Erfolgreiche Frauen und der Neid der Männer

Frauen sind häufig die Mehrheit der Mitarbeiter in Russland, aber an der Spitze stehen trotzdem fast immer Männer. Foto: Getty Images / Fotobank

Frauen sind häufig die Mehrheit der Mitarbeiter in Russland, aber an der Spitze stehen trotzdem fast immer Männer. Foto: Getty Images / Fotobank

Weibliche Führungspositionen sind immer noch rar im patriarchalischen Russland. Die Gründe sind vielfältig, Vorurteile immer noch vorhanden, die Lösungen aber bekannt.

Frauen bilden oft das Fundament großer Unternehmen Russlands. Sie sind häufig die Mehrheit der Mitarbeiter, aber an der Spitze stehen trotzdem fast immer Männer. Zwar hat die Emanzipation auch in Russland spürbare Fortschritte gemacht, dennoch hat die russische Gesellschaft ihre patriarchalischen Strukturen nicht verloren. Frauen eignen sich immer aktiver „traditionell" männliche Berufe an: Sie üben den Militärdienst aus, steuern Flugzeuge und reparieren Autos. Trotzdem ist der Weg auf der Karriereleiter für sie schwerer und dornenreicher.

 

Stereotype sind tief in Russlands Gesellschaft verankert

Nach ihrem erfolgreichen Abschluss der Universität suchte Jelena Kusnezowa ungefähr sieben Monate eine Arbeit entsprechend ihrer Qualifikation als „Restauratorin für historische Holzbauwerke und Holzerzeugnisse". „Das klingt zwar schön, aber in der Praxis schließt die Arbeit Elemente der Zimmerei mit ein wie das Entrinden des Baumes oder Zuschneiden von Brettern. Die männlichen Vorgesetzten, bei denen ich ein Vorstellungsgespräch hatte, waren der Ansicht, dass ich dazu wohl kaum in der Lage wäre", klagt Jelena. Bei einem der Betriebe traf Jelena glücklicherweise auf einen Chef, der oft auf Dienstreise in Europa unterwegs war und in Italien einem ausgezeichneten Zimmerermeister begegnet war – einer Frau. „Ich war glücklich, dass ich endlich einen Chef gefunden hatte, der weit entfernt war von stereotypem Denken", erzählt Jelena.

Doch schon bald kehrte sich die Freude in Enttäuschung um. Trotz hohem Arbeitseinsatz und unverkennbarer Erfolge gelang es Jelena nicht, auch nur einen Schritt auf der Karriereleiter nach oben zu machen. In vier Jahren gab es drei Gelegenheiten: Genau drei Mal wurde der Platz des Abteilungsleiters frei, aber er wurde jedes Mal von Kollegen des „starken" Geschlechts eingenommen. Und später stellte sich auch noch heraus, dass die Männer grundsätzlich mehr verdienten. „Alle Führungspositionen waren von Männern besetzt", erzählt Jelena. „Diese Situation hat mich für lange Zeit aus dem Sattel gehoben und ich wollte mich nach einer anderen Arbeit umschauen."

Alexander Tarassow, Direktor des Zentrums für Neue Soziologie und Angewandte Politikwissenschaft „Phönix" erklärt: „Früher konnten die Frauen nur miteinander konkurrieren und meistens ging es dabei um Männer. Sie hatten zwei Möglichkeiten: einen Mann heiraten, der ihnen zu Status verhilft, oder von vornherein ihren Mann bei seiner Karriere unterstützen. Im engen Freundeskreis wussten alle, wer tatsächlich das Sagen hatte, aber das offiziell war natürlich der Mann das Oberhaupt in der Beziehung." Jetzt hätten die Frauen die Chance, ihre eigene Karriere zu machen, aber im Konkurrenzkampf mit den Männern um den Chefsessel müssten sie sich doppelt anstrengen.

