Facettenreicher Beruf: Postbote in Moskau

Die Postbotin Alla Tschenzowa ist zu ihrem Beruf durch eine schicksalshafte Fügung gekommen. Foto: PhotoXpress

Die Postbotin Alla Tschenzowa ist zu ihrem Beruf durch eine schicksalshafte Fügung gekommen. Foto: PhotoXpress

Alla Tschenzowa ist Postbotin im Moskauer Zustellungsbezirk Nummer 419. Sie kennt ihren Kiez und seine Bewohner bestens. Ihr Beruf ist facettenreich: Mal muss sie Psychologin sein, ein anderes Mal Personalmanagerin oder auch Sozialarbeiterin

Alla Tschenzowas Arbeitstag beginnt morgens um sechs. Schließlich sollen alle Abonnenten ihre Tageszeitungen rechtzeitig aus dem Briefkasten ziehen können. Alla arbeitet schon seit 20 Jahren als Briefträgerin. Sie hat sich über die Jahre an das frühe Aufstehen gewöhnt. Ihr Weg zur Arbeit ist nicht sehr weit. Die Postdienststelle, in der sie beschäftigt ist, hat ihren Sitz im Erdgeschoss ihres Wohnhauses. 

Zu ihrem Beruf ist Alla durch eine schicksalshafte Fügung gekommen. Nach dem Tod des Vaters ihrer Kinder erhielt sie eine Halbwaisenrente für sie. Das Geld wurde ihr von ihrer Postbotin zugestellt. Da sie auf Jobsuche war, sprach sie mit ihr darüber und erfuhr, dass bei der Post eine Stelle frei sei. Sie bekam schließlich den Zuschlag.

Die Einarbeitung dauerte nicht lange. Man musste nur sorgfältig die Zeitungen, Briefe und Päckchen sortieren, die morgens an die Poststelle geliefert wurden, und sie ebenso sorgfältig im Bezirk austragen. "Es kam nicht ein einziges Mal vor, dass ein Brief seinen Empfänger nicht erreichte", lacht Alla.

In ihrem Zustellungsbezirk befinden sich elf Wohnhäuser, Banken, das Werk Sergo Ordschonikidse und ein Gewerbekomplex. "Dort gibt es eine Menge Gebäude, insgesamt sind es über 45, die die unterschiedlichsten Firmen beherbergen. Jedes Unternehmen bekommt Post", sagt sie. Trugen die Postboten früher die Briefe in Schultertaschen, so nutzen Alla und ihre Kollegen heute einen Post-Trolley mit einem großen dunkelblauen Sack.

"Die Moskauer bleiben ihren gedruckten Zeitungen treu, auch wenn sie verstärkt das Internet nutzen", hat Alla beobachtet. "Die Zeitungen Moskowski Komsomolez, Komsomolskaja Prawda, Prawda, Sowjetskaja Rossija, Wetschernaja Moskwa und Argumenty i Fakty haben einen festen Stamm an Abonnenten. Nicht alle diese  Zeitungen erscheinen täglich, einige auch nur wöchentlich. Das bedeutet, an manchen Tagen kommen vielleicht 20 Zeitungen zusammen, an anderen 30 und an Freitagen noch wesentlich mehr", erklärt Alla.

Die Sendungen werden bis um sieben sortiert. Danach geht es los mit dem Austragen. Alle Tageszeitungen sollten bis um acht zugestellt sein. Danach machen die Zusteller eine Frühstückspause. Gegen zehn Uhr geht es weiter. Nach den Privatkunden kommen die Unternehmen an die Reihe sowie Sendungen mit Empfangsquittungen und Bescheide, die den Empfängern persönlich überreicht werden müssen. "Wir arbeiten in der Regel bis 14.00 Uhr", erzählt Alla. Selbst an dunklen Wintertagen habe sie keine Angst morgens auf der Straße. "Hier kennen mich alle, ich kenne alle, sogar die Arbeitszeiten der Leute habe ich ungefähr im Kopf. Ich weiß, wer um wie viel Uhr morgens zur Arbeit oder zur Schule geht", so Alla stolz.

 

Ein Plausch gehört dazu

Am sehnlichsten wird sie von den Alten erwartet, denen sie die Renten bringt. Viele rufen bei der Post an und erkundigen sich, um wie viel Uhr Alla Tschenzowa kommt, denn sie wollen dann unbedingt daheim sein. "Viele passen mich persönlich am Briefkasten ab", sagt die Postbotin. Zeit für Gespräche sehe ihr Tagesablauf  eigentlich nicht vor. Dennoch habe sie für alle ein offenes Ohr.

"Ältere Leute brauchen jemanden zum Reden. Wenn sie sich wegen irgendetwas Sorgen machen, dann erzählen sie davon. Wir unterhalten uns über alles", erzählt Alla. "Die einen interessieren sich für neue Zeitschriften, sie bitten mich, ihnen beim Abschluss eines Abos zu helfen. Andere erzählen von ihren kleinen Gebrechen und wollen einen Rat, ob sie sofort zum Arