"Die Menschen haben diese Stadt gerettet": 70 Jahre Ende der Leningrader Blockade

Die Junge Teilnehmer des "Brot-Aufmarches" mit den Blättern aus dem berühmten Tagesbuch des Blockade-Mädchens Tanja Sawitschewa. Foto: Wadim Schernow/RIA Novosti

Die Junge Teilnehmer des "Brot-Aufmarches" mit den Blättern aus dem berühmten Tagesbuch des Blockade-Mädchens Tanja Sawitschewa. Foto: Wadim Schernow/RIA Novosti

Am 27. Januar wird in St. Petersburg zum 70. Mal das Ende der Leningrader Blockade gefeiert. Das hat der Deutsche Bundestag zum Anlass genommen, diesem Thema seine diesjährige Jugendbegegnung zu widmen. So reisten 78 Jugendlichen sieben Tage lang nach Berlin und St. Petersburg – nicht zuletzt, um mit echten Blockade-Überlebenden zu sprechen.

Es war ein teuflischer Plan. Und das mag kaum überraschen, denn es war Hitlers Plan. Wörtlich hat er gesagt: „Wir müssen Moskau und Leningrad dem Erdboden gleichmachen, um zu verhindern, dass Menschen darin bleiben, die wir dann im Winter ernähren müssen." Und so wurde St. Petersburg, das damalige Leningrad, am 8. September 1941 von der deutschen Wehrmacht belagert. Die Belagerung sollte – bis zum 27. Januar 1944 – knapp 900 Tage andauern. In dieser Zeit kamen mehr als eine Million Menschen ums Leben, entweder weil sie verhungert oder weil sie erfroren sind.

Valentina Korobowa hat überlebt. Die 79-Jährige war zu Blockadebeginn sechs Jahre alt. In der evangelisch-lutherischen Sankt-Petri-Kirche, in der Nähe des Newski Prospekts, erzählt sie von ihren Erinnerungen. Sie erzählt davon, dass sie neben einer Maschinenbau-Fabrik gewohnt habe, die ständig beschossen wurde. Und davon, dass ihr dieses Geräusch wie eine Bombe einschlägt bis heute in den Knochen stecke. Sie hat damals an

Dystrophie gelitten, einer Krankheit, die auf Mangelernährung zurückgeht und Entwicklungsstörungen hervorruft. „Das Gefühl des Hungers kann ich gar nicht beschreiben," sagt sie, „weil ich irgendwann gar nichts mehr gespürt habe." Viele hätten, um zu überleben, sogar Hunde, Katzen, Ratten, Tauben, nicht selten auch Tapetenreste und Sägemehl gegessen.

Die Jugendlichen der internationalen Jugendbegegnung hören ihr gespannt zu. Sie sind zwischen 18 und 25 Jahre alt und kommen unter anderem aus Deutschland, Russland, Polen, Frankreich und Israel. Sie engagieren sich in ihrer Freizeit bei Projekten, die mit der Geschichte des Nationalsozialismus zu tun haben. Oder bringen sich bei Initiativen ein, die sich gegen Fremdenhass und Antisemitismus richten. Anna Basina ist eine von ihnen. Die 18-Jährige macht in Schwerin ihr Abitur und engagiert sich in der jüdischen Gemeinde.

Während der Diskussion mit Valentina Korobowa in der Sankt-Petri-Kirche in Sankt Petersburg. Foto: Pauline Tillmann

Als sie sechs Jahre alt war, kam sie als Kontingentflüchtling nach Mecklenburg-Vorpommern. Die Begegnung mit Valentina Korobowa hat sie besonders berührt, weil sie die Lebenseinstellung von vielen Zeitzeugen immer wieder überrascht: „Dass sie keinen Groll hegen und so etwas Positives, Freundliches und Glückliches ausstrahlen – sie haben wirklich gelernt loszulassen." In der Schule sei die Leningrader Blockade bislang kaum thematisiert worden, erzählt Anna Basina. Umso wichtiger sei es, dass sie jetzt mehr darüber erfahre.

 

Die Leningrader Blockade wurde lange Zeit verdrängt

Am vergangenen Freitagabend wurde dazu auch – in Kooperation mit dem Goethe-Institut – eine Podiumsdiskussion veranstaltet. Dabei war auch die geschichtliche Aufarbeitung der Blockade Gegenstand der Debatte. Valentina Korobowa sagt, dass in Russland 60 Jahre lang so getan wurde, als ob es die Blockade nie gegeben habe. Erst vor zehn Jahren habe man angefangen, aufzuarbeiten, dass es viele Menschen gab, die damals sehr gelitten haben. Die einzige Anerkennung von Seiten der Staatsführung war, dass St. Petersburg den Beinamen „Heldenstadt" bekommen hat und zum Symbol für sowjetischen Widerstandswillen erklärt wurde. „Verstärkt wird dieser Eindruck durch die vielen Denkmäler in der Stadt, die immer nur Macht demonstrieren und nie die konkreten Schicksale der Menschen zeigen", meint die Historikerin Julia Demidenko.

Außerdem wurde das damalige Blockade-Museum 1953 zerstört, weil man der Ansicht war, sagt Demidenko, dass die Rolle Stalins nicht gebührend dargestellt worden sei. Bis heute sei das Museum nicht vollständig wiederaufgebaut. Auch im Privaten haben die 872 Tage Belagerung Spuren

hinterlassen. So konnten Eltern und Großeltern lange Zeit mit ihren Kindern nicht darüber sprechen. Zu tief waren die Wunden, zu schmerzhaft die Erinnerungen. „Da gibt es noch vieles aufzuarbeiten", meint Julia Demidenko. Die stellvertretende Leiterin des Staatlichen Museum für Geschichte in St. Petersburg spricht von der „Majestät der Menschheit" – „schließlich haben wir, die Menschen, diese Stadt gerettet"!"

Am 27. Januar 1944 wurde die Blockade offiziell für beendet erklärt. Deshalb wird dieser Tag von Blockade-Überlebenden besonders gefeiert. Valentina Korobowa sagt: „Das ist wie unser zweiter Geburtstag." Gemeinsam mit ihren Freunden vom „Club der Blockade-Kinder" wird sie diesen Tag im Deutsch-Russischen Begegnungszentrum in der Sankt-Petri-Kirche feiern. Sie sagt: „Wir haben schon früh gelernt zu kämpfen und hatten wohl deshalb so eine besondere Lebenslust. Und obwohl wir inzwischen allesamt alt und kränklich sind, hat sich daran bis heute nichts geändert."

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