Flugzeugunglück von Kasan: Wie sicher ist das Fliegen in Russland?

Die Katastrophe von Kasan weist auf ernstzunehmende Probleme in der Flugsicherheit hin. Foto: AP

Die Katastrophe von Kasan weist auf ernstzunehmende Probleme in der Flugsicherheit hin. Foto: AP

Die Katastrophe von Kasan, bei der 50 Menschen bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kamen, wirft Fragen auf. Einige Experten fordern, die Sicherheit von Flügen in Russland zu verbessern und die Flugregulierung zu verschärfen.

Am Montag wurde in Russland ein Trauertag in Gedenken an die Opfer des Flugzeugabsturzes in der Nähe von Kasan ausgerufen. Am Vorabend war dort eine Boeing 737-500 der Fluggesellschaft Tatarstan abgestürzt, 50 Personen kamen ums Leben. Die Ermittler sehen einen Pilotenfehler oder ein Versagen der Technik als die wahrscheinlichsten Ursachen an.

Nach Angaben der Ermittler war das Flugzeug beinahe senkrecht zwischen der Start- und Landebahn und der Rollbahn aufgeprallt. Durch die Explosion der Treibstofftanks war ein Feuer ausgebrochen, das erst am Morgen vollständig gelöscht werden konnte. In der Nacht habe es wiederholte Brandherde gegeben, berichtete Alexandr Poltinin, Chef der Wolga-Ermittlungsleitung für Transport des Ermittlungsausschusses der Russischen Föderation.

Er bemerkte weiterhin, dass das Flugzeug aus einem noch ungeklärten Grund beim Landeversuch zunächst noch eine zusätzliche Runde drehte. Es muss geklärt werden, warum die Piloten nicht schon beim ersten Anflug landen konnten. Auf die Frage der Nachrichtenagentur „RIA Novosti", ob die Besatzung irgendwelche Probleme beim Landeanflug gemeldet hatte, antwortete Poltinin nur, die Bodendienste seien vor der Landung kontaktiert worden.

Zuvor wurde bekannt gegeben, dass die Fluglotsen bereits verhört wurden. In der Liveübertragung des Senders „Rossija 24" sagte der Fluglotse Kirill Kornischin, dass einer der Piloten gemeldet hätte, das Flugzeug würde eine weitere Runde ansteuern. „Er sagte, dass er eine schlechte Landekonfiguration hätte. Ich gab ihm Anweisungen, wie es sich standardmäßig gehört, er bestätigte. Und dann wurde die andere Runde doch nicht angeflogen. Einige Sekunden später stürzte die Maschine dann ab", sagte der Fluglotse.

Der Leiter des Ermittlungsausschusses berichtete, dass am Flughafen in Moskau, von dem aus das Flugzeug gestartet war, bereits Proben des Treibstoffs und der Schmiermittel untersucht würden. Es seien zudem sämtliche Dokumente zum technischen Zustand des Flugzeugs und der Vorbereitung der Piloten auf den Flug beschlagnahmt worden.

Mittlerweile sind alle Toten geborgen worden. Darunter befinden sich auch zwei ausländische Fluggäste: die 53-jährige Britin Donna Carolina Bull und die 55-jährige Margarita Oschurkowa aus der Ukraine. An Bord befanden sich auch bekannte Persönlichkeiten der Republik Tatarstan: Unter den Opfern ist der Sohn des Präsidenten der Republik Tatarstan Irek Minnichanow und der Verwaltungsleiter der föderalen Sicherheitsbehörde FSB für die Republik Alexandr Antonow.

 

Die Ursache könnte eine mangelhafte Pilotenausbildung gewesen sein

Die Flugschreiber wurden erst am Morgen im Einschlagkrater des Flugzeugs gefunden. Solange sie nicht dechiffriert sind, geben Experten nur vorsichtige Vermutungen über die Unfallursachen ab.

Eine Quelle in dem operativen Stab der Liquidierung der Folgen von außerordentlichen Ereignissen teilte „Interfaks" mit, es sei nicht ausgeschlossen, dass es „Probleme mit der Mechanisierung des Flügels" gegeben habe. Möglich sei auch, dass „die Triebwerke nicht genug Kraft beim Anflug zur zweiten Runde hatten". Doch der erste Vertreter des Vorsitzenden des Transportkomitees in der Staatsduma Michail Brjatschak sieht einen technischen Defekt des Flugzeugs als die am wenigsten wahrscheinliche Ursache der Katastrophe an.

Nach Meinung des Vorsitzenden des Transportkomitees in der Staatsduma Alexandr Starowojtow habe „die Qualifikation des Piloten nicht ausgereicht, die Landung anzugehen". Mit seiner Version stimmt auch Oleg Belyj, Leiter des Instituts zu Problemen des Transports an der Russischen Akademie der Wissenschaften, überein.

Er erklärte, dass die heutigen Fluggesellschaften die Flugzeuge aus der heimischen Produktion wegen ihrer schlechten Lärmcharakteristiken nicht nehmen würden. „Wir haben unseren Flugzeugpark verloren, doch die Piloten werden weiterhin an den alten, russischen Trainingsgeräten ausgebildet. Die Fluggesellschaften lernen die eigenen Piloten nicht selbst an, sondern nehmen schon fertig ausgebildete. Die haben das Fliegen aber nicht auf der Boeing, sondern auf dem Russischen TU gelernt", so Belyj. Der Vorsitzende der Kommission für Zivilluftfahrt beim Gesellschaftsrat der Verkehrsüberwachung Oleg Smirnow, der selbst erfahrener Pilot ist, schloss auch nicht aus, dass die Piloten einen Fehler begangen haben könnten, weil sie nicht über genügend Erfahrung mit der Boeing 737 verfügten.

Doch die Hauptursache bei Flugzeugabstürzen sei von vielen Vorbedingungen abhängig, erklärte der Vorsitzende weiter. „2011 waren wir Weltmeister in Sachen Flugzeugkatastrophen, 2012 ging es besser, und 2013 haben wir bereits zwei Unglücksfälle", sagte der Experte und stellte

besorgt fest: „Das Problem ist die sehr schlechte Regulierung der Zivilluftfahrt. Das Austeilen der Flugzertifikate und die Inspektionen bei Unfällen werden denselben Leuten überlassen. In den USA wird zu den Ermittlungen ein besonderer Ausschuss berufen, dessen Leiter vom Präsidenten bestimmt wird. Keine Fluggesellschaft kann die Forderungen des Ausschusses ignorieren." Nach Meinung von Smirnow würden in Russland in den meisten Fällen die umgekommenen Piloten für schuldig erklärt, während die Lösung von Systemproblemen jedoch immer weiter verschoben werde. „Wir haben keine Regelung zur Sicherheit von Flügen. Die Expertengemeinschaft redet darüber, keiner widerspricht ihr, doch die Probleme werden nicht gelöst", so der Experte.

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