Flugzeugunglück von Kasan: Flugschreiber deuten auf Pilotenfehler hin

Nach ersten Erkenntnissen kam es zum folgenschweren Zwischenfall, weil die Piloten die Steuerung des Flugzeugs selbst übernahmen. Foto: AP

Nach ersten Erkenntnissen kam es zum folgenschweren Zwischenfall, weil die Piloten die Steuerung des Flugzeugs selbst übernahmen. Foto: AP

Der Flugschreiber der Boeing 737, die am vergangenen Sonntag auf dem Flugfeld in Kasan abstürzte, ist ausgewertet. Nach ersten Erkenntnissen ist der Flugzeugabsturz auf Pilotenfehler zurückzuführen.

Die vom Zwischenstaatlichen Luftfahrtkomitee (MAK) durchgeführten Untersuchungen zum Absturz einer Boeing 737 der Tatarstan Airlines am Sonntag förderten erschreckende Ergebnisse zutage. Der Datenauswertung des Flugschreibers zufolge habe der Pilot selbst, nachdem er den Autopiloten abgeschaltet hatte, das Flugzeug zum Absturz gebracht. Die Frage, warum der Pilot die manuelle Steuerung übernahm, könne laut Experten nur von Psychologen geklärt werden.

Am Dienstag hat das MAK erste Ergebnisse der Flugschreiber-Auswertung veröffentlicht. Demnach hätte es die Bordbesatzung nicht geschafft, den Landeanflug routinemäßig durchzuführen. Die Ermittler klärten zudem auf, dass das Landen am Kasaner Flughafen, der mit der modernsten Landetechnik, dem Instrument Landing System (ILS), ausgestattet ist, eigentlich kein schwieriges Unterfangen für die Bordbesatzung hätte darstellen sollen. Die Instrumente der Boeing seien durchaus imstande gewesen, auch im automatischen Betrieb die Signale der Fluglotsen zu empfangen, sodass der Bordcomputer das Flugzeug auf eine stetig sinkende, gerade Flugbahn hätte bringen können. Nachdem die Erlaubnis zur Landung im Cockpit eingegangen war, hätte einer der Piloten lediglich den entsprechenden Autopilot-Modus einstellen müssen, um sicher zu landen.

 

Der erste Landeanflug scheiterte

Aksan Ginijatullin, Generaldirektor von Tatarstan Airlines, trat am Dienstag zum ersten Mal nach der Tragödie vor Journalisten. Dabei versicherte er, dass die Boeing 737 der Fluggesellschaft technisch intakt gewesen sei und die Piloten über die nötige Flugerfahrung verfügt hätten.

Nichtsdestoweniger konnte der „ordnungsgemäße Landeanflug, der einen gewissen Ablauf vorsieht", wie MAK berichtet, nicht bewerkstelligt werden. Womöglich habe der Autopilot aufgrund eines technischen Versagens die Maschine nicht richtig auf die nötige Flugbahn bringen können, oder die Piloten bemerkten, dass sie die Maschine nicht zum Bezugspunkt – dort, wo das Flugzeug auf der Landebahn hätte aufsetzen sollen – manövrieren konnten. Schließlich meldeten die Piloten dem Fluglotsen, dass sie nicht landebereit seien und zu einem zweiten Landeanflug übergehen würden.

Nachdem ihnen die Erlaubnis zu einem erneuten Landeanflug erteilt wurde, hätte das Flugzeug eigentlich eine Schleife fliegen sollen, um erneut zur Landung anzusetzen. Im Normalfall werden solche Manöver im Autopilot-Modus geflogen. Dafür muss der Pilot lediglich den Knopf „TOGA" („Take Off/Go Around") drücken, mit dem das Programm für einen zweiten Landeanflug gestartet wird.

