Hinaus in die Welt: Warum Russen auswandern

Der wichtigste Grund des Wegzugs ist der Wunsch nach besseren Lebensbedingungen. Foto: Shutterstock

Der wichtigste Grund des Wegzugs ist der Wunsch nach besseren Lebensbedingungen. Foto: Shutterstock

Seien es berufliche oder persönliche Perspektiven – die Gründe, in ein anderes Land zu ziehen, können sehr vielfältig sein. Wir haben einige junge Russen gefragt, wie sie über Emigration denken.

Fast die Hälfte aller Russen findet es legitim, ins Ausland zu ziehen. Nur 13 Prozent sind dazu allerdings wirklich bereit, und das sind vor allem junge Leute, sagen Soziologen des russischen Meinungsforschungsinstituts WZIOM. Russen, die sich zu einem neuen Leben in einem anderen Land entscheiden, erwarten dort Stabilität und eine saubere Umwelt. In Russland bleiben vor allem die, die sich von der Kultur und ihren Angehörigen nicht trennen wollen oder können.

Jelena Kurepina, Bankangestellte, ist 28 Jahre alt und hat ein Hochschuldiplom. Sie spricht gut Englisch und man würde sie wohl nicht als patriotisch bezeichnen, sondern ihr eher einen pragmatischen Zugang zur Welt unterstellen. Trotzdem möchte sie Russland nicht verlassen. „Ich lebe gerne in Russland", erzählt die Moskauerin. „Es ist mir wichtig, dass ich meine Eltern nicht nur über Skype treffen kann und auch nicht nur einmal im Jahr, sondern so oft ich will. Hier habe ich Freunde, einen tollen Job, Erinnerungen, hier leben geflügelte Worte aus Lieblingsfilmen weiter, die in der Übersetzung in eine andere Sprache nicht mehr ganz so lustig sind."

Sie ist davon überzeugt, dass man eine bessere Zukunft im Ausland suchen könne, es aber in Russland mehr Perspektiven gebe. „Ein guter Freund von mir studierte zwei Jahre in Stanford Jura. Als er zurückkehrte, fragte ich ihn, warum er sich nicht als Anwalt in Amerika niederlassen wolle, so wie er es sich früher einmal erträumt hatte. ‚Das wäre in etwa so, als käme ein begabter Jurist aus Tadschikistan nach Moskau', war seine Antwort", erzählt Jelena mit einer gewissen Ironie. „In diesem Jahr sind gleich drei gute Freunde aus Russland weggezogen. Ich verurteile sie nicht dafür. Jeder hat seine guten Gründe. Ich bin sicher, dass sie zurückkommen. Sie werden eine Weile dort leben und sehen, dass es überall Probleme gibt – die gleiche Unzufriedenheit mit der Politik, wirtschaftliche Krisen, illegale Einwanderer und manches andere –, und dann kehren sie zurück. Weil es in jedem Fall zu Hause schöner ist."

Die Kultur und Nähe zu ihren Freunden hielten jedoch Irina Kusnezowa nicht davon ab, ins Ausland zu ziehen. Seit Kurzem lebt sie in Madrid und ist zuversichtlich, dass in Spanien mehr Chancen auf sie warten als in Russland. „Hier erfahren qualifizierte Menschen eine größere Anerkennung, Leistung hat einen hohen Stellenwert. Ich lerne hier mehr Menschen kennen, die mir sympathisch sind. Den Himmel auf Erden findet man nirgendwo. Aber in Spanien spürt man den Glauben an den morgigen Tag und an die Zukunft. Niemand strahlt hier das Gefühl von Pessimismus aus. Der Staat braucht das Volk. Interessanterweise fügen selbst die, die über ihr Leben klagen, am Ende eines Gespräches hinzu, dass sie für nichts auf der Welt ihr Land verlassen würden. Ungeachtet der Krise gibt es

genug Arbeit. Die Spanier empfinden es als unter ihrer Würde zu kellnern, an einer Rezeption zu arbeiten oder Taxi zu fahren", erklärt Kusnezowa.

