Obdachlosigkeit: Ein Leben auf russischen Straßen

Obdachlose können nur selten wieder in ein normales Leben zurückkehren – staatliche Hilfe gibt es wenig. Foto: RIA Novosti

Obdachlose können nur selten wieder in ein normales Leben zurückkehren – staatliche Hilfe gibt es wenig. Foto: RIA Novosti

Trotz der positiven wirtschaftlichen Entwicklung leben in Russland viele Menschen auf der Straße. Insbesondere Langzeitobdachlose haben schlechte Aussichten auf einen Wiedereinstieg ins bürgerliche Leben.

In den 1990er-Jahren durchlebte Russland einen starken Umbruch. Dieser hatte zur Folge, dass Hunderttausende Menschen in Russland ihr Heim verloren und auf der Straße leben mussten. Heute ist die wirtschaftliche Lage im Land zwar besser, doch laut soziologischen Studien sind nach wie vor eineinhalb bis drei Millionen Menschen obdachlos. Experten merken zudem an, dass Obdachlose nur dann wieder in ein normales Leben zurückfinden, wenn sie erst kurze Zeit auf der Straße leben.

 

Juri lebt seit Langem auf der Straße

Juri ist einer von vielen Obdachlosen. Er lebt bereits seit 15 Jahren auf der Straße. Seine erste Nacht ohne Heim verbrachte der heute 45-Jährige im Alter von 29 Jahren. Zuvor hatte der Moskauer bei seinen Eltern in ihrer Wohnung gelebt und als Verkäufer gearbeitet. Doch als seine Eltern starben, verkaufte seine Schwester die elterliche Wohnung und setzte ihn auf die Straße.

„Ich hatte meiner Schwester den Verkauf der Wohnung überlassen. Als sie mir dann aber nur einen minimalen Anteil des Verkaufserlöses gab, begann ich mit ihr zu streiten, ja drohte ihr sogar damit, sie umzubringen." Doch irgendwann habe er resigniert und gedacht: „Ach zum Teufel mit ihr, ich komme auch so durch." Es blieb ihm ein wenig Geld, von dem er ein kleines Zimmer mieten konnte, und so lebte er von da an allein.

Doch der Tod der Eltern, der Streit mit der Schwester und die neuen Lebensumstände trafen Juri schwer, sodass eines zum anderen führte: Alkohol, Schulden und Streitigkeiten mit Freunden. Es ging schließlich so weit, dass das Geld nicht mehr für die Miete ausreichte. Zu Beginn seiner Obdachlosigkeit übernachtete Juri dann in der Einfahrt seines ehemaligen Wohnhauses. So gestaltete sich für den jungen Moskauer das Ende der 1990er-Jahre.

Heute schläft Juri nachts im Kursker Bahnhof und bettelt tagsüber vor einer Moskauer Kirche. Das Geld reicht seiner Meinung nach zum Leben aus – im Schnitt erbettelt sich der Obdachlose zwischen zwölf und 20 Euro. Sein Freundeskreis besteht aus Menschen, die ebenso wie er obdachlos sind. Sie treffen sich oft, gehen zusammen Lebensmittel und Alkohol einkaufen und suchen gemeinsam einen Schlafplatz. Juri hat sich an das Leben auf der Straße gewöhnt und meint, dass er sich kaum vorstellen könne, wieder in ein normales Leben zurückzukehren.

„Das Leben auf der Straße ist natürlich kein Spaziergang. Am Bahnhof werden wir oft vertrieben und müssen dann auf einer Müllhalde schlafen. Dort müssen wir aber auch auf der Hut sein, denn Ausländer streifen auf diesen herum und stehlen Geld. Daher gehe ich jeden Tag in die Kirche, um zu beten, und ich glaube, dass Gott mich beschützt. Ich kann ohnehin nirgendwo hin – soll mein Leben ruhig so verlaufen, wie Gott es will."

 

Swetlana fehlen die Papiere

Swetlana ist etwa 50 Jahre alt und trägt eine alte Polyesterjacke und abgetragene Sportschuhe. Sie erzählt, dass sie aus der Ukraine stamme und nach Moskau gekommen sei, da man ihr hier eine Arbeitsstelle versprochen hatte:

„Ich komme aus Wosnessensk in der Ukraine. Dort habe ich früher in einer

Käsefabrik gearbeitet, doch man hat dort so wenig bezahlt, dass ich mich dazu entschied, eine neue Arbeit zu suchen. Über Bekannte erfuhr ich dann, dass man in Moskau Näherinnen suchte und ich bin ja gelernte Schneiderin. So dachte ich, warum denn nicht! Besser als für einen Hungerlohn zu arbeiten, ist es auf jeden Fall."

Doch als Swetlana in Moskau war, bekam sie die Arbeitsstelle als Näherin nicht, landete stattdessen aber bei einer kriminellen Bande, die sie gegen ihren Willen festhielt und zwang, in der Metro betteln zu gehen. Swetlana gelang zu ihrem Glück die Flucht, nach Hause wollte sie nach diesen schrecklichen Erlebnissen jedoch nicht mehr.