 

Der Autopilot wurde ausgeschaltet

Doch genau in diesem Moment kam es zu dem folgenschweren Ereignis, das den Absturz der Passagiermaschine bewirkte: Der Copilot habe sich in die Steuerung des Flugzeugs eingeschaltet, indem er den Steuerknüppel bediente und so den Autopiloten deaktivierte. Dann habe er versucht, das Flugzeug manuell auf die Höhe zu bringen, die für einen zweiten Landeanflug nötig gewesen wäre.

Seine Handlungen sollen zu Beginn noch dem geplanten Manöver entsprochen haben. Laut Angaben des Zwischenstaatlichen Flugkomitees erreichten die Triebwerke der Boeing fast die Leistung, die für den Start der Maschine benötigt wird, die Klappen der Flügel sollen von 30 auf 15 Grad geschlossen worden sein, wonach das Flugzeug an Höhe gewonnen haben soll. Bei dem Steigflug soll sich jedoch die Nase der Maschine bis zur für eine Boeing 737-500 vorgegebenen Grenzlage hochgebogen haben. Dies habe wiederum zu einem Widerstandsanstieg geführt, der den Betrieb der Triebwerke, die Fahrtwind ansaugen, störte, sodass die Maschine gefährlich an Höhe verlor.

Das Flugzeug drohte zudem aufgrund eines Geschwindigkeitsverlustes von 280 auf 230 Kilometer pro Stunde ins Trudeln zu geraten. Der Copilot habe versucht, das zu verhindern, indem er die Maschine in einen Sturzflug versetzte. Zuerst hatte es den Anschein, dass das auch funktionierte. Bei dem Manöver sind eine horizontale Flugbahn oder ein leichter Sinkflug vorgesehen, der Copilot aber manövrierte die Maschine in einen „intensiven Sturzflug". Der Sturzflug der Boeing dauerte aus 700 Metern Höhe volle 20 Sekunden, wobei die Triebwerke bei maximaler Leistung arbeiteten und das Flugzeug sich somit förmlich bei einer Geschwindigkeit von 450 Kilometern pro Stunde in den Boden bohrte.

Der Aufprall der Passagiermaschine war so stark, dass niemand überlebte, und auch die Flugschreiber, die sich in gepanzerten und feuersicheren Containern befinden, beschädigt oder zerstört wurden. Daher dauerte es sehr lang, bis der Flugschreiber gefunden wurde, der die Gespräche des Bordpersonals aufgezeichnet hatte. Im Wrack sollen lediglich Stücke des Containers, in dem sich das Aufnahmegerät befand, entdeckt worden sein.

 

Experten tappen weiterhin im Dunkeln

Keiner der befragten Flugexperten konnte die Handlungen des Copiloten bisher erklären. Ihrer Meinung nach könne man dafür bisher lediglich eine schlechte Pilotenausbildung verantwortlich machen. Der Kapitän der Boeing, Rustem Salichow, und sein Copilot, Viktor Guzul, hatten die meiste Zeit ihres Lebens als Flugnavigatoren und Flugingenieure gearbeitet und waren erst seit wenigen Jahren als Piloten tätig. Wie unterschiedliche Quellen berichten, überprüfe man derzeit die Krankendaten der Piloten

sowie die Ergebnisse der psychologischen Tests, die beide regelmäßig absolvierten. Experten sind sich jedoch in einem sicher: Man könne einen 20 Sekunden andauernden, tödlichen Sturzflug nur dann nicht erkennen, wenn man sich in einem Zustand der unkontrollierbaren Panik befinde oder in eine Schockstarre verfalle. Genauere Antworten auf diese Fragen können jedoch nur Ärzte geben.

Aksan Ginijatullin, Generaldirektor der Tatarstan Airlines, bekräftigte, dass es über den technischen Zustand der Boeing sowie über die Qualifikationen der verunglückten Piloten keinerlei Bedenken gegeben habe. Dabei merkte Ginijatullin zusätzlich an, dass Salichow, der Kapitän der Passagiermaschine, keinerlei Erfahrung mit Fehl- oder erneuten Landeanflügen mit einer Boeing gehabt hatte.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Kommersant.

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