Homosexualitäts-Debatte: Dirigent Gergijew fühlt sich missverstanden

Waleri Gergijew sieht sich einer Hetzkampagne ausgesetzt, weil er Fragen zum Anti-Homosexuellen-Gesetz seines Heimatlandes ausweicht. Foto: Ruslan Schamukow/Rossijskaja Gaseta

Waleri Gergijew sieht sich einer Hetzkampagne ausgesetzt, weil er Fragen zum Anti-Homosexuellen-Gesetz seines Heimatlandes ausweicht. Foto: Ruslan Schamukow/Rossijskaja Gaseta

Der berühmte Dirigent Waleri Gergijew sieht sich einer Medienkampagne ausgesetzt, nur weil er meinte, dass man in bestimmten Lebensphasen lieber über Puschkin und Mozart sprechen sollte statt über Homosexualität.

Die Meldung, das Rotterdam Philharmonic Gergiev Festival könne seine Finanzierung wegen der Äußerungen des Dirigenten Waleri Gergijew über die Lesben und Schwulen in Russland verlieren, entspreche nicht der Wahrheit, sagte die Pressesekretärin des Dirigenten Anna Kasatkina. Zuvor wurde berichtet, dass die Stadtverwaltung Rotterdams eine Krisensitzung einberufe, in dem entschieden werden solle, ob man die jährliche Finanzierung des „Gergijew-Festivals" nach den homophoben Äußerungen des Dirigenten fortführen soll. Die Subventionen aus der Stadtkasse machten 2013 knapp 230 000 Euro aus, im Vorjahr waren sie sogar doppelt so hoch.

Im Sommer 2013, als das Gesetz gegen „homosexuelle Propaganda" verabschiedet wurde, klagten europäische Nichtregierungsorganisationen den Künstler an, sein Schweigen sei verdächtig. Nach dem Interview mit der niederländischen Zeitung „De Volkskrant" im September mündeten die Anschuldigungen in dem Vorwurf, er beleidige sexuelle Minderheiten. Gergijew behauptete im Gegenzug: „In Russland tun wir alles, um Kinder vor Pädophilen zu schützen. Dieses Gesetz ist nicht gegen Homosexualität gerichtet, sondern gegen Pädophilie. Leider habe ich einen zu vollen Terminkalender, als dass ich mich tiefer mit der Frage beschäftigen könnte."

Am 17. Dezember musste sich Gergijew einer spontan angekündigten, angespannten Pressekonferenz in München stellen. Dort wird er

voraussichtlich ab 2015 die Philharmonie leiten. Das Treffen mit den Journalisten hat es nicht nur nicht geschafft, den Dirigenten mit den sexuellen Minderheiten zu versöhnen, sondern zwang den Münchner Stadtrat auch, den „Fall Gergijew" auf die Tagesordnung zu setzen. „Ich kenne dieses Gesetz nicht und will es nicht kennen", sagte Gergijew auf der Pressekonferenz. „Ich habe das Gesetz auch nie unterstützt, weil ich es gar nicht verstehe." Auf die Frage, ob man Kindern von Homosexualität erzählen dürfe, antwortete der Dirigent, dass man in bestimmten Lebensphasen lieber über Puschkin und Mozart sprechen sollte.

 

Gergijew hat nie etwas gegen Homosexuelle gesagt

Die Ballerina Maja Plisezkaja und ihr Mann, der Komponist Rodion Schtschedrin, kommentierten vor dem Konzert Gergijews in München die Kampagne gegen den Stardirigenten: „Er hat doch keine Propaganda gemacht", sagte Plissezkaja. „Aber man denkt hier, dass er die sexuellen

Minderheiten hätte schützen müssen, und das hat er nicht gemacht. Deshalb beschimpft man ihn nun."

Rodion Schtschedrin verteidigt den Dirigenten: „Es wäre eindeutig gewesen, wenn Gergijew mit irgendwelchen Reden gegen die gleichgeschlechtliche Liebe aufgetreten wäre. Aber das hat er nie getan, und er hat auch nicht für das Gesetz gestimmt. Das, was gerade passiert, ist eine Hetze im Stil des Kalten Krieges." Trotzdem ist Schtschedrin sicher, dass die Protestaktionen keine ernsthaften Folgen haben werden.

Gergijew ist ein Vertrauter und alter Freund des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Im Westen wird die Ansicht vertreten, dass der Dirigent das homophobe Gesetz unterstützt, weil er Putin gegenüber loyal sei.

 

Nach Materialen von Iswestija und RIA Novosti.

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