Wohltätigkeit in Russland: Wo Spenden den Staat entlasten

Die russische Schauspielerin Tschulpan Chamatowa (in der Mitte) ist die Gründerin der karitativen Stiftung  „Podari Schisnj" („Schenke ein Leben").  Foto: ITAR-TASS

Die russische Schauspielerin Tschulpan Chamatowa (in der Mitte) ist die Gründerin der karitativen Stiftung „Podari Schisnj" („Schenke ein Leben"). Foto: ITAR-TASS

2012 wurden in Russland 178 Millionen Euro gespendet, so ein Bericht des Coutts-Instituts. Der Staat ist nicht mehr bereit, alle Probleme des Gesundheitswesens und der Bildung zu lösen, deshalb werden gemeinnützige Organisationen immer wichtiger – und die sind auf Spenden angewiesen.

In einer Statistik, die das Coutts-Institut veröffentlicht hat, sind Spenden ab einer Million USD aufgeführt (ca. 743 000 Euro). Die Daten für Russland beruhen auf der Analyse von 18 Geldgebern (Privatpersonen und Fonds). 71 Prozent der Spenden waren demnach Privatspenden. Die durchschnittliche Spendensumme 2012 betrug fünf Millionen Euro.

Die größte Spende belief sich auf 48 Millionen Euro. Der größte Teil der Spendenmittel 2012 wurde zur „Entwicklung der Gesellschaft" ausgegeben: 56 Millionen Euro (31 Prozent). Auf dem zweiten Platz lagen die Spenden an karitative Stiftungen: 41 Millionen Euro (23 Prozent). Den dritten Platz nahmen Spenden an Lehreinrichtungen ein: 15 Millionen Euro (8 Prozent).

Dabei wurden wesentliche Teile der Spenden für Projekte außerhalb Russlands verwendet. Innerhalb des Landes waren die größten Spendenempfänger Non-Profit-Organisationen (NPO), deren Tätigkeiten auf die Bereicherung der Kultur und des gesellschaftlichen Lebens sowie auf die Lösung von sozialwirtschaftlichen Problemen wie beispielsweise Armut, die Forschungsentwicklung und die Verbesserung des Gesundheitswesens abzielen.

Derzeit gibt es in Russland über 350 000 NPOs, die durch Spenden, den Staat und Privatinvestoren finanziert werden. Das Vertrauen der Spender müsse aber erst erkämpft werden, sagt die Direktorin der Stiftung „Podari Schisnj" („Schenke ein Leben"). „2012 konnten wir keinen wesentlichen Rückgang der Mittel feststellen, aber es gab auch keinen Anstieg", bemerkte sie und erläuterte: „Viele können sich bis heute nur schwer vorstellen, dass der Staat nicht mehr bereit ist, alle Probleme des Gesundheitswesens und der Bildung zu lösen, und dass man Medikamente bei Weitem nicht in allen Krankenhäusern finden kann."

 

Privatpersonen verbergen ihre philanthropische Ader gerne

Trotzdem unterstreichen die Autoren der Studie, dass die realen Ausgaben für Wohltätigkeit weit höher liegen können. Viele versuchen, ihre philanthropische Tätigkeit nicht an die große Glocke zu hängen.

Teilweise kann diese Lücke mit dem Rating des „Forbes"-Magazins aufgefüllt werden. Die Zeitschrift befragte 50 Milliardäre und bekam von acht russischen Oligarchen die Antwort, dass sie 2012 persönlich 290 Millionen Euro gespendet hätten.

Die russische Regierung fördert die Wohltätigkeit von Privatpersonen und

Umfang der 2012 für Wohltätigkeit ausgegebenen Mittel

 

USA: 10,5 Mrd. Euro

UK: 1,00 Mrd. Euro

China: 1,18 Mrd. Euro

Hongkong: 651 Mio. Euro

Russland: 175 Mio. Euro

schafft immer günstigere Bedingungen. So wurde 2007 die Gewinnsteuer für Einkünfte aus dem zweckgebundenen Kapital von Stiftungen gesenkt, während für Personen und Organisationen, die Stiftungsvermögen generieren, Steuervergünstigungen geschaffen wurden.

Im Januar 2012 wurden Änderungen am Steuergesetzbuch vorgenommen, die eine Gewährung von Steuerabzügen für karitativ tätige Personen vorsehen. Das Gesetz gilt seit 2013. Ungeachtet der Tätigkeit von privaten Philanthropen ist ein Charakteristikum der Wohltätigkeit in Russland die Institutionalisierung, die sich in der Gründung von Stiftungen zeigt.

1999 wurde von Wladimir Potanin die erste Privatstiftung Russlands gegründet, die sich groß angelegten Programmen im Bereich Bildung und

Kultur annehmen sollte. Seitdem wächst die Zahl von Firmen- und Privatstiftungen kontinuierlich. 2013 zählte man in Russland ungefähr 70 private Stiftungen. Der Spendenumfang der größten von ihnen übersteigt 7,5 Millionen Euro pro Jahr.

Viele wohlhabende Russen gründeten eigene Stiftungen außerhalb der Landesgrenzen, wobei die Mittel dieser Stiftungen trotzdem für wohltätige Zwecke innerhalb des Landes eingesetzt werden. Obwohl viele russische Spender NPOs bevorzugen, realisieren Stiftungen oft auch Programme aus eigenen Kräften: Dazu gehören der Bau von Schulen, die Modernisierung von Krankenhäusern, die Entwicklung palliativer Hilfe oder das Verlegen von Büchern. Teilweise lässt sich das Engagement mit dem Wunsch der Stiftungen erklären, zumindest ein wenig den Prozess der Programmdurchführung zu kontrollieren.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Gazeta.ru