Als die Sowjets Afghanistan verließen

Anfangs erschien diese Mission in Afghanistan den sowjetischen Generälen als rasch und ohne größere Probleme ausführbar. Foto: RIA-Novosti

Anfangs erschien diese Mission in Afghanistan den sowjetischen Generälen als rasch und ohne größere Probleme ausführbar. Foto: RIA-Novosti

Vor 25 Jahren verließen die letzten sowjetischen Truppen Afghanistan. Während des neun Jahre andauernden Kriegs gab es rund 50 000 Verletzte, 14 000 sowjetische Soldaten kamen ums Leben. Der Feldzug wird noch heute diskutiert.

Die letzten sowjetischen Streitkräfte verließen Afghanistan am 15. Februar 1989. Als Letzter überschritt der Befehlshaber der 40. Armee, General Boris Gromow, die Brücke über den Amurdarja und äußerte einen Satz, der in die Geschichte eingegangen ist: „Hinter meinem Rücken befindet sich kein einziger sowjetischer Soldat mehr.“



Die Situation unterschätzt

Der Einmarsch in Afghanistan begann im Dezember 1979, als eine KGB-Eliteeinheit mit Unterstützung von Armeeverbänden den kommunistischen Präsidenten Hafizullah Amin stürzte. Dieser hatte zuvor gegen den Willen Moskaus einen Kurs zum beschleunigten Aufbau des Kommunismus in dem feudalen Land eingeschlagen.

Anfangs erschien diese Mission in Afghanistan den sowjetischen Generälen als rasch und ohne größere Probleme ausführbar. Doch sie verwandelte sich recht schnell in einen langwierigen und aufreibenden Krieg. Die sowjetischen Militärs nahmen den Kampf anfangs gegen eine Handvoll Fanatiker auf, im Verlauf der Jahre sahen sie sich jedoch schließlich einer gut organisierten Rebellenarmee gegenüber, die mit Ressourcen aus dem Westen, einigen arabischen Ländern und sogar China versorgt wurde. In der gesamten Geschichte der Menschheit wurde keine Rebellenbewegung durch eine solch umfangreiche Hilfe von außen unterstützt.

Die Brücke auf dem Weg nach Afghanistan zu überschreiten, war äußerst leicht. Sie in die andere Richtung wieder zu verlassen, war dagegen sehr schwer.

„Die Führung unseres Landes hat die Situation in Afghanistan absolut unterschätzt: Sie dachte, dass die Anwesenheit von Luftlandetruppen und der Einmarsch von ein paar Armee-Verbänden ausreichend wären und die Lage sich überall sofort beruhigen würde. Doch die Reaktion fiel vollkommen anders aus“, erinnert sich Generalleutnant Georgij Schpak, Kommandeur des 350. Garde-Fallschirmjägerregimentes, das als erstes Afghanistan betreten hatte. „Das hat unter anderem mit der Freiheitsliebe

des afghanischen Volkes zu tun, aber auch mit der Einmischung der USA, die den Mudschahedin eine beispiellose Unterstützung zukommen ließen. In Afghanistan wurden alle und jeder mit Waffen ausgestattet und das hat – bei näherer Betrachtung – dem globalen Terrorismus mit Osama bin Laden an der Spitze zum Durchbruch verholfen“, erklärt er. „Uns wurde damals gesagt, wir hätten nur unseren Auftrag auszuführen und könnten danach nach Hause zurückkehren. Aber dann mussten wir neun Jahre dort bleiben.“

Der sowjetische Botschafter in Kabul, Fikrjat Tabejew, sagte im Sommer 1983: „Im Kreml ist jetzt Andropow, und der hat die ganze Sinnlosigkeit unserer militärischen Präsenz in Afghanistan erkannt. Bald wird sich alles ändern.“ Doch Andropow starb kurz darauf. Dem kranken Tschernenko stand der Sinn nicht nach diesem Krieg und erst mit dem Erscheinen Gorbatschows begann man, nach einem Ausstieg aus der afghanischen Falle zu suchen.


Afghanistan kann man nicht besiegen

„Wir wurden in glühende Lawa gestoßen“, erinnert sich der Gardeleutnant der Luftlandetruppen Wladimir Sawizkij. Wie auch viele andere sowjetische Militärangehörige zog er nach zehn Jahren in Afghanistan ein eindeutiges Fazit: Dieses Land „kann man mit Waffengewalt nicht besiegen“.

Zumal die Ideologie, die die Sowjetunion mit sich brachte, von der archaischen afghanischen Gesellschaft abgelehnt wurde. „Wir haben mit unserer Ideologie den Kürzeren gezogen – die Religion dort ist sehr stark und wir hätten gar nicht erst versuchen sollen, unseren Sozialismus dort aufzubauen“, sagt der Offizier heute.

Er erinnert sich daran, dass die Afghanen äußerst sensibel auf die Einmischung in ihre Angelegenheiten reagierten, jedoch mit größtem Vergnügen die humanitäre Hilfe der sowjetischen Armee entgegennahmen.

Sergej Gontscharow, Veteran der Eliteeinheit „Alpha“, der ebenfalls an afghanischen Operationen beteiligt war, stimmt Sawizkij zu: „Wenn wir in einen eingenommenen Kischlak einmarschierten, brachten wir Ärzte mit, die sie ‚Tabibi‘ nannten, und verteilten Lebensmittel an die Dorfbevölkerung. Wir hatten einen vollkommen anderen Ansatz als etwa die Amerikaner – für sie ist das einfach ein Territorium, das sie einnehmen müssen“, erzählt er.

Die US-amerikanischen Militärs haben versucht, von den sowjetischen Erfahrungen zu lernen, tappten aber in die gleiche Falle wie die Sowjetunion mehr als zwanzig Jahre zuvor. Afghanen lehnen gleichermaßen gottlose Sozialisten als auch Demokraten aus dem Westen ab. Auch für die USA wurde ein eigentlich kurzer Einsatz zu einem jahrelangen Krieg.


Bewertung könnte überdacht werden

Selbst nach einem Vierteljahrhundert wird in der russischen Gesellschaft noch die Diskussion darüber geführt, wie der afghanische Feldzug zu bewerten ist. 1989 hatte der Kongress der Volksabgeordneten der Sowjetunion den Einsatz  als „misslungenes Abenteuer“ eingeschätzt.

Der Russische Verband der Afghanistanveteranen beabsichtigt nun, sich an den Präsidenten zu wenden, um eine Revision der politischen Bewertung des Einmarsches der sowjetischen Streitkräfte nach Afghanistan zu erreichen. Sergej Gontscharow, Veteran der Eliteeinheit „Alpha“, erklärt: „Es sind 25 Jahre vergangen, und es lässt sich nur schwer einschätzen, ob die Ereignisse jener Jahre nun positiv oder negativ gewesen sind. Doch zumindest waren wir der Meinung, dass wir für Gerechtigkeit kämpfen, und Zweifel daran hatten wir nicht.“

 

Nach Materialien von Rossijskaja gazeta und Gazeta.ru 

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