Greenpeace-Fotograf: „Ich verliere kein bisschen Mut “

Denis Sinjakow, der inhaftierte Fotograf der „Arctic Sunrise“.  Foto: Reuters

Denis Sinjakow, der inhaftierte Fotograf der „Arctic Sunrise“. Foto: Reuters

Der als Teilnehmer der Greenpeace-Expedition auf der „Arctic Sunrise“ mitinhaftierte russische Journalist Denis Sinjakow beantwortet Fragen zur journalistischen Berufsethik und über seine Zeit in Untersuchungshaft.

Unter den Inhaftierten bei der Besetzung der Ölplattform Priraslomnaja durch Greenpeace-Aktivisten war auch der russische Fotograf Denis Sinjakow. Die Ermittler begründeten seine Festnahme mit der Behauptung, er könnte in den Untergrund gehen und weiter seiner kriminellen Tätigkeit nachgehen. Denis wird beschuldigt, „Pirat", „Störer der Öffentlichkeit" oder „Besatzer" zu sein. Im Grunde wird hier journalistische Tätigkeit auf dieselbe Stufe mit mutmaßlichen Verbrechen gestellt. Sinjakow beantwortete auf einem Zettel, der aus dem Untersuchungsgefängnis in Murmansk überbracht wurde, unsere Fragen zu seinem Fall.

Eine Reihe von Kollegen, die die Tätigkeit der russischen Behörden rechtfertigen wollten, diskutierte die Rolle, die Sie auf der Expedition der „Arctic Sunrise" eingenommen haben. Ihrer Ansicht nach befanden Sie sich nicht als Fotograf, sondern als Aktivist auf dem Schiff. Können Sie diese Frage klären?

Diesen Kollegen würde ich empfehlen, ins russische Gesetzbuch zu schauen, statt demagogisch zu werden, während sie zu Hause vor dem PC

hocken. Eine oberflächliche Suche bei Google „Wer ist Denis Sinjakow?" gibt leicht eine Antwort auf die von ihnen diskutierte Frage. Allein dass sie meine Rolle diskutieren, zeigt, dass sie mit den Gesetzen nicht vertraut sind. Es ist ja fraglich, ob die Artikel des Strafgesetzbuchs zu den Mitteln der Unterbindung und den mir und der Schiffsbesatzung angehängten Verbrechen „Piraterie" und „Störung der öffentlichen Ordnung" überhaupt berechtigen.

Ist die öffentliche Meinung überhaupt wichtig, wenn man als professioneller Fotograf mit einer öffentlichen Organisation zusammenarbeitet?

Bis zum 19. September 2013 hatte ich vorgehabt, eine Geschichte über Menschen zu erzählen, die etwas zu sagen haben. Dieser Aufgabe galt es, so objektiv wie möglich nachzugehen und wichtige Details nicht zu übersehen. Ich wollte noch eine Perspektive zum Problem der Ölförderung in der Arktis aufzeigen. Warum „noch eine"? Einfach darum, weil ich davor schon mit „Gazpromneft" zusammengearbeitet habe, wobei ich deren Sichtweise dargestellt habe. Heute wollen sie sich daran allerdings demonstrativ nicht mehr erinnern. Meine Geschichte über die Arktis hat nicht erst am 7. September angefangen, als ich an Bord des Schiffes trat. Sie ist schon mehrere Jahre alt. Dabei lernte ich die verschiedenen Positionen der beteiligten Parteien, die manchmal durchaus komplex waren, kennen.

Was sind Ihrer Meinung nach die grundlegenden Prinzipien der Berufsethik bei der Arbeit in einer Konfliktsituation?

Der Fotojournalismus ist für mich die Erforschung der Welt um mich herum, bei der der Fotoapparat als Leiter funktioniert. Wenn ich Geschichten

mache, antworte ich mir selbst auf wichtige Fragen und bin nicht das Sprachrohr von irgendjemandem. Und diese, meine Fragen stelle ich verschiedenen Akteuren. Oft sind sie grundsätzlich gegenteiliger Meinung. Meiner Ansicht nach gehört es auch zur Ethik des Fotojournalisten, so viele Meinungen wie möglich einzuholen.

Teilen Sie die Positionen von Greenpeace?

Natürlich teile ich die meisten Werte, die Greenpeace vertritt. Das verhindert aber nicht, dass wir manchmal über die Tätigkeit von Greenpeace in Russland streiten. Wie könnte ich Umweltschutz und eine insgesamt gesunde Zukunft für meine Kinder nicht wollen? In erster Linie finde ich, dass alle Gesellschaften, die in der Arktis Ölförderung betreiben, egal aus welchen Ländern sie kommen, mit den Bürgern reden müssen und Sicherheitsgarantien bei dieser Arbeit gewähren müssen.

Was quält Sie am meisten in der Untersuchungshaft?

Über die Gefängnismitarbeiter kann ich mich nicht sonderlich beklagen. Teilweise sind sie uns gegenüber vollkommen korrekt und sitzen mit uns zusammen ihre eigene Strafe ab. Früher oder später werde ich hier herauskommen, während sie Jahr für Jahr die langen „Galeeren" mit Schritten messen und den Augen der Häftlinge begegnen werden. Natürlich erniedrigen sie uns mit Durchsuchungen bis auf die Unterhose nach jedem Zurückkommen aus der Untersuchungsbehörde und tasten einen mehrfach ab vor Untersuchungen und Spaziergängen, aber so lauten eben ihre Anweisungen. Und ich muss schon sagen, dass es hier eine gute Bibliothek gibt.

Was hilft Ihnen, Ihren Geist aufrechtzuerhalten und gegen Mutlosigkeit anzukämpfen?

Ich würde mich schämen, meine Haft als etwas Fürchterliches anzusehen. Ich verliere kein bisschen Mut, obwohl es hier langweilig ist. Ich fasse meine Haft hier als eine Erforschung meiner selbst auf. In der ersten Zeit bedrückte mich alles: Die Unmöglichkeit, gewöhnliche Dinge zu tun, und der Mangel an Informationen über meine Familie und Freunde. Ich bekam bisher nicht eine einzige Möglichkeit, ein Telefonat zu tätigen. Des Weiteren

nerven mich, dass zu Hause unerledigte Dinge warten, die Absurdität der Anklage und die unmöglichen zehn Jahre Haft „einfach so".

Aber man lenkt sich mit der Ordnung der alltäglichen Dinge ab. Wir hatten nichts mit, als wir hierhergeworfen wurden. Aber dann passierte etwas Seltsames: Nach einem Tag zusammen mit brutal aussehenden Kämpfern, mit denen man zusammengekettet ist, während man zur Untersuchungsbehörde gefahren wird, will man plötzlich in seine kleine Zelle, zu den Büchern, Heften und der Möglichkeit, einen Tee zu trinken.

Wie hat sich Ihre Definition von Freiheit geändert?

Meine eigene Definition von Freiheit hat sich gar nicht geändert, wenn man bedenkt, dass Freiheit der Wunsch und die Möglichkeit ist, entsprechend seinen eigenen Überzeugungen und des eigenen Gewissens zu leben und zu arbeiten. Das Gefängnis kann dem Menschen einen Teil des Lebens stehlen, aber im Gegenzug erlangt man eine innere, persönliche Reife. An einem bestimmten Punkt war ich dem Schicksal dankbar für eine so unschätzbare Erfahrung. Es brachte mich dazu, mich wieder in meine wunderbare Ehefrau zu verlieben, die so mutig und stark ist. Und in meine Kollegen, die so ehrlich und prinzipientreu sind. Und das ist schon einiges wert.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Russkij Reporter.

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