Russland fehlt es an Arbeitern und Handwerkern

In Russland werden Arbeiter, Köche und Schlosser händeringend gesucht. Foto: ITAR-TASS

In Russland werden Arbeiter, Köche und Schlosser händeringend gesucht. Foto: ITAR-TASS

Die Behörden versuchen, das Ansehen von Handwerksberufen bei Jugendlichen zu steigern und das System der Berufsausbildung zu reformieren. Experten raten hingegen, das Problem mithilfe von Migranten aus Südostasien zu lösen.

Der russische Arbeitsmarkt braucht dringend Arbeiter. Das Problem betrifft nicht nur Moskau, sondern auch andere industriell entwickelte Regionen des Landes. Die Föderalagentur für Arbeit und Beschäftigung in Russland analysierte den Bedarf und das Angebot auf dem Arbeitsmarkt, um unterbesetzte Berufsfelder zu identifizieren. So fehlen laut Statistiken vom November in Russland rund 100 000 Hilfsarbeiter, 62 000 Berufsfahrer, 37 000 Steinmetze, 31 000 Betonarbeiter und jeweils 28 000 Gipser, Ladearbeiter, Köche, Zimmerleute und Näherinnen.

In der UdSSR wurden Hochschulabgänger je nach Bedarf des Arbeitsmarktes über ein starres System auf die offenen Arbeitsstellen verteilt. In diesen Jahren zog dieses Umverteilungssystem viel Kritik auf sich – in erster Linie dadurch, weil bei der Umverteilung nicht der Wohnort des Abgängers berücksichtigt wurde. Der junge Hochschulabgänger konnte für mehrere Jahre ans andere Ende des Landes geschickt werden, wo er weder Verwandte noch Freunde oder Bekannte hatte. Dafür erhielten alle Fabriken und Großbetriebe genügend Arbeitskräfte.

Mit dem Zerfall der UdSSR wurde auch das System der Umverteilungen zur Geschichte. Heute existiert etwas Ähnliches nur in staatlichen Militär- und Polizeihochschulen. Die Abgänger dieser Einrichtungen wissen von Anfang an, dass sie nach Ende ihres Studiums nicht auf Arbeitsuche gehen müssen, weil das der Staat für sie erledigt.

 

Fabrikarbeit ist nicht mehr attraktiv

Während der Perestroika verschwand der aufgeblähte Arbeiterkult. Es war nicht mehr modisch, in einer Fabrik zu arbeiten. Heute sind Eltern strikt dagegen, dass ihre Kinder zu Arbeitern werden.

Der leitende wissenschaftliche Mitarbeiter des Instituts für Soziologie RAN Leontij Bysow bemerkt, dass dieses Problem Teil eines globalen Trends sei. Große Städte wollten „die Industrieproduktion im Rahmen einer postindustriellen Revolution loswerden und stattdessen Dienstleistungen, jedoch nicht Waren als solche anbieten". Die Jugend der Millionenstädte sei durch relativ hohe Gehälter und bequeme Arbeitsbedingungen in den Büros, wo es keinen Staub, Dreck und Kälte gibt, verwöhnt. „Die durchschnittliche Vergütung der Büroarbeit ist vergleichbar mit einer Arbeit in der Fabrik und beträgt circa 660 bis 880 Euro pro Monat. In dieser Hinsicht ist die Entscheidung der jungen Generation nachvollziehbar. Für dieses Geld würde nur die abgehärtete ältere Generation an der Werkbank stehen", meint Bysow.

Die Behörden versuchen nun, das Ansehen von Handwerksberufen zu

steigern. In Moskau läuft zum Beispiel bereits seit zwei Jahren das Programm „Fabriken für Kinder", in deren Rahmen Schulklassen Ausflüge zu Fabriken unternehmen. Dort wird ihnen gezeigt, wie in den Betrieben ein Motor zusammengebaut, Kosmetik hergestellt, Kleidung genäht oder Torten zubereitet werden.

