Russische Hochzeiten früher und heute

Eine moderne russische Hochzeit hebt heute die Individualität des Paares hervor. Foto: Reuters

Eine moderne russische Hochzeit hebt heute die Individualität des Paares hervor. Foto: Reuters

Der August ist in Russland der Monat der Hochzeiten. Einige Traditionen spielen noch heute eine Rolle, andere sind im Laufe der Zeit weggefallen – und ganz andere sind wieder stark im Kommen.

Die traditionelle russische Hochzeit

Eine echte russische Hochzeit verlief in folgenden Schritten: Heiratsantrag, Brautschau, Verlobung, Junggesellinnen- und Junggesellenabschied, Hochzeitszug, Brautkauf, Trauung, Fest, Hochzeitsschmaus.

Der Heiratsantrag ist die Tradition, eine junge Frau als Braut anzubieten. Die Vermittlerrolle übernahmen traditionell speziell mit dieser Angelegenheit betraute Brautwerberinnen, die eine Braut nicht nur empfahlen, sondern auch bei der Organisation des Heiratsantrags selbst und der Suche nach einem Bräutigam halfen. In der Sowjetunion wurde das Ritual des Heiratsantrags nicht beachtet. Die Mehrheit der heute jungen Leute betrachtet ihn als einen archaischen und nicht mehr zeitgemäßen Brauch. Dennoch gibt es in den großen Städten nicht wenige Heiratsagenturen, die bezahlte Braut-/Bräutigamwerber auf die Suche und Kontaktanbahnung zum geeigneten Partner bzw. Partnerin ansetzen. Solche Agenturen gibt es noch nicht lange. In den vergangenen Jahren aber stieg die Nachfrage nach ihren Diensten auffallend an.

Olga, professionelle Brautwerberin und Beraterin bei der Heiratsagentur „vis-à-vis", erzählte gegenüber Russland HEUTE, wie eine solche Kontaktanbahnung entsteht: „Wir führen ein Gespräch mit dem Kunden, testen seine Persönlichkeit, nehmen seine Charaktereigenschaften auf und erarbeiten einen Plan für unser weiteres Vorgehen. Manche ziehen es vor, selbstständig zu suchen. Sie wählen Kandidaten aus und bieten ihre Fotos an. Andere hingegen vertrauen sich uns vollkommen an. In letzter Zeit kommen viele Ausländer zu uns. Das ist ganz verständlich, russische Frauen sind schließlich weiblicher, familienbezogener und fürsorglicher." Die meisten der ausländischen Kunden seien, so berichtet Olga, aus Europa.

Nach alter Sitte dürften Braut und Bräutigam einander nicht unter vier Augen begegnen. Ihr Treffen, die Brautschau, fand unter strenger Aufsicht der Eltern statt. Waren die Eltern mit der Wahl der Brautwerberin zufrieden, wurde der Heiratsantrag ausgesprochen, auch der „Handschlag" genannt. In der damaligen Zeit erfolgte das bei Tisch, üblicherweise übernahm diese Aufgabe der Vater der Braut. Nach dem Heiratsantrag legten die Eltern den Tag und den Ort der Hochzeitsfeier fest.

Am Tag vor der Hochzeit lud man zu einem Junggesellinnen- und Junggesellenabschied ein. Zu den wichtigsten Programmpunkten dieses Abends gehörte der Besuch einer Banja. Man sang dabei Lieder und führte verschiedene rituelle Handlungen aus.

Eine typische sowjetische Hochzeit. Foto: Reuters

Die Hochzeit selbst dauerte einige Tage. Am ersten Tag brachte der Bräutigam in der Regel die Aussteuer in das Haus der Braut. Sie diente als eine Art Zahlungsmittel für den Brautkauf. Danach ging es an den Hochzeitsschmaus. Der Brautkauf konnte sich über mehrere Stunden hinziehen und war von verschiedenen Bewährungsproben und Prüfungen des Bräutigams begleitet. Manchmal wurde dem Bräutigam aufgetragen, die Braut unter verkleideten jungen Frauen ausfindig zu machen. Auf den Brautkauf folgte die kirchliche Trauung, zu der Braut und Bräutigam in getrennten Hochzeitszügen fuhren, jeweils begleitet durch den Schwiegervater.

Am zweiten Tag der Hochzeit war es üblich, die Eltern beider Seiten zu bewirten, Lieder zu singen und die Trauung ausgiebig zu feiern.

 

Hochzeiten in Russland heute

In Russland wird man heute wohl niemanden mehr finden, der die alten Bräuche streng befolgt. Von den Traditionen der Vergangenheit haben die

Jungvermählten des 21. Jahrhunderts den Hochzeitsschmaus, den Heiratsantrag und die Trauung übernommen. Die beiden zuletzt genannten Rituale sind allerdings eher Mode als geachteter Brauch. Die Ansprüche von Hochzeitspaaren wachsen von Jahr zu Jahr und damit steigen auch die Beträge, die die Heiratsagenturen für ihre Dienste in Rechnung stellen. Besonders tief in die Tasche muss greifen, wer außerhalb der Stadt oder im Ausland heiraten möchte. Auch der Hochzeitsschmaus in einem guten Restaurant will teuer bezahlt sein.

„Heiratsagenturen werden heute mit sehr unterschiedlichem Budget in Anspruch genommen", erklärt Alexandrina Remis, Managerin und Organisatorin von Hochzeitsfesten der Agentur Poschenimsja.ru. „Ich habe erlebt, dass Paare in Moskau für nur 2 300 Euro mit 50 Gästen feierten. Das Paar entscheidet selbst, wie viel es ausgeben möchte. Wir haben auch schon Feste für fast 70 000 Euro organisiert. Diese Kosten decken dann die Dienste von professionellen Fotografen, Technikern und sonstigem Personal mit ab."

Für die Vorbereitung einer Hochzeit muss man durchschnittlich zwei bis vier

Monate einplanen. Sehr vorausschauende Paare beginnen schon ein Jahr vor „dem wichtigsten Tag ihres Lebens" mit der Organisation der Feierlichkeiten, bestellen ein Restaurant und legen das Datum des Hochzeitstages fest. Eine moderne russische Hochzeit hebt heute die Individualität des Paares hervor, sagt Remis. „Die meisten Paare wünschen sich heute eine Hochzeit, die ein Designer organisiert hat, sie soll farblich schön gestaltet sein und die Geschichte der Beziehung aufgreifen", erklärt die Expertin. Vor zwei bis drei Jahren waren themenbezogene Feste sehr gefragt, etwa im Stil des Chicago der 1920er, im Retrostil der 80er-Jahre oder im altrussischen Stil. Tradition und Gegenwart fließen hier zusammen.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland