für Abiturienten treffen Erwachsene, die sich von eigenen Erfahrungen, Stereotypen und sogar Vorurteilen leiten lassen, diese Entscheidung. Doch die heutige Zeit ist viel schwieriger als damals in der Sowjetunion. Heute ist es unmöglich zu erraten, welche Berufe am Arbeitsmarkt in einigen Jahren gefragt sein werden", so der Experte. Eltern handelten nach dem Prinzip, das Kind solle irgendeine akademische Ausbildung absolvieren und werde dann schon eine Arbeit finden, die ihm gefällt. „Diese These ist nicht abwegig, denn viele erfolgreiche Menschen sind in Bereichen tätig, die ihrer eigentlichen Ausbildung nicht entsprechen", bestätigt Adamskij. Die Berufsausbildung sei also faktisch nicht maßgebend für eine erfolgreiche Karriere.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland