Die guten Seelen von Olympia

Michael Burger aus Bayern ist einer von den mehr als 25 000 Freiwilligen bei den Winterspielen in Sotschi. Foto: Pressebild

Michael Burger aus Bayern ist einer von den mehr als 25 000 Freiwilligen bei den Winterspielen in Sotschi. Foto: Pressebild

Stell dir vor, es ist Olympia und das Organisationskomitee schickt dir eine Mail mit der Überschrift „Sotschi-DA“, also „JA“. So ist es Michael Burger aus Bayern ergangen.

Es kommt nicht oft vor, dass jemand auf drei Olympiateilnahmen verweisen kann. Kati Wilhelm gehört beispielsweise zu 
diesem erlesenen Kreis, jene Ausnahmesportlerin, die mehr als ein Jahrzehnt den Ton im Biathlon angab. Und auch bei Michael Burger ist es in wenigen Tagen soweit. Nach Athen 2004 und Turin 2006 sind Sotschi seine dritten Olympischen Spiele. Als freiwilliger Helfer.

Der Software-Ingenieur aus Riemerling bei München ist diesmal dem Pressebereich im Biathlon und Skilanglauf zugeteilt, wird also dafür zu sorgen haben, dass Journalisten und Fotografen funktionsfähige Arbeitsplätze vorfinden. Dass er selbst gern Ski fährt, hat als Qualifikation wohl eher eine untergeordnete Rolle gespielt, und auch sonst seien keine speziellen Vorkenntnisse vonnöten, meint der 41-Jährige: „Wichtig ist, dass man seine Aufgaben zuverlässig erledigt, pünktlich erscheint und freundlich ist."


Unbezahlbare Erfahrung

 Burger ist einer von den mehr als 25 000 Freiwilligen, deren Bewerbung vom Organisationskomitee in Russland ausgewählt wurde. Darunter sind auch 2000 Ausländer aus 66 Ländern. Mit 114 Freiwilligen stellt Deutschland das sechstgrößte Kontingent nach den USA, der Ukraine, Kanada, Kasachstan und Großbritannien.

Die Helfer stehen selbst nicht im Rampenlicht, tragen aber zum Gelingen der Spiele bei, indem sie etwa Wettkampfanlagen in Schuss halten, Zuschauern zur Hand gehen oder Dolmetscherdienste leisten. Ihr praktischer Nutzen ist erheblich, doch das Ganze hat auch eine ideelle

Dimension. Wenn sich nämlich die Jugend der Welt zu Olympia trifft, so gilt das nicht nur für die Sportler, von denen rund 8000 in Sotschi um Medaillen kämpfen. Der Einsatz von Freiwilligen lässt erheblich mehr Leute an dem Erlebnis teilhaben. Das ist es auch, was auf Michael Burger den größten Eindruck macht: „Wenn man sieht, wie Menschen unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlicher Berufe und Altersgruppen eine gemeinsame Sprache finden, weil sie ähnliche Interessen und Einstellungen teilen, wird aus unbezahlter Arbeit eine unbezahlbare Erfahrung."

 

Ein Gesetz für Freiwillige

 Burger hat diese Ge
meinschaft immer wieder gesucht. Erstmals als Volunteer tätig war er 2002 bei der Leichtathletik-EM in München. Es folgten zwei Olympiaden, die Fußball-WM 2006, die Leichtathletik-WM 2009, das Champions-League-Finale 2012. Und das ist nur eine Auswahl der Großereignisse, bei denen er sich engagiert hat. „Alles Veranstaltungen, die ich mir sonst als Zuschauer angesehen hätte", erklärt Burger, der Dauerkartenbesitzer bei Bayern München ist, seine Sportkarriere der besonderen 
Art. Als Helfer war er stets näher dran als nur auf der Tribüne.

Russland hat 2007 ein Gesetz verabschiedet, um den Status von Freiwilligen zu regeln und den Einsatz von Aus-ländern zu erleichtern. Zur Vorbereitung für den russischen Helferstab wurden landesweit 26 Zentren eröffnet, in denen die Ausgewählten 36 Stunden lang Schulungen durchliefen. 5000 junge Leute konnten bereits bei einigen Testwettkämpfen in Sotschi Erfahrungen sammeln. Ausländer mussten lediglich ein Onlinetraining und einen Englischsprachtest absolvieren.

Keineswegs selbstverständlich: In Sotschi werden die Freiwilligen nicht nur verpflegt, ihnen wird auch kostenlos Wohnraum zur Verfügung gestellt. Sonst habe er sich seine Unterkunft immer selbst organisieren und auch finanzieren müssen, erzählt Michael Burger. Nur Anreise und Visum seien

da nicht eingeschlossen. Die russischen Veranstalter kleiden die Freiwilligen von Kopf bis Fuß neu ein:Skijacke, Sweatshirt, drei Poloshirts, Skihose, Schuhe, Müt-ze und Handschuhe, dazu Tasche und Rucksack. Die Ausrüstung, die so nirgends zu kaufen ist, dürfen sie behalten.

Dass es für ihn nach Russland geht, war für Burger zunächst zweitrangig. Nach den Terroranschlägen in Wolgograd habe er in letzter Zeit von Freunden und Bekannten öfter mal ein „Pass auf dich auf" zu hören bekommen. Unsicher fühle er sich jedoch nicht. „Im Gegenteil, ich glaube, Sotschi wird in diesen Wochen sogar ziemlich sicher sein. In London hat das 2012 sehr gut funktioniert."

 

5 Fakten über Volontäre in Sotschi

 

25 000 Freiwillige 
werden eingesetzt:
 67 Prozent bei den Olympischen Spielen, 33 Prozent bei den Paralympics.

60 Prozent der Volontäre sind weiblich, 
40 Prozent männlich.

40 Prozent kommen in den Bergen und 60 Prozent in der Küstenregion zum Einsatz.

Der größte Teil der Freiwilligen sind mit über 80 Prozent junge Menschen zwischen 18 und 30 Jahren. Die 31- bis 54-Jährigen stellen 14 Prozent der Helfer. Nur drei Prozent sind 55 Jahre alt oder älter.

Aus folgenden Ländern kommen (neben Russ-land) die meisten
Volontäre: USA (161), Ukra
ine (157), Kanada (159),
 Kasachstan (138), Vereinigtes Königreich (136), Deutschland (114) und Frankreich (65).