 

Lieber kein Supermodel, da die Kollegen abgelenkt werden

„Ich stelle lieber Männer ein, weil es mit ihnen einfacher ist zu arbeiten. Sie sind nicht so emotional und man kann sie problemlos zu jeder Tages- und Nachtzeit mit etwas beauftragen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben,

von wegen, ich hätte sie der Familie ‚weggenommen'. Männer gehen nicht in entscheidenden Momenten in Mutterschutz", erklärt der Direktor der Werbefirma „Vektor" Wladimir Petrow. „Aber es ist halt so, dass immer mehr Frauen in die Werbung gehen. Wenn zu einem Vorstellungsgespräch zwei Frauen kommen, die eine mit dem Aussehen eines Supermodels, die andere durchschnittlich, dann entscheide ich mich immer für die letztere. Denn sie wird die anderen Mitarbeiter nicht von der Arbeit abhalten", merkt Petrow provokant an.

Bis in die höchsten Ebenen arbeiten sich nur wenige Frauen hoch. So stellen beispielsweise Männer 97 Prozent der Ministerriege, ebenso stellen sie mehr als 90 Prozent der Parlamentarier, Konzernchefs, Lehrstuhlinhaber und Rektoren. Eine Ausnahme bilden diejenigen Berufe, bei denen sich die Frauen gegenseitig um die Arbeitsplätze schlagen. Die meisten weiblichen Führungskräfte arbeiten im Dienstleistungs- und Finanzsektor. Dort besetzen sie in 25 Prozent der Fälle den Posten einer Geschäftsführerin. In der russischen Praxis hat sich ein Katalog von bestimmten Berufen herausgebildet, die fast ausschließlich weiblich sind: Kassiererin, Disponentin, Office-Managerin, Personal- und PR-Managerin, Buchhalterin, persönliche Referentin.

 

Die Unvereinbarkeit von Familie und Beruf ist kategorisch

Im Konkurrenzkampf um die Chefposten haben die Frauen im Vergleich zu den Männern eine weitere Schwachstelle, die ihren Aufstieg behindert: Sie stehen fast immer vor der Wahl zwischen Familie und Karriere. Geburt und Kindererziehung erfordern viel Kraft und Zeit, die Mehrheit der Frauen entscheidet sich auch heute noch für die Familie.

„Wenn Frau es bis zur Geburt des Kindes nicht geschafft hat, eine Führungsposition einzunehmen, wird es anschließend immer schwieriger. Denn eine Führungsposition reibt einen auf. Sie verändert die Psyche derart, dass die eigenen Verwandten einen nicht mehr erkennen. Oft sind

Businessfrauen geschieden oder leben in außerehelichen Verhältnissen. Für sie ist es viel schwieriger, einen Partner zu finden als für ‚durchschnittliche' Frauen. Sie stellen andere Ansprüche an Männer – intellektuell und emotional", berichtet Alexei Polewoi, Professor am Institut für Psychoanalyse an der Moskauer Lomonossow-Universität.

Hinzu kommt noch, dass nicht jeder Ehemann aufrichtig bereit ist, eine Ehefrau bei ihrem Aufstieg nach oben zu unterstützen, wenn sie ihre ganze Zeit und Energie der Arbeit opfert. Russische Männer weigern sich oft, die Rolle der Frau in der Familie einzunehmen. In der russischen Gesellschaftsordnung steht die Familie an erster Stelle. Deshalb bleiben die Frauen, ungeachtet ihrer Ambitionen, nach der Geburt eines Kindes meistens zu Hause, so lange wie es gesetzlich möglich ist, also drei Jahre.

In Russland hat sich der Feminismus so weit entwickelt, dass die Frauen vereinzelt Führungspositionen einnehmen können. Aber das Land ist patriarchalisch geblieben. Untergebene Männer lassen nach wie vor keine Gelegenheit zum Lästern aus: „Eine Frau kann eben keine Männer führen."

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