Umstrittene Schneersohn-Bibliothek ist der Öffentlichkeit wieder zugänglich

Die Schneersohn-Bibliothek wird im Jüdischen Museum in Moskau für Forscher und die Öffentlichkeit zugänglich. Foto: ITAR-TASS

Die Schneersohn-Bibliothek wird im Jüdischen Museum in Moskau für Forscher und die Öffentlichkeit zugänglich. Foto: ITAR-TASS

Nach jahrelangen Querelen um die Eigentumsrechte und die öffentliche Zugänglichkeit der Schneersohn-Bibliothek wurde zumindest für Letzteres ein Kompromiss gefunden.

Das Jüdische Museum in Moskau hat über 2 000 Bände aus der berühmten Schneersohn-Bibliothek erhalten. Die Sammlung hatte jahrzehntelang für Spannungen nicht nur zwischen den jüdischen Gemeinden in Russland und den USA, sondern auch zwischen den Ländern selbst gesorgt. Nun hat sich die Situation für alle Parteien etwas entspannt.

Die Schneersohn-Bibliothek ist eine Sammlung alter Bücher zur jüdischen Religion, die die Schneersohns als Leiter der chassidischen Lubawitsch-Gemeinde noch Ende des 18. Jahrhunderts zusammenzustellen begannen. Nach der Revolution von 1917 emigrierte der Rabbi Yosef Schneersohn, während die Bücher von der sowjetischen Regierung beschlagnahmt wurden.

Ende der 1980er-Jahre, gleich nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs", forderte die mittlerweile in New York ansässige Chabad Lubawitsch-Gemeinde die Rückgabe der Bibliothek. Es entstand ein regelrechter Kampf darum. 1998 wandte sich der damalige amerikanische Präsident Bill Clinton an den russischen Premierminister Viktor Tschernomyrdin mit der Bitte, die Bibliothek zurückzugeben. 2005 unterschrieben der US-Senat und der Kongress einen Appell an Wladimir Putin, der denselben Inhalt hatte. 2006 klagten einige Rabbiner des „Chabad" vor dem Bundesgericht in Washington.

Breit diskutiert wurde die Geschichte auch deshalb, weil einige Tausend Bücher jahrzehntelang im Sonderlager der Russischen Staatsbibliothek lagerten. Sie waren weder sortiert noch katalogisiert und somit der Öffentlichkeit und der Wissenschaft unzugänglich. Es war noch nicht einmal geklärt, welche Bücher genau zur Schneersohn-Bibliothek gehörten und welche nicht, denn sie wurden zusammen mit Büchern über das Judentum aus anderen Sammlungen aufbewahrt. Die amerikanische Seite behauptete, es seien bis an die 15 000 Bücher, die russische Seite gab an, es handele sich um ein Vielfaches weniger.

Diese Bücher haben, wie der Rektor des Forschungszentrums im Jüdischen Museum Moskau Dr. Uri Gerschowitsch sagte, eine sakrale Funktion: „Hier ist nicht der Wert der Bücher wichtig, sondern, dass sie an die Gemeinde übergeben werden."

 

Putin fand einen für alle Parteien akzeptablen Kompromiss

2010 erkannte das Gericht den Anspruch der Chassiden für legitim an und verurteilte Russland zur Zahlung einer jährlichen Strafe in Höhe von 37 000

Euro. Russland erkannte das Urteil zunächst nicht an, doch es kam zu einer unerwarteten Wende. Zwar weigert sich Russland weiterhin, die Buchsammlung ins Ausland zu transferieren, doch Wladimir Putin beschloss, die Sammlung zu Studienzwecken an das vor Kurzem in Moskau eröffnete Jüdische Museum „Zentrum der Toleranz" zu übergeben.

Diese Entscheidung traf auf viel Zustimmung. Neben den amerikanischen Chassiden und russischen Beamten freute sich eine Vielzahl an Personen, die an einem Zugang zur Sammlung und einem Nutzungsrecht interessiert waren.

„Gemeinsam mit der Russischen Staatsbibliothek ist bereits eine Sonderabteilung im Museum geschaffen worden", verkündete Dr. Uri Gerschowitsch gegenüber „Russland HEUTE". „Die Bücher werden zunächst noch digitalisiert und danach ins Museum gebracht, wohin jeder kommen und Zugang erhalten kann. Außerdem gelangen die Bücher wieder in wissenschaftliche Kreise: Zwei wissenschaftliche Arbeiten werden

bereits anhand der Materialien der Bibliothek geschrieben." Es wird erwartet, dass bis 2014 die Sammlung, die insgesamt circa 4 500 Bände umfasst, vollständig im Jüdischen Museum zu finden sein wird.

Juristisch bleibt dennoch alles beim Alten: Die Bücher sind immer noch Eigentum der Staatsbibliothek. „Sie wechseln nur ihren Aufenthaltsort", erklärte Boruch Gorin, Leiter des Departements für öffentliche Beziehungen der Föderation Jüdischer Gemeinden Russlands. „Bei den veranlassten Maßnahmen geht es nur um den Transfer der Bücher in das Museum, doch der Eigentümer ist immer noch derselbe."

Gorin bemerkte weiter, dass der Kläger weiterhin nicht zufrieden sei, doch hierbei gehe es um einen Streit um das Eigentumsrecht. „Unsere Aufgabe ist eine andere: Die Bücher müssen Forschern zur Verfügung gestellt und zu einer vollwertigen Sammlung gemacht werden."

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