Beruf: Kunstschmied

Foto: Anton Agarkow

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Viktor Misgirew ist erst 25 Jahre alt und betreibt bereits seine eigene Schmiedewerkstatt. Auf dem Kunstmarkt können Interessierte einen Einblick in das Handwerk bekommen und sich selbst künstlerisch betätigen.

 Kaum zu glauben, aber auf dem Kunstmarkt „Vernissage" im Ismailowski-Park gibt es eine originalgetreue Schmiede. Hier bringt Viktor Misgirew jedes Wochenende Interessierten bei, wie man unansehnliches Metall in kunstvolle Gegenstände verwandeln kann. Er hat Stammschüler und zufällige Besucher, manchmal kommen auch Frischvermählte und Ausländer.

Viktor selbst stammt aus dem Norden Russlands, aus der Stadt Weliki Ustjug, die heute als Heimat von Väterchen Frost, dem russischen Pendant zum Weihnachtsmann, bekannt ist. Eigentlich ist sie aber Heimat ganz realer Helden: der russischen Abenteurer und Entdecker Sibiriens, Semjon Deschnjow und Jerofei Chabarow.

Bevor er seine Leidenschaft für die Schmiedekunst entdeckte, beschäftigte sich Viktor mit Holzschnitzerei. „Als ich einmal ein raffiniertes Werkzeug brauchte, das ich nirgends kaufen konnte, ging ich zu unserem örtlichen Schmied. Auf den Feldern war gerade Saatzeit und er musste die landwirtschaftlichen Geräte warten. Deshalb schlug er mir vor, dass ich selbst machen sollte, was ich brauchte", erzählt Viktor. Danach besuchte er die Schmiede öfters, nahm sein Werkzeug in Betrieb und fing allmählich an, dort zu arbeiten. „Später hab ich mich dann mit meinem Arbeitgeber überworfen und bin nach Tula gezogen, wo man mir sofort eine Arbeit als Schmied anbot", sagt der junge Mann.


In Moskau entwickelte er seinen Stil

 Er erzählt, dass später, als er nach dreieinhalb Jahren Arbeit als Schmied nach Moskau ging, der dortige Schmied gesagt habe, er könne gar nichts, und ihn als Lehrling aufnahm. Innerhalb von neun Monaten gelang es ihm, sich alle Geheimnisse der Schmiedekunst anzueignen. „Ich lernte, Barock- und Jugendstilformen zu schmieden sowie verschiedene schwierige Metallbildhauerkunstwerke", berichtet er. „Man hat mir beigebracht, Metall richtig zu sehen. Und dann habe ich meinen Stil entwickelt."

Heute beschäftigt sich Viktor neben der Kunstschmiedearbeit auch wieder mit Bein-, Holz- und Rindenschnitzerei. Er möchte ein einzigartiges Kunsthandwerk bewahren: die traditionelle Rindenschnitzkunst aus den Dörfern am Fluss Schemogsa im Gebiet Wologda. Er nimmt an Festivals zu historischer Rekonstruktion teil und beteiligt sich gemeinsam mit Historikern an „experimenteller Archäologie", also der Funktionsbestimmung von ausgegrabenen archäologischen Gegenständen. Neuerdings hat er vor, in Zusammenarbeit mit einem Goldschmied Schmuckstücke anzufertigen. Aber die Schmiedekunst bleibt der Schwerpunkt seiner Arbeit.

„Mit Metall kann man unglaublich viel machen. Wenn man sich gut mit ihm stellt, dann kann alles Mögliche gelingen. Aber wenn man schlecht drauf ist, dann kommt nichts dabei heraus, nicht einmal ein Nagel", sagt der Meister. Viktor hat eine eigene Visitenkarte: ein großer Nagel mit seinem Porträt auf dem Nagelkopf.

