Weblogs: Freie Meinung, leere Kassen

In seinem Blog berichtet der Journalist Arkadij Babtschenko kompromisslos aus Krisengebieten. Foto: Wikipedia.org

In seinem Blog berichtet der Journalist Arkadij Babtschenko kompromisslos aus Krisengebieten. Foto: Wikipedia.org

Freie russische Journalisten wenden sich direkt über ihr Weblog an die Leser, ganz ohne Verlagshaus oder Zeitungshintergrund. Diese Freiheit garantiert mehr Unabhängigkeit aber auch mehr finanzielle Unwägbarkeiten.

„Journalismus ohne Vermittler" nannte der Kriegsberichterstatter Arkadij Babtschenko sein Projekt. Früher hat Babtschenko für verschiedene Verlage gearbeitet und schrieb Beiträge für das russische Fernsehen. Zu einem bestimmten Zeitpunkt entschied er sich dann doch, dass ihm Unabhängigkeit wichtiger ist. Jetzt ist er sein eigener Redakteur. In seinem Blog publiziert Babtschenko Reportagen gesellschaftlich wichtiger Ereignisse und berichtet kompromisslos aus Krisengebieten – aus der inoffiziellen Perspektive. Seine Leser zahlen für Artikel, die ihnen gefallen haben, soviel sie wollen und können.

Sein Account befindet sich auf der Livejournal-Plattform. Doch das ist kein Blog im herkömmlichen Sinn des Wortes, wo der Nutzer das Bild von seinem Essen macht und sich in einem trendigen Café verlinkt. „Blogs haben sich insgesamt als ein sehr bequemes Format bewiesen", erzählt Arkadij Babtschenko. „Das ist genau die Stufe der künstlerischen Freiheit, die mir als Journalist gefehlt hat. Ich mache exakt das, was ich will und so, wie ich es will. Ich nehme keine Rücksicht auf einen Redakteur, ob ihm der Text gefallen wird oder nicht, nicht auf den Bildredakteur, ob er das eine oder andere Foto publizieren wird, nicht auf den herausgebenden Redakteur, wie viel Platz er mir zugestehen wird – eine Spalte, eine halbe Seite, oder eine Doppelseite. Ich brauche den Korrekturdienst nicht fürchten und kann das Ereignis in der Sprache des Ereignisses selbst beschreiben".

Solche journalistischen Blogs gibt es im russischen Internet immer häufiger: Nachrichten, die in erster Linie mit politischem Aktivismus oder sozialer Ungerechtigkeit zu tun haben, erfahren die Leser zumeist nicht über offizielle Kanäle, sondern von gesellschaftlichen Aktivisten und Journalisten, die direkt an den Leser herantreten, ohne Vermittler. Leider erreichen nur wenige eine Kostendeckung durch ihre Arbeit.

 

Die Finanzierung gilt als größte Herausforderung

Eines dieser Projekte ist die Zeitschrift postrane.info. Das ist keine Sammlung von Publikationen eines Autors, sondern der Versuch, ein vollwertiges Medium zu schaffen. „‚Po strane' (russ.: ‚Im Land')", sagt die Hauptverantwortliche des Projekts Irina Matjuschonok, „ist aus einem anderen Projekt von mir erwachsen. Das alte wurde plötzlich nicht mehr von den Sponsoren finanziert. Ich hatte Erscheinungsbild geändert und versuchte, das Projekt über Leserbeiträge zu finanzieren. Im Grunde existiert „Po strane" bis heute dank der Leserspenden. Aber dieses Modell

ist noch ungewohnt für die meisten Nutzer. Einen Teil der Mittel müssen wir aus unseren eigenen Einkünften einbringen. Dennoch besteht Zuversicht. Die Leute sind bereit, für gut gemachte Recherchen zu zahlen, auch weil es nicht so viele alternative Medien über zum Beispiel die Klein- und mittelständischen Unternehmen im Land gibt. Die Idee wird weiterleben, denn ich bin überzeugt, dass die Zukunft der Online-Medien beim Modell der ‚Bezahlung für Inhalt' liegt".

Natürlich gibt es verschiedene Wege der Mitteleinnahme, außer dem bereits genannten, wo ein Leser für einen konkreten Text zahlt. Es gibt noch das Crowdfunding, wo man über eine Ausschreibung Geld für ein Projekt einwirbt. Diesen Weg hat auch das bekannte Internetportal colta.ru eingeschlagen. Im Mai 2012 hatte ein Investor sich geweigert, das Projekt weiter zu finanzieren. Die Redaktion bekam die gesamten Archive in die Hand, stellte eine neue Seite auf und versuchte, Geld über Crowdfunding zu sammeln. Es gelang nicht vollständig, die gesamten Ausgaben über diese neue Finanzierungsform zu decken. Unabhängig davon ist es jetzt eines der beliebtesten Portale über Kultur im russischen Internetsegment. Wiederum waren es Investoren und Sponsoren, die unter die Arme griffen.

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