Homophobe Hassattacken bei Theaterfestival in Sankt Petersburg

Nach Thomas Ostermeiers Rede über das Homo-Propaganda-Gesetz während der Theaterfestivals in St. Petersburg  kam es in der Nacht zum 21. November zu Unruhen in den Randgebieten der Stadt. Foto: DPA/Vostock Photo

Nach Thomas Ostermeiers Rede über das Homo-Propaganda-Gesetz während der Theaterfestivals in St. Petersburg kam es in der Nacht zum 21. November zu Unruhen in den Randgebieten der Stadt. Foto: DPA/Vostock Photo

Beim Wintertheaterfestival von Lew Dodin in Sankt Petersburg verbreitet eine radikale Gruppe, die sich „Petersburger Kosaken“ nennt, mit ihren homophoben Hassattacken Angst und Schrecken. Anlass ist eine Aufführung der Berliner Schaubühne.

Das internationale „Wintertheaterfestival von Lew Dodin" in Sankt Petersburg ist von einem Skandal überschattet worden: Eine Gruppe von Randalierern, die sich „Petersburger Kosaken" nennen, beleidigte Lew Dodin, den Veranstalter des Festivals und Leiter des dramaturgischen Theaters Malyj.

Anlass für die Hassattacken war eine Aufführung der Berliner Schaubühne, die das Stück „Der Tod in Venedig/Kindertotenlieder" nach dem Roman von Thomas Mann unter der Regie von Thomas Ostermeier auf die Bühne brachte. Beim Publikum im Theater hatte das Stück Erfolg. Außerhalb der Wände des Theaters wäre es jedoch nie bekannt geworden, wenn nicht radikale Aktivisten, die sich „Petersburger Kosaken" nennen, auf das Theaterstück aufmerksam geworden wären. Ihnen gefiel das Thema der homoerotischen Leiden des Protagonisten der Novelle von Mann und des Protagonisten des Theaterstücks nicht.

Regisseur Thomas Ostermeier hielt nach der Aufführung eine Rede. Er sagte, das Theater habe wegen des Gesetzes über das Verbot der Propaganda von Homosexualität Angst gehabt, nach Russland zu fahren. „Wir hoffen sehr, dass, wenn wir wieder nach Russland kommen, wir nichts mehr fürchten müssen, weil dieses Gesetz dann nicht mehr existiert", bemerkte der Regisseur. Nach dieser Rede kam es in der Nacht zum 21. November zu Unruhen in den Randgebieten der Stadt. Wände des Malyj-Theaters wurden mit beleidigenden Aufschriften beschmiert.

Am folgenden Tag erschien in der Petersburger Zeitung „Fontanka" ein Brief, verfasst von Denis Gortschin, Ivan Olchovitsch und Vasilij Suchatschow, mit dem Vorwurf, dass das Festival „satanisch" sei. Die Verfasser bezeichneten sich selbst als „Petersburger Kosaken", gleichwohl die Kosakenvereine von Sankt Petersburg nichts mit ihnen zu tun haben wollen. Im Brief schreiben die jungen Leute, sie hätten einen Schweinekopf vor den Eingang des Theaters platziert. Ordnungshüter hingegen gaben später an, keine Schweinereste gefunden zu haben. Entweder haben die „Kosaken" also gelogen oder jemand hat den Schweinekopf entfernt, bevor die Polizei eintraf. Es ist nicht ganz deutlich geworden, was der Schweinekopf symbolisieren sollte. Man kann ihn als Hinweis darauf deuten, dass Lew Dodin Jude ist – Juden essen kein Schweinefleisch –, oder aber als sehr zynische Anspielung darauf, dass der Charakter der Theateraufführung satanische Züge getragen habe.

Nüchtern betrachtet war die ganze Aktion unbedeutend. Vereinzelte Randalierer haben wieder irgendwo ihr Unwesen getrieben. Man könnte den Vorfall in der Schublade verschwinden lassen, wenn er nicht so großes Interesse hervorgerufen hätte – alle Zeitungen haben über den Fall berichtet.

Außerdem rufen ähnliche Androhungen Angst hervor. Denn auch anlässlich der Aufführung von „Lolita", einem Theaterstück nach dem Roman von Vladimir Nabokov im Museum „Erarta", hatten Personen unter demselben

Namen Störungen angekündigt. Schließlich hatte man die Aufführung des Stücks abgesagt. Ein anderer Fall ereignete sich im Januar dieses Jahres, als Mitglieder der radikalen Gruppe mit einer Flasche ein Fenster des Museums von Nabokov einschlugen. Museumsangestellte entdeckten in der Flasche eine Notiz, in der der Schriftsteller beleidigt und ihm Propaganda von Pädophilie vorgeworfen wird.

Auf dem Winterfestival von Lew Dodin, das noch bis 29. November in Sankt Petersburg stattfindet, zeigen Theater aus Frankreich, Deutschland, Österreich und Italien verschiedene Aufführungen. Das Pariser Theater Bouffes du Nord präsentiert unter der Leitung des berühmten britischen Regisseurs Peter Brook „Eine Zauberflöte", das Wiener Burgtheater zeigt das Theaterstück „Die schönen Tage von Aranjuez", das Theater Thalia aus Hamburg führt „Jeder stirbt für sich allein" auf und das Theatro Piccolo di Milano bringt unter anderem das Stück „Innere Stimmen" auf die Bühne.

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