Sie glaubt, dass man sie in Spanien ebenso wie in Russland nicht brauche. Der frisch gebackenen Spanierin kommt es nur auf familiäre Bindungen an. „Man sollte keine Angst haben und nicht darüber nachdenken, ob man hier gebraucht wird. Das ist nach wie vor ein typisches Denken im postsowjetischen Raum – in der übrigen Welt macht sich niemand Gedanken darüber."

Am meisten weiß die frühere Moskauerin die Natur in Spanien zu schätzen: frische Luft, sauberes Wasser und ein angenehmes Klima. „Ich würde nicht nach Moskau zurückkehren, selbst wenn man mir ein Monatsgehalt von 20 000 Euro anböte. Die Vorstellung, den Komfort und die Lebensqualität hier gegen die irrsinnige Schnelllebigkeit in dem angespannten Moskau einzutauschen, wo mir die Kälte immer zugesetzt hat, ist absurd. Man muss zufrieden sein im Leben und mit einer positiven Stimmung durch den Alltag gehen. Das ist wertvoller als Geld", sagt Kusnezowa.

Oleg hält sich für einen überzeugten Patriot, möchte aber trotzdem niemanden dafür verurteilen, dass er auf der Suche nach einem besseren Leben ist. „Bei uns denken viele, das Leben in Russland sei schlecht. Früher glaubte ich, dass man in Europa besser, auf höherem Niveau und kulturvoller lebe. Aber traumhafte Verhältnisse habe ich im Ausland nirgends vorgefunden. Ein gutes Beispiel ist das Baltikum. Die baltischen Staaten sind unabhängig – und was haben sie davon? Sie sind nun genauso unzufrieden mit der Situation wie vorher", sagt er. „Viele Menschen halten es an einem Ort nicht lange aus. Sie brauchen permanenten Wandel, neue Erfahrungen. Solche Leute sind nützlich für Russland. Sie machen interessante Erfahrungen und setzen sie mit der Zeit bei uns um. ‚Die Heimat sucht man sich nicht aus', heißt es im Volksmund. Dem möchte ich widersprechen. Man wählt sie sich. Man muss allerdings klare Prioritäten setzen, um nicht zu verzweifeln", schließt Oleg.

Die Mehrheit der von WZIOM befragten Russen (85 Prozent) möchte nicht aus Russland auswandern. Als Patrioten empfinden sich jedoch meist die über 45-Jährigen. Junge Leute im Alter von bis zu 25 Jahren sind bereit, Russland den Rücken zu kehren.

Experten gehen davon aus, dass die Einstellung zu Ortswechseln heute toleranter ist, weil sie eher den Beginn einer neuen Lebensphase als eine Entscheidung für den Rest des Lebens darstellten. Insgesamt habe sich

das Verhältnis der Russen zu Emigration in den vergangenen fünf Jahren geändert. Waren vor fünf Jahren mehr als die Hälfte der Befragten der Meinung, es sei falsch und unpatriotisch, seine Heimat zu verlassen (58 Prozent), und kaum mehr als ein Drittel es für ganz legitim hielt, ein Land gegen ein anderes auszutauschen (37 Prozent), so liegen die Anteile der Anhänger dieser Positionen heute mit 46 beziehungsweise 48 Prozent praktisch gleich auf.

Soziologen haben festgestellt, dass Emigrationswillige meist nicht genau wissen, was sie im Ausland tun werden. Der wichtigste Grund ihres Wegzugs sei der Wunsch nach besseren Lebensbedingungen (56 Prozent). Das zweitwichtigste Argument sei die Hoffnung, im Ausland bessere Möglichkeiten einer Selbstverwirklichung vorzufinden (21 Prozent). Eine weitere Hoffnung sei, „dort herrsche mehr Ordnung" (sieben Prozent).

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