Foto: Anton Agarkow

Der Kunstschmied ist der Meinung, dass es heutzutage in Moskau genügend gute Kunstschmiedemeister gebe, aber echte Kunstschmiedearbeit sei eine teure Angelegenheit, die sich nur wenige leisten können. Gerade deshalb gebe es neuerdings eine billigere Herstellungsmethode für Eisenverzierungen, die oft als Kunstschmiedearbeit ausgegeben wird. „Heute gibt man oft maschinell erzeugte Schmiedestücke als Kunsthandwerk aus. Die Leute kaufen Metallstäbe in den Kaufhäusern, biegen sie mithilfe einer speziellen Maschine und schweißen sie dann zusammen", erzählt Viktor.


Seine Schüler genießen die Arbeit

In seiner Werkstatt arbeiten während unseres Gesprächs vier Besucher. Wanja, der jüngste von ihnen, erzählt, dass er schon immer Kunstschmiedearbeiten machen wollte und schon über ein Jahr eine Ausbildung bei Viktor macht. Er träumt davon, das Schmiedehandwerk zu seiner Hauptbetätigung werden zu lassen. Aber solange er noch sein Ingenieursdiplom vor sich hat, arbeitet er in einer Werbeagentur. Am besten gelingen ihm Metallblumen.

Ein anderer Lehrling, Dmitri, zaubert an einem schmiedeeisernen Brillengestell herum. Er hat seine eigene Firma, in der er Brillengläser herstellt, und suchte schon lange nach einem besonderen Einfall. Er kam zufällig bei der Schmiede vorbei und blieb. „Ich bin physisch natürlich müde, weil ich die Wochenenden hier verbringe, aber es gibt keine bessere Erholung als Abwechslung bei der Arbeit", sagt er.

Es kommen ganz unterschiedliche Leute zu ihm, um das Kunstschmiedehandwerk zu erlernen, bemerkt der Meister. Die einen kapieren überhaupt nichts, anderen wiederum muss man gar nichts erklären. „Einmal kam ein waschechter Bankier aus den USA in die Werkstatt und sagte, dass er zum zweiten Mal in seinem Leben einen Hammer sieht, das erste Mal war in einem Wild-West-Museum. Oder der Abgeordnete des russischen Parlaments, der zwei linke Hände hatte. Doch gerade die Handarbeit fördert die Entwicklung des denkenden und schöpferischen Geistes. Wenn man anfängt, mit seinen Händen zu arbeiten, dann fängt auch der Kopf an, anders zu denken. Unser Wanja hier hat das auch festgestellt", sagt Viktor. Wanja nickt lächelnd.


Auch Touristen können sich probieren

Viele Leute betrachten den Schmied als ein lebendiges Museumsexponat, man führt auch viele Kindergruppen hierher. Relativ oft kommen auch Ausländer vorbei, meist aus Neugierde, aber es gibt auch welche, die das Schmieden tatsächlich ausprobieren. Zum Beispiel kamen vor Kurzem zwei Paare aus Finnland.

„Ich habe spezielle Meisterklassen für Frischvermählte. Der Bräutigam schmiedet das Metall für ein Hufeisen und die Braut gibt ihm dann die

endgültige Form. Die Leute sollen erleben, dass der Mann die Basis für das Familienleben schafft und die Frau die nötigen Striche hinzufügt und das Ganze verschönert", erklärt er.

Am meisten wundern sich die Japaner über seine Arbeit, berichtet der Schmied, weil für sie ein Meister ein Mann in würdigem Alter sein muss und er mit seinen 25 Jahren noch ein Jungspund ist. „Sie konnten einfach nicht glauben, dass das alles meine Arbeiten sind und dass ich sogar Schüler habe", fügt Viktor hinzu.

Der Held unserer Geschichte hat selbst zwei Kinder. Sie sind noch zu klein, um sich in der Schmiede aufzuhalten, aber der ältere Dreijährige wählte als Lieblingsspielzeug einen vier Kilogramm schweren Hammer. „Wie er ihn hochhebt, ist für mich ein Rätsel, weil für mich schon ein Dreieinhalb-Kilo-Hammer zu schwer ist", lacht der Schmied.

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