InterSeliger: Forum für junge Utopisten

Der aus großen verspiegelten Lettern konstruierte Schriftzug „Rossija" war die beliebteste Fotokulisse der Teilnehmer. Foto: Wsewolod Pulja

Der aus großen verspiegelten Lettern konstruierte Schriftzug „Rossija" war die beliebteste Fotokulisse der Teilnehmer. Foto: Wsewolod Pulja

Neben einem qualitativ hochwertigen Vortrags- und Workshop-Programm, unter anderem mit Ban Ki-moon, stand für die diesjährigen Teilnehmer des InterSeliger vor allem eins im Vordergrund: die interkulturelle Verständigung.

„Als die Menschen sich daran machten, in Babel einen Turm zu bauen, musste Gott ihnen verschiedene Sprachen geben, um sie auf der ganzen Welt zu zerstreuen. Die Zusammenkunft von Gästen aus so vielen unterschiedlichen Ländern am Seligersee scheint dort oben auch nicht so gut anzukommen", witzelt Alexander Seliwanow, Leiter der internationalen Arbeitsrunde des InterSeliger-Camps angesichts des Dauerregens und der kühlen Temperaturen, die einige von ihrem Badevorhaben abrücken ließ. Die Veranstaltung im 380 Kilometer von Moskau entfernten Gebiet Twer zog in diesem Jahr mit 800 Gästen aus 139 Ländern unerwartet viele Teilnehmer an.

Anstatt einen Turm zu bauen, befassten sich die Seligerianer, wie die Teilnehmer des Forums sich selbst nennen, hauptsächlich mit Networking: Sie lernten gemeinsam und brachten eigene Projekte voran. „Die jungen Leute nehmen eine einwöchige Anreise in Kauf, übernachten auf Flughäfen und verlieren unterwegs ihr Gepäck. Aber davon lassen sie sich nicht abschrecken. Sie kommen zum Seligersee, um Leute aus anderen Ländern kennenzulernen und etwas von Russland zu sehen – für viele ist das ein Traum", erzählt Seliwanow.

Die jungen Teilnehmer der Parlamentssimulation „Model UN", das im Rahmen der internationalen Arbeitsrunde des Forums stattfand, wurden vom UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon unterstützt, der eine Grußadresse an sie richtete und sie dazu ermunterte, Gleichgesinnte zu suchen und vorwärtsweisende Veränderungen auf der Welt zu erwirken: „Übt Euch weiter in der Kunst, andere für große Taten zu begeistern."

Neben Ban Ki-moon sorgten Experten und Dozenten mit Vortragsreihen und Workshops zu den verschiedensten Themen – von Führungskompetenz bis zu praktischen Schritten der Eröffnung eines eigenen Internetgeschäfts – für Inspirationen auf dem Forum. Sam Potolicchio, Professor an der Georgetown University, war schon das zweite Mal mit dabei. Er hielt Vorlesungen über Charisma, PR, Führungsrollen und Persönlichkeitsentwicklung. „Das Wertvollste hier an diesem Forum sind die Energie, die Begeisterung der Studenten und die Vielfalt der Kulturen", sagt Potolicchio. Russland sei für ihn mittlerweile ein zweites Zuhause. Neben seinem Lehrstuhl in Washington D.C. leitet er das spezielle Bildungsprogramm in der Akademie für Volkswirtschaft bei der Regierung der Russischen Föderation.

Foto: Wsewolod Pulja

Die Teilnehmer schienen selbst überrascht von dem ausgeprägten multikulturellen Charakter des Forums. „Wenn Menschen aus verschiedenen Ländern die Möglichkeit haben zu reden und ihrem Gegenüber dabei in die Augen zu schauen, dann fangen sie an einander besser zu verstehen", sagt Li Huanru aus China.

Katrina aus Lettland ist froh, Führungspersönlichkeiten von morgen kennenlernen zu können. Die jungen Leute am Seligersee sind mehrheitlich Köpfe nationaler Jugendbewegungen oder großer Studentenverbände – wirkliche Aktivisten also. „Man muss mit jungen Führungskräften arbeiten, damit sie Seliger für die nächste Zeit wirklich zu ihrem Projekt machen", erklärt Alexander Seliwanow.

Foto: Wsewolod Pulja

Für den Genuss des multikulturellen Events mussten die Anwesenden am persönlichen Komfort Abstriche machen. Die Forumsteilnehmer waren in Zelten untergebracht, die Verpflegung kam aus einer Feldküche. Einen Tag nach der Sitzung der internationalen Arbeitsrunde füllte sich die Facebook-Group InterSeliger mit Nachrichten wie: „Jemand hat drei Stunden am Stück unter der heißen Dusche gestanden", ein anderer, sicherlich übertrieben, schreibt von acht Stunden.

Von der einstigen eindeutigen Putin-Orientierung des Forums, das

Aktivisten der Jugendbewegung Naschi noch 2011 genutzt hatten, um Bilder der sogenannten „oppositionellen Auslandsagenten" symbolisch auf Pfähle zu spießen, war bereits im letzten Jahr nichts mehr zu merken. Das „Seliger 2012" diente auch Aktivisten oppositioneller Projekte als Forum für Austausch und Begegnung.

Die Teilnehmer der internationalen Arbeitsrunde nahmen in der bunten politischen Geschichte von Seliger immer eine Sonderstellung ein. Der dekorative Rahmen ihrer Zusammenkünfte, der den Patriotismus der russischen Altersgenossen nähren sollte, sorgte bei den ausländischen Gästen jedoch gelegentlich für Befremden. So etwa symbolisierte ein Grabstein aus echtem Granit das Ende der Haushaltsglühbirne und die Einführung der Energiesparlampen in Russland.

Auch ein weiteres Objekt rief Erstaunen bei den ausländischen Gästen hervor: das aus Sperrholz angefertigte „Weiße Haus", der Sitz der russischen Regierung, aufgestellt am Ufer des Seligersees. Das Gebäude gehört schließlich nicht gerade zu Russlands architektonischen Wahrzeichen. Der aus großen verspiegelten Lettern konstruierte Schriftzug „Rossija" war dem Geo-Tag von Instagram zufolge die beliebteste Fotokulisse der Teilnehmer.

InterSeliger erfüllt heute die Funktionen der früheren sowjetischen Hochschulen, an denen auch immer viele junge Leute aus dem Ausland studierten. Als sie später in ihren Heimatländern führende Positionen in Politik, Wirtschaft und Kultur einnahmen, war für sie die Pflege freundschaftlicher Beziehungen zur Sowjetunion selbstverständlich. „Wir möchten, dass unsere Teilnehmer, wenn sie wieder zu Hause sind, sagen: Russland ist ein cooles Land", sagt Seliwanow. Den begeisterten Kommentaren der InterSeliger-Teilnehmer in den sozialen Netzwerken nach zu schließen geht dieser Plan auf.

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