Artem machte Bekanntschaft mit Bayern

Artem Vcherashniy: "Es ist mir besonders aufgefallen, dass sich Deutschland besonders Mühe gibt, als freundlicher Gastgeber wahrgenommen zu werden". Foto aus dem persönlichen Archiv

Artem Vcherashniy: "Es ist mir besonders aufgefallen, dass sich Deutschland besonders Mühe gibt, als freundlicher Gastgeber wahrgenommen zu werden". Foto aus dem persönlichen Archiv

Während eines Auslandssemesters in München lernte Artem Vcherashniy nicht nur die bayrische Mundart, sondern auch die Unpünktlichkeit der Deutschen Bahn kennen. Er machte zudem die Erfahrung, dass die Deutschen locker und diszipliniert zugleich sind.

 Artem Vcherashniy (22) verbrachte während seines siebten Semesters sechs Monate an der TU München Business School, nachdem er schon zu Schulzeiten den Wunsch hatte, Deutschland einmal kennenzulernen.

„Der Studienaustausch war mein erster Besuch in Deutschland. Ich hatte in der Schule zwar schon etwas Deutsch gelernt, aber das war nicht so ernst zu nehmen. Richtige Praxis habe ich erst erworben, als ich im Land war", verrät Artem mir am Montagabend beim Skype-Telefonat.

Russland HEUTE: Waren denn die ersten Erfahrungen dort so, wie Du es Dir vorgestellt hast, und was war anders als erwartet?

Artem Vcherashniy: Ich hatte viel über Köln, Berlin, Hamburg und Dresden gehört, aber von München wusste ich nur, dass es da das Oktoberfest und BMW gibt. Etwas später lernte ich, dass sich die Bayern eigentlich etwas separat von Deutschland betrachten. Deswegen war ich neugierig: Ich wollte nicht nur studieren, sondern auch viel über die Menschen erfahren, wie sie leben und arbeiten. Ich war überrascht, dass ich mit dem Bayrischen weniger Probleme hatte, als ich befürchtet hatte. In der TU wird ohnehin Hochdeutsch gesprochen. Aber ich habe festgestellt, dass sogar in Gröbenzell, wo ich wohnte, und das ganz nah an München liegt, anders gesprochen wurde als in München.

Hast du Dich willkommen oder fremd gefühlt?

Die Menschen waren allgemein sehr herzlich und offen mir gegenüber. Ich habe schon gespürt, dass die Deutschen eine andere Mentalität haben, aber das ist ja nur natürlich so. Ich habe keine festen Freundschaften geschlossen, aber ich glaube, dass ich freundlich aufgenommen werde, wenn ich mal wieder dorthin komme.

Hattest Du ein Bild von Deutschland, bevor Du kamst, und hat es sich geändert?

Ich glaube nicht, dass ich ein eigenes Bild von Deutschland hatte. Ich hatte viel über Politik, Autos, Wirtschaft, Geschichte und Musik und so weiter gehört, aber das war kein vollständiges Bild. Das hat sich erst nach Monaten entwickelt. Im Allgemeinen würde ich sagen, dass sich die Mosaiksteine zu einem positiven Bild zusammengefügt haben. Manche Klischees haben sich übrigens nicht als wahr herausgestellt. Nicht alle Deutschen sind pünktlich", sagt er lachend, „auch nicht die Deutsche Bahn.

Gab es besondere Beobachtungen kultureller Art?

Ich habe mich darüber gefreut, und es ist mir besonders aufgefallen, dass sich Deutschland besonders Mühe gibt, als freundlicher Gastgeber wahrgenommen zu werden. Auf dem Oktoberfest war das besonders auffällig, da so viele Besucher aus dem Ausland da sind, von denen nicht alle Englisch sprechen. Ich erinnere mich an kulturelle Eigenheiten wie die vielen Weihnachtsmärkte, und die Art, wie Weihnachten und Neujahr gefeiert werden. Das Bild, das mir dabei blieb, war, dass den Menschen ihre Traditionen und die damit verbundene Kultur wichtig sind, sie ihnen mit Respekt gegenübertreten, und dass sie gerne ein möglichst gutes Bild von ihrem Heimatland vermitteln wollen.

Gibt es Dinge, die Du gerne vor dem Austausch gewusst hättest, oder die Du gerne verbessern würdest?

Ich hatte zunächst große Probleme, ein Zimmer in München zu finden. Ich weiß jetzt, dass ich dieses Problem hätte lösen sollen, bevor ich nach

München kam. Ich verstehe außerdem bis heute nicht, welche Kriterien die Dozenten und Professoren bei den Noten und der Bewertung von Klausuren und Prüfungen genau anlegen. Das hätte ich gerne gewusst, und ich glaube nicht, dass ich da allein bin. Rückblickend betrachtet hätte ich mir den Hinweis gewünscht, dass man sich aller Lockerheit und freier Curricula zum Trotz wirklich intensiv auf die Prüfungen vorbereiten muss, denn sie sind nicht leicht, und der Prüfungstag kommt schneller als gedacht. Es wird praktisch alles abgefragt.

Was würdest Du Studenten empfehlen, die sich überlegen, semesterweise ins andere Land zu gehen?

Kommt mit Interesse und Respekt, denn Ihr geht in ein Land, in dem Ihr zu Gast seid. Die Deutschen sind nett und hilfsbereit, und sie spüren, wenn man sich ihnen mit Respekt nähert.

Artem möchte gerne seinen Master in Deutschland machen, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Das vielschichtige Lehrangebot mit speziellen Themen wie Innovationsmanagement war ihm positiv in Erinnerung geblieben, und er schätzt die Art, wie ein Studium aufgebaut sein kann.

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