Russlanddeutsche oder Auf der Suche nach Heimat

Ein Symposium in Berlin versuchte sich der Frage zu nähern, was das Heimatgefühl eines Russlanddeutschen ausmacht und ob die Eindrücke der Heimkehr in ein eigentlich fremdes Land bis heute überhaupt verarbeitet wurden.

Die Podiumsteilnehmer der Tagung „Heimat Russland – Heimat Deutschland“ (v.l.n.r.): Walter Gauks, Waldemar Eisenbraun, Dr. Sabine Arnold, Nikolaus Haufler und Helge Klassohn. Foto: Russland HEUTE

„Die Tagung hebt unterschiedliche Aspekte des deutsch-russischen Miteinanders hervor. Sie soll das geeignete Podium sein, um das Thema in seiner historischen und aktuellen Dimension unter den vorgenannten Prämissen zu verhandeln und zugleich als Medium des deutsch-russischen Dialogs dienen.“ (aus der Einladung)

Am 22. und 23. Juli fand in Berlin ein Symposium unter dem Titel „Heimat Russland – Heimat Deutschland / Russlanddeutsche als Brückenbauer zwischen Ost und West“ statt. Hierzu lud die Deutsche Gesellschaft e.V. ins Quartier 110 in der Friedrichstraße in Berlin ein. Das Thema wurde von allen Seiten beleuchtet: Nach einer historischen Einführung zum 250. Jahrestag des Aufrufs der Zarin Katharina II. an deutsche Bauern, in die Nähe der Wolga umzusiedeln, folgten Vorträge und Podiumsdiskussionen. Diese widmeten sich so unterschiedlichen Fragestellungen wie beispielsweise der Frage des Reintegrationserfolgs der seit 1990 in die Bundesrepublik Ausgewanderten und der Untersuchung der Spuren, die Deutsche in Russland hinterlassen haben. Die Ergebnisse der Tagung werden in Kürze auf der Webseite der Deutschen Gesellschaft nachzulesen sein.

Viel ließe sich über das Phänomen dieser speziellen Volksgruppe schreiben, was zur Sprache kam, aber hier den Rahmen sprengen würde: von der „Unauffälligkeit als auffälligstem Merkmal“ und besonderer Arbeitswilligkeit bis zur Kriminalitätsrate unter Jugendlichen. Was im Herz der Frage nach Wesen und Befindlichkeit der Russlanddeutschen heute schwebt, ist etwas, wofür Worte nur schwer ausreichen. Sowohl Auswanderungs- als auch Einwanderungsbewegungen im 18. wie im späten 20. Jahrhundert lösten eine Konsequenz aus, die weder die Menschen damals noch die von heute in ihren Auswirkungen abschätzen konnten: den Heimatverlust.

Gerade wenn aus nachvollziehbaren Gründen von Befürwortern der Migration von einer „Heimkehr nach Deutschland“ gesprochen wird, droht das Thema aus dem Blickfeld zu geraten. Eine Heimkehr ist schließlich eine Quelle der Freude, nicht von Trauer. Jedoch ist das Heimatgefühl der Russlanddeutschen nicht so einfach zu definieren, denn sie kehren nicht in ihr Heimatland zurück, sondern in das ihrer Vorfahren. Zu diesem hatten sie keine innere Bindung jenseits der Sprache entwickeln können.

Soziologen streiten sich darüber, ob das Trauma des Heimatverlusts jemandem, der diese Erfahrung nicht machen musste, überhaupt vermittelbar ist. Die Journalistin Merle Hilbk schilderte in ihrem Vortrag Beobachtungen, die deutlich zeigen, dass auch die Generation der Umsiedler der 1990er-Jahre deutliche Anzeichen einer tiefen Verstörung mit sich tragen, die ihre Ursachen in der bestenfalls unbewusst verarbeiteten Entwurzelung hat: „Ich muss an den Grillabend bei Freunden in Berlin-Marzahn denken, auf einer Brache zwischen den Hochhausblöcken an der Allee der Kosmonauten. Die Freunde sind in meinem Alter, es sind Filmemacher, Musiker, Grafiker, die offen sind für fremde Einflüsse, für Neues, weitgereist und welterfahren. (...) Noch nie habe ich sie so frei und so unbefangen erlebt wie an diesem Abend, an dem kein aktuelles Lied aus Russland gesungen wurde, kein deutscher Popsong. Es war, als ob sie zurückgekehrt wären in die Zeit der Hoffnung und des Aufbruchs, als ob sie an diesem Abend eingefroren waren in dieser Zeit, diesen Gefühlen – die ein paar Jahre später so bitter enttäuscht wurden, dass sie sich zur Auswanderung nach Deutschland entschlossen.“

Besonders deutlich wurde dies für Hilbk, als etwas anderes gesungen wurde: „Ich glaube, es war die Inbrunst, mit der sie Juri Kukins ‚Za tumanom’ sangen, die mir ein Gefühl davon vermittelte, unter welchem Druck sie standen, dem Druck der Wiedergutmachung für elterliches Leid durch ein fröhliches, erfolgreiches Leben; ein Druck, dem sie ihre jugendliche Unbeschwertheit opferten. Und ein Gefühl für das eigene innere Chaos, dem sie, soziologisch gesprochen, durch Rückgriff auf alte Grundmuster, dem Singen am Lagerfeuer, dem Sich-Hingeben in den Gesang, in das Lied von Juri Kukin für eine Weile entflohen. Ein Lied, in dem es heißt: ‚Sind auch übervoll die Koffer, die ich trag auf diesem Weg: Erinnerung, Schmerz, nicht zurückgezahlte Schulden. / Doch ich fahre, doch ich fahre, hin zu den Nebeln, zu den Träumen und den Düften der Taiga‘.“

Olga Martens, Stellvertretende Vorsitzende für Sprach- und Informationsarbeit beim Internationalen Verband der deutschen Kultur sowie Herausgeberin der Moskauer Deutschen Zeitung, und Walter Gauks, Sprecher des Vereins zur Förderung der Integration von Russlanddeutschen, bestätigten im Gespräch mit mir diese Sicht der Desorientierung. Das verkürzte Schlagwort „Dort waren wir Deutsche, hier sind wir Russen“ bringe es auf den Punkt. Martens erzählte von dem Tabu, das in ihrer Familie auf dem Thema des Heimatverlusts lag, das sie aber auch als Kind deutlich wahrnehmen konnte. Es ginge hier nicht um eine Selbstwahrnehmung als Opfer, sondern um die Herausforderung, den Heimatverlust bewusst wahrzunehmen und für die Zukunft positive Heilung anzustreben.

Gauks äußerte die Hoffnung, dass Begegnungen auf dem Gebiet der Kultur, vor allem des Kulturerlebens, dazu beitragen können, die Kluft des heimatlichen Verlorenseins zu schließen. Die Bürde sei, dass die Menschen beide Kulturen in sich trügen und unerwartet damit kämpfen mussten, plötzlich keine der beiden mehr richtig leben zu können.

Hilbk sprach von ihrem Wunsch nach einer „empathischeren Gesellschaft“, in der die russlanddeutsche Kultur eine eigene Kultur als Teil der deutschen Kultur sein dürfe. Nach den Begegnungen und neuen Erkenntnissen auf dieser Tagung kann ich mich dem Wunsch anschließen.

Ein abschließender Hinweis: Zum Thema „Was ist Heimat?“ plant die Deutsche Gesellschaft einen Essaywettbewerb für Studenten und Doktoranden. Einsendeschluss soll der 11. November 2013 sein. Näheres dazu soll es bald auf www.wasistheimat.de geben.

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