Außerdem testet man in der Hauptstadt eine mögliche Reform der Berufsbildenden Hochschulen, vorgesehen ist, dass Unternehmen selbst Studierende anlernen. Die Moskauer Verwaltung bietet Aufwandsentschädigungen für die Ausbildung von Fachkräften in Höhe von bis zu 2 000 Euro pro Student. Das Unternehmen muss im Gegenzug den erfolgreichen Auszubildenden für drei Jahre nach dessen Abschluss einen Arbeitsplatz innerhalb der Stadt garantieren.

 

Die harte Arbeit machen schlecht bezahlte Migranten

In der Praxis ist es jedoch oft schwierig, eine gut bezahlte Stelle in einem Handwerksberuf zu finden. Auch wenn man bedenkt, dass die föderale Datenbank davon spricht, dass es übermäßig viele nicht besetzte Stellen im ganzen Land gibt.

Der in Sankt Petersburg lebende Ilja Lille hat fünf Jahre lang als Industriekletterer in einer großen privaten Firma in der Stadt gearbeitet.

„Wir hatten ein Team von sechs Mann. Alle haben etwa 1 800 Euro pro Monat bekommen, in manchen Monaten waren es sogar über 2 200 Euro", erzählt Lille. „Letztes Jahr beschloss die Firma dann, die ganze Mannschaft zu entlassen und stattdessen die Dienstleistung auszulagern. Heute stellt die Firma je nach Bedarf Gastarbeiter aus Weißrussland oder anderen GUS-Staaten ein. Soweit ich weiß, zahlt man denen halb so viel – monatlich ungefähr 660 Euro."

Er erklärt, warum das Unternehmen lieber auf freie Mitarbeiter aus dem Ausland setzt: „Unsere Arbeit ist kompliziert und mit einer hohen Lebensgefahr verbunden. Dem Gesetz nach muss der Arbeitgeber den Kletterern ein gutes Sozialpaket gewähren, darunter eine Versicherung, medizinische Versorgung und ein hohes Gehalt. Deshalb will uns keiner als festangestellte Arbeiter haben."

In der Praxis gewinnen in der Konkurrenz um Arbeitsplätze die Einwanderer. Sie sind bereit, unter schlechteren Bedingungen zu arbeiten, akzeptieren Verstöße gegen die Sicherheitsvorschriften und arbeiten auch ohne Schutz vonseiten des Arbeitgebers.

Alexej Skopin vom Lehrstuhl für Regionalwirtschaft und wirtschaftliche

Geografie an der Higher School of Economics meint, dass Russland seine industrielle Entwicklungsphase hinter sich habe und man deshalb handwerkliche Berufe nicht mehr fördern müsse. „Den Bedarf des Landes an Arbeitskräften sollte man lieber mit Einwanderern aus Südostasien, in erster Linie aus China und Vietnam, decken. Das sind ideale Arbeitskräfte, weil dort die Jugendlichen von Kindheit an für eine Arbeit in industriellen Betrieben ausgebildet werden", sagt Skopin. „Einwanderer aus den GUS-Ländern hingegen sind nicht auf Fabrikarbeit vorbereitet. Sie haben keine besondere Ausbildung, weshalb sie sich eher für Berufe wie Straßenfeger, Köche oder Restaurantbedienung eignen."

Mit der Popularisierung der Berufsbildung befasst sich die internationale Bewegung „WorldSkills“. Russland hat sich ihr 2012 angeschlossen. Die Hauptinnovation der WSI sind nationale und internationale Wettbewerbe in der jeweiligen Berufsrichtung.

Ein solches System gibt den Teilnehmern und ihren Lehrern die Möglichkeit, über internationale Standards der Lehre und der Arbeit zu erfahren. Anfang November fand bereits der zweite offene Wettbewerb von WorldSkills im professionellen Können.

Der Präsident der WSI-Bewegung Simon Bartley: „Es ist wichtig, dass die von den Teilnehmern erlernte internationale Standards in die Praxis jeder Lehreinrichtung einfließen. Dass die Abgänger von berufsbildenden Schulen sich in Zukunft als gleichwertig mit jungen Profis aus jedem anderen Land fühlen“.

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