Angst vor dem Kopftuch

Foto: Ramil Sitdikow / RIA Novosti

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Etwa zehn Prozent der russischen Bevölkerung sind Muslime, die friedlich mit ihren Nachbarn zusammen leben. Doch Teile der russischen Gesellschaft betrachtet sie mit Argwohn. Woher stammt das Misstrauen gegenüber dem Islam?

Der Islam ist nach dem russisch-orthodoxen Glauben die am weitesten verbreitete Konfession in Russland. Doch angesichts der Entwicklungen in den letzten Jahrzehnten und der Terroranschläge hat man in Russland den Muslimen gegenüber eine eher misstrauische Haltung eingenommen. In Russland fordern deshalb Muslime ihre Mitbürger dazu auf, zwischen strenggläubigen Muslimen und jenen, die sich nur als solche bezeichnen, zu unterscheiden. Theologen rufen ebenso dazu auf, Terrorismus nicht mit dem Islam gleichzusetzen, stattdessen solle die Religion aufklärend eingesetzt werden und dadurch Konflikten vorbeugen.

 

Russland ist nicht nur orthodox

Offizielle Angaben darüber, wie viele Muslime in Russland leben, gibt es nicht. Die letzte Volkszählung, die 2002 durchgeführt wurde, ergab lediglich, dass die Zahl der in Russland lebenden Muslime in etwa 14,5 Millionen beträgt – das sind etwa zehn Prozent der Gesamtbevölkerung Russlands. Nach Berechnungen der Geistlichen Verwaltung der Muslime im europäischen Teil Russlands soll jedoch die Anzahl der Muslime in Russland weit höher sein – bis zu 20 Millionen. Dieser Wert widerspricht jedoch der vom unabhängigen Meinungsforschungsinstitut Lewada-Zentrum im November 2013 durchgeführten Umfrage, die ergab, dass etwa sieben Prozent der russischen Bevölkerung muslimisch sei.

In Russland gibt es Regionen, deren Bevölkerungen traditionell muslimisch sind. Das sind beispielsweise Republiken des Nordkaukasus – Inguschetien, Tschetschenien, Dagestan, Kabardino-Balkarien und Karatschai-Tscherkessien – sowie die Republiken Baschkortostan und Tatarstan. Auch in diesen Regionen ist es so, dass nicht alle Muslime streng die Normen des Islams befolgen. So ergab eine Umfrage, die 2012 vom Meinungsforschungsinstitut Sreda durchgeführt wurde, dass nur für 42 Prozent der russischen Muslime die eigene Religion eine wichtige Rolle im Leben einnimmt und sie deswegen alle religiösen Vorgaben befolgen.

Einen Trend gilt es aber festzuhalten: Die Zahl an Muslimen in Russland wächst aufgrund eines natürlichen Bevölkerungswachstums ständig – dies gilt vor allem für Völker des Nordkaukasus. Dieser Anstieg hängt mitunter damit zusammen, dass immer mehr Menschen, vorwiegend aus den Ländern Zentralasiens und aus Aserbaidschan, nach Russland emigrieren.

 

Asamat: „Muslime sind keine Verbrecher"

Asamat, der ursprünglich aus der Republik Kabardino-Balkarien stammt, lebt in Moskau. Dort wird er immer wieder damit konfrontiert, dass viele oft Muslime mit Verbrechen in Zusammenhang bringen: „Viele, die das gelegentlich gesetzlose Verhalten von Menschen sehen, die aus der

Kaukasus-Region stammen, denken sofort, dass alle Muslime so sind. Doch das ist falsch. Ein Moslem würde beispielsweise niemals eine junge Frau auf der Straße anmachen, trinken oder rauchen. Denn das Wichtigste für einen gläubigen Menschen ist es, ein gerechtes Leben zu führen, das heißt, zu beten sowie seinen Nächsten und Nachbarn zu helfen. Sollte dein Nachbar nichts zu essen haben, du aber lebst in einem reichen Haus und gibst nichts ab, so bist du vom rechten Weg abgekommen", erzählt Asamat.

Zudem sagt er, dass alle, die ihn oder seine Frau kennen, Muslime freundlich und mit Verständnis behandelten. „Ich arbeite in einem Laden, wo meine Kollegen es verstehen, wenn ich mich zurückziehe, um zu beten", erklärt er und meint des Weiteren: „Sie kennen mich und wissen, dass das sehr wichtig ist."