„Ich habe in Wornessensk meinen Sohn und meinen Mann zurückgelassen. Mein Mann ist inzwischen bereits gestorben und mein Sohn wurde zum Alkoholiker", erzählt Swetlana. „Es gibt dort kein Geld, und obwohl ich hier in Moskau obdachlos bin, habe ich etwas zu essen sowie Kleidung. Ich stehe den ganzen Tag in einer Kirchenvorhalle und erbettle mir bis zu zwölf Euro, die meist für Brot, Milch und Alkohol ausreichen."

Als Schlafplatz dient Swetlana heute ein Innenhof, den sie sich noch mit zwei weiteren Obdachlosen teilt. Swetlana unterhält zu allen Obdachlosen in ihrer Umgebung gute Beziehungen, sind sie doch die einzigen, die sie wirklich verstehen: „Wir sind eine große Familie, in der jeder jedem hilft zu überleben."

Swetlana würde jede Arbeit annehmen, solange diese bezahlt wird. Es steht dem aber die Tatsache entgegen, dass die gebürtige Ukrainerin keine Papiere mehr besitzt. Diese wurden ihr damals weggenommen, um sie an die Bande zu binden. Doch auch wenn sie diese noch hätte, würden sie ihr nur wenig nützen, da es ukrainische Papiere sind. Ihre einzige Möglichkeit, wieder in ein normales Leben zurückzukehren, wäre somit, in ihre Heimat zu fahren. Doch diese Variante kommt für Swetlana nicht in Frage.

Die Zukunft ist für sie ein nebensächliches Thema. Es zählt vielmehr das Hier und Jetzt. Hin und wieder macht sich die Obdachlose allerdings doch Gedanken über den bevorstehenden harten Winter: Das Wichtigste ist, diesen Winter und die Kälte zu überleben.

 

Der Weg in die Obdachlosigkeit ist oftmals ein schleichender Prozess

Laut verschiedenen Studien leben derzeit zwischen 10 000 und 50 000 Obdachlose in Moskau, wobei diese Zahl in Zukunft nicht geringer werden wird. Laut Elena Kowalenko, der Projektleiterin der Stiftung „Institut für Städtewirtschaft" liegen die Schlüsselprobleme, die eine Senkung der Obdachlosenzahl verhindern, einerseits in der ineffizienten Sozialpolitik Russlands und andererseits in der Einstellung der Obdachlosen selbst.

„Obdachlosigkeit ist kein momentaner Bruch, sondern in der Regel ein schrittweiser Prozess, der durch eine Anhäufung von Problemen gekennzeichnet ist. Dadurch werden die Möglichkeiten eines Menschen, mit der gegebenen Situation zurechtzukommen, stark verringert", sagt die Expertin. „Nehmen wir an, ein Mensch lebt seit Jahren ohne Registrierung und denkt gar nicht daran, einmal obdachlos zu werden. Plötzlich erkrankt dieser Mensch aber und verliert dadurch seine Arbeit und damit gleichzeitig auch die Möglichkeit, eine Wohnung zu mieten. Die Menschen, die sich in dieser Situation befinden, wie auch die Wege, die sie dorthin gebracht haben, sind sehr verschieden. Dabei nennt man sie aber alle gleich: Obdachlose."

 

Die russische Politik drückt sich, Bürger übernehmen Verantwortung

Die staatlichen Behörden bieten keine Hilfe an, um Obdachlosigkeit im Vorhinein zu verhindern, und die soziale Hilfe, die Obdachlose bekommen, wird noch durch bürokratische Hürden, eine schlechte Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Behörden und ein unzureichend ausgebautes Netz an entsprechenden Anlaufstellen erschwert. Zudem richten sich bestehende Einrichtungen nur an mehr oder minder sozial adaptierte Personen. Jene, die aber wirklich auf der Straße leben müssen, wissen zum Teil nicht einmal, dass es Anlaufstellen gibt, oder haben falsche Vorstellungen von diesen.

Die Moskauerin Walentina Surkowa glaubt, dass man diesen Menschen helfen könne, wenn man es nur wolle. Sie widmet den Obdachlosen all ihre

Kraft und braucht einen Großteil ihrer Rente dafür auf. So geht die Moskauerin regelmäßig zu den Bahnhöfen und verteilt Einladungen für ein kostenloses Mittagessen bei ihr Zuhause.

„Ein Obdachloser kann nur wieder in ein normales Leben zurückfinden, wenn man ihn in den ersten vier Tagen von der Straße holt", so die Rentnerin. „Ich gehe zu den Bahnhöfen und suche gezielt nach solchen Menschen. Sie sind aber auch nicht schwer zu erkennen unter den anderen Langzeitobdachlosen mit ihren leeren Blicken. Wenn ich einen solchen Menschen finde, helfe ich ihm dabei, neue Papiere zu beantragen und kaufe ihm eine Fahrkarte, damit dieser zu seinen Verwandten fahren kann. Am Kasaner Bahnhof nennen mich die Obdachlosen daher ‚Mutter Walentina'." Surkowa ist der Auffassung, dass Menschen immer etwas hätten, das sie teilen könnten. Jeder besitze etwas, was er nicht mehr brauche, anderen aber ihr Überleben sichern könne – von Lebensmitteln bis hin zu Bürowaren.

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