Berufsbild: Krankenschwester in Russland

In vielen russischen Regionen gibt es einen Mangel an Krankenschwestern – auch weil die berufliche Perspektive fehlt. Foto: RIA Novosti

In vielen russischen Regionen gibt es einen Mangel an Krankenschwestern – auch weil die berufliche Perspektive fehlt. Foto: RIA Novosti

Elvira Michajlowna versucht alles, um dem Mangel an Krankenschwestern in Tschetschenien entgegenzuwirken. Ihre Arbeit ist mühsam, denn dem Berufsfeld fehlt es an Attraktivität und die Bezahlung ist schlecht.

In der sich allmählich stabilisierenden Tschetschenischen Republik gibt es einen Mangel an Krankenschwestern. Dabei fehlt es nicht an jungen Frauen mit medizinischer Ausbildung, sie haben nur keine Berufserfahrung. Um einem Chirurgen assistieren zu können, reicht es nicht, eine medizinische Hochschule absolviert zu haben. Unverzichtbar ist berufliche Praxis. Die in Kabardino-Balkarien beheimatete Elvira Michajlowna arbeitete ihr ganzes Leben als Krankenschwester. Trotz geringer Bezahlung und großer Arbeitsbelastung hat sie ihrem Beruf nicht den Rücken gekehrt. Heute führt sie in Tschetschenien diplomierte Pflegekräfte in den Berufsalltag im Krankenhaus ein. Professionalität und Mildtätigkeit zu vermitteln, erweist sich jedoch als nicht so einfach. Kaum jemand möchte wirklich Verantwortung übernehmen.

Elvira Michajlowna hat ihren Beruf nicht zufällig gewählt. Eine ihrer Schwestern war nach einer Lungenamputation dauerhaft auf ärztliche Hilfe angewiesen. Die junge Elvira wollte helfen. Dagegen stand ihr alter Traum, Düfte herzustellen. „Ich wollte in die Parfümerie und mit Düften arbeiten. Aber meine Schwester hat zu mir gesagt, das sei ein praktisch gesehen vollkommen unbedeutender Beruf und ich solle lieber etwas Medizinisches lernen", erzählt sie. Der Rat ihrer kranken Angehörigen lenkte ihren Weg in Richtung Krankenpflegerinnen-Ausbildung. „Ich habe mein Studium an der medizinischen Hochschule im Jahr 1978 angefangen und hatte zwei Jahre später mein Diplom mit Auszeichnung", erinnert sich Elvira.

Eigentlich wollte sie Medizin studieren, aber ihre familiäre Situation ließ das nicht zu. „Ich heiratete und zog von meiner Heimatstadt Naltschik nach Moskau. Mein Mann studierte damals noch und unsere Eltern konnten nicht gleich zwei Studenten finanziell unter die Arme greifen. So fing ich an zu arbeiten. Danach erwarb ich gemeinsam mit meinem Mann eine zweite Ausbildung, ich absolvierte ein Jurastudium. Aber außerhalb des medizinischen Bereichs habe ich beruflich nirgends Fuß gefasst. Mein Jura-Diplom blieb zuhause auf meinem Schreibtisch liegen", erzählt sie.

 

Der Nachwuchs bleibt weg – auch wegen schlechter Bezahlung

Vor eineinhalb Jahren bekam Elvira Michajlowna einen Job in Tschetschenien. Sie soll junge Krankenschwestern in die Berufspraxis einarbeiten. Das aber ist schwerer als gedacht. „In den eineinhalb Jahren, die ich bereits hier arbeite, hatte ich erst eine einzige Schülerin. Sie wurde OP-Schwester. Die Aufgaben der Oberschwester erfülle ich selbst, ich finde einfach keine Auszubildende. Ich hoffe aber weiter, Menschen für diesen Beruf interessieren zu können. Sonst bekäme ich das Gefühl, meine Mission nicht zu erfüllen, das wäre unangenehm", erzählt sie.

Das Leben einer Oberschwester sei schwer, sagt sie. Man habe viele administrative Aufgaben. Die jungen Leute aber wählten eher leichtere Berufe. „Interessenten für ein Studium gibt es nicht so viele, ein Umschulungszertifikat kostet Geld und bei den geringen Einkommen ist das

oft nicht machbar. Man muss zwei bis drei Monate lang arbeiten, um das Geld für die Dokumente zusammenzukriegen. In Tschetschenien verdient eine Krankenschwester zu Beginn ihrer Karriere ungefähr 115 Euro im Monat. Nach drei Jahren beruflicher Praxis kommen gewisse Zulagen hinzu", erzählt Elvira. Sie als Fachkraft mit höherer Qualifikation und nach dreißig Berufsjahren, die für ein doppeltes Gehalt arbeitet, bekommt ungefähr 300 Euro monatlich. Beschäftigte in Krankenhäusern arbeiten in der Regel auf zwei Stellen, manchmal sogar bei verschiedenen Arbeitgebern.

 

Krankenschwester aus Leidenschaft

Elvira Michajlowna. Foto aus dem

persönlichen archiv

Aber weder Mühen noch das geringe Einkommen konnten Elvira dazu bewegen, in einen anderen Beruf zu wechseln und sich einen etwas komfortableren Arbeitsplatz zu suchen. „Ich habe immer gespürt, dass genau das mein Beruf war. Jeden Tag sehe ich, dass Menschen mich brauchen. Krankenschwester zu sein, ist wirklich ein sehr schwerer Beruf. Andererseits ging mir meine Arbeit immer so leicht von der Hand, dass auch mehrstündige Operationen wie im Flug verstreichen", schwärmt sie von ihrem Beruf. „Wo ich doch dazu fähig bin, Menschen zu helfen, ist es meine Aufgabe, das auch zu tun. Wenn wir die Menschen nicht heilen, wer soll das sonst machen? Heute zweifele ich nicht daran, meinen Weg gefunden zu haben. Ich würde meine Erfahrungen nur gerne noch weitergeben, daher bin ich nach Grosny gekommen", sagt sie.

In der tschetschenischen Hauptstadt wohnt Elvira unter der Woche, an den Wochenenden fährt sie zu ihrer Familie nach Naltschik. „An meinen Arbeitstagen wohne ich bei meiner Kollegin. Das ist eine sehr großzügige Familie, ich kann dort umsonst wohnen. Unser Krankenhaus denkt noch

nicht einmal darüber nach, sich um Unterkünfte für sein Personal zu kümmern", fügt sie etwas bedrückt hinzu. In eineinhalb Jahren läuft ihr Vertrag aus. Dann wird sie zurückkehren in ihre Heimat und neben ihren Diensten als Krankenschwester Massagen anbieten. Massagetechniken erlernt sie gerade im Videounterricht auf YouTube und wendet sie an ihrem Mann an.

Elvira ist sicher, dass man Krankenschwester nur aus Berufung sein kann, sonst nicht. „Es ist ein großes Glück, sich selbst und seine Bestimmung gefunden zu haben. Ich weiß, dass das nicht selbstverständlich ist", ergänzt sie.

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