Außerdem merkt er noch an, dass es ihm unangenehm sei, wenn Landsleute, die sich vulgär benehmen, angeben, Muslime zu sein. Mit diesem Benehmen würden sie andere, die keine Beziehung zu dieser Religion haben, nur erschrecken.

 

Sulja: „Ich muss meinen Glauben auf der Arbeit verbergen"

Sulja wurde in Moskau geboren und lebt dort bis heute. Obwohl sie schon früher bekennende Muslimin war, trägt sie erst seit ihrer Hochzeit und der Geburt ihrer beiden Kinder traditionelle Kleidung. Dies hatte zur Folge, dass sie trotz ihres Hochschulabschlusses nur schwer eine Arbeit als Kindergartenbetreuerin bekam. Sulja berichtet über ihre Erfahrungen bei der Arbeitssuche: „Die Leiterin des Kindergartens erklärte mir, dass schon einmal eine Muslimin in diesem Kindergarten gearbeitet hatte. Diese war

auch auf der Arbeit traditionell gekleidet, was die Eltern der Kinder dazu veranlasste, eine Petition zu unterzeichnen, die sich gegen die muslimische Frau richtete. Die Eltern wollten nicht, dass ihre Kinder in der Obhut einer Muslimin waren. Aus diesem Grund bleibt mir nichts anderes übrig, als meinen Glauben auf der Arbeit zu verbergen, damit ich nicht gekündigt werde."

Das vonseiten der Moskauer gegenüber ihren muslimischen Mitbürgern gehegte Misstrauen spürt Sulja auch auf ihrer Arbeit. „Eine bei uns beschäftigte Logopädin fragte einmal hinter meinem Rücken meine Kollegin, ob ich nicht eine von denen sei, die sich in die Luft sprengen. Diese Frau unterhält sich jeden Tag mit mir und hat mir gegenüber noch nie eine Andeutung in diese Richtung gemacht", erzählt Sulja. „Ich lebe bereits mein ganzes Leben in Moskau und habe früher nie negative Erfahrungen in dieser Hinsicht gemacht. Keiner meiner Freunde hat jemals so etwas gesagt. Doch das mag auch damit zusammenhängen, dass ich früher kein Kopftuch trug."

 

Politik und Medien spielen eine große Rolle

Mufti Farid Salman, Vorsitzender des Ulema-Rates der Russischen Assoziation für islamische Eintracht (RAIS), erklärt, dass es diese neue Abneigung gegenüber Muslimen nicht in allen Regionen Russlands gebe. „Bei uns in der Wolgaregion wird kein Unterschied zwischen den Angehörigen verschiedener Religionen gemacht. Alle sind Nachbarn, Freunde und Kollegen. Hier versucht auch niemand, ungeachtet der religiösen Postulate, Anhänger anderer Religionen zu seinem Glauben zu bekehren", so Farid Salman. „Daher kommt es häufig vor, dass in unserer Region Anhänger verschiedener Religionen enge Freunde sind."

Der Vorsitzende des Ulema-Rates merkt zudem an, dass muslimische Tataren seit jeher friedlich mit den russischen Bürgern zusammenleben würden, doch um diese Erfahrungen und Lebensweise auf das gesamte Land auszuweiten, bedürfe es ambitionierter Arbeit und finanzieller Mittel in

großem Umfang. „Es müsste auch eine entsprechende Politik vonseiten der Regierung geben. Mich erstaunen manchmal die Worte unserer Regierungsmitglieder, wenn sie immer wieder Terrorismus mit bestimmten Nationalitäten und Religionen in Verbindung bringen. So etwas darf nicht sein. Diese Menschen haben sich von Gott und dem Gesetz abgewandt", so Salman. „Auch den Medien ist oft nicht bewusst, dass solche Assoziationen Menschen an den Rand der Gesellschaft drängen."

Auch das in Russland problematische Thema Migration trage, laut Mufti Farid Salman, zu einer verschärften Anfeindung von Muslimen in Russland bei. „Die verächtliche Haltung gegenüber Migranten schürt Fremdenhass, denn die russischen Bürger vergessen oft, dass Migranten ebenso ehrwürdige Menschen sind wie sie. Um die gegenwärtige Lage zu entspannen, müsste ein staatliches Programm mit dem Ziel initiiert werden, die junge Generation in dieser Hinsicht zu sensibilisieren", erklärt der Religionsgelehrte. „Wir haben schon vergessen, dass im Zweiten Weltkrieg auch nach Russland emigrierte Bürger aus Zentralasien und aus dem Südkaukasus gemeinsam mit uns als sowjetische Soldaten unsere gemeinsame Heimat verteidigt haben."

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