Politische Karikatur in Russland: Nach wie vor populär

Femida. Bild: Alexej Merinow

Femida. Bild: Alexej Merinow

Alexej Merinow, Russlands berühmtester Karikaturist, sprach mit Russland HEUTE über die politische Karikatur in seinem Land. Der Künstler publiziert bereits seit Anfang der 1980er-Jahre, erst kürzlich gestaltete er mit seinen Zeichnungen eine Ausgabe des Strafgesetzbuches und des Zivilgesetzbuches. Das Ergebnis ist aktuell, witzig und bissig.

Russland HEUTE: Die politische Karikatur hat in Russland eine recht lange Tradition. Wie erklären Sie sich den Popularitätsverlust dieses Genres?

Merinow: Es ist nach wie vor populär. Kein Vergleich natürlich zu den Zeiten, als man in jeder sowjetischen Zeitung auf Zeichnungen behaarter Klauen des Imperialismus-Revanchismus stieß, die versuchten, sich an friedlich weidenden sowjetischen Traktoren zu vergreifen. Aber nehmen wir die sozialen Netzwerke, die sind ein durchaus lebendiger Spiegel des politischen Geschehens. Dort ist sogar sehr viel in Bewegung.

Alexej Merinow: Die politische Karikatur

wurde fast vollständig aus den offiziellen

Medien verbannt, sie ist annähernd komplett

ins Internet abgewandert. Foto: Pressebild

Ein anderer Aspekt ist, dass nach dem vielen Gezänk, den Fehlern und Enttäuschungen sich nur noch ein sehr enger Kreis für Politik interessiert. Die politische Karikatur wurde fast vollständig aus den offiziellen Medien verbannt, sie ist annähernd komplett ins Internet abgewandert. Die unzähligen Photoshop-Montagen zeigen das sehr deutlich. Mich amüsiert natürlich der Drang der Autoren solcher Collagen, ihr Bild unbedingt mit einem „erläuternden" Text zu versehen.

Als ich noch jung war, machten viele Redakteure eine Zeichnung ohne Worte sehr nervös. Sie hassten das regelrecht und verfassten schließlich selbst einen Text zum Bild. Sie fürchteten anscheinend, dass die breiten Massen es so nicht verstehen würden. Wir haben das sowjetische System schon lange hinter uns gelassen, aber die verkappten Hirten, die über ihre Schäfchen wachen, sind geblieben. Das Bestreben, alles mundgerecht zu servieren, ist unausrottbar.

Sie haben bereits das Strafgesetzbuch grafisch gestaltet, jetzt geht es weiter.

Ja, ich habe das Strafgesetzbuch und das Zivilgesetzbuch gestaltet und bin mit dem Arbeitskodex gerade fertig geworden. Ich hätte niemals gedacht, dass der Arbeitskodex ein zeichnerisch so interessantes Projekt werden würde. Ich habe dabei einen rot angehauchten Standpunkt eingenommen und mich reichlich aus dem Repertoire der Hammer-und-Sichel-Bildchen, der Bonzen und der politischen Elite unseres Staates bedient.

Illustrierter Arbeitskodex. Bild: Alexej Merinow

Gibt es Figuren, die Ihre Arbeit in besonderem Maße beflügelten?

In den 1990er-Jahren habe ich jeden Tag Jelzin, Tschernomyrdin und Luschkow karikiert. Am Anfang war das wirklich spannend. Das war ja etwas ganz Neues: lebende Politiker zeichnen! Eine Kartoffel – das war Boris Nikolajewitsch. Ein Teller mit Augenbrauen – Tschernomyrdin. Später hing einem das zum Halse heraus. Ich zeichnete aber weiterhin gelegentlich konkrete Figuren, bis zum heutigen Tag.

Aber viel interessanter finde ich es, mir Motive und Situationen auszudenken. Es gab schon lustige Geschichten. Zum Beispiel ein Anruf

aus der schweizerischen Botschaft: Zwei Mitarbeiter würden ihren Posten räumen und wollen mir zum Abschied ein paar Bilder abkaufen. Kein Problem. Ich staune nur, dass sie nicht zu irgendwelchen „philosophischen" Arbeiten ohne Worte greifen, sondern sich für die aktuellsten über das Leben in Russland interessieren. Ich frage: Warum ausgerechnet so etwas? Sie antworten: Wir haben so lange hier gearbeitet, dass wir ohne Russland schon nicht mehr können.

Wenn Sie mit Ihren Arbeiten über die Grenzen Russlands hinaus wollten, wer wäre da Ihre Zielscheibe?

Die Zeiten der Illusionen über das paradiesische Leben im Westen sind schon lange vorbei. Ich müsste also nicht um Arbeit fürchten. Das einzige, woran mir wirklich liegt, ist, nicht auf das Niveau der behaarten Klauen des Imperialismus zu sinken. Aber das wäre schließlich nicht nötig. Idioten gibt es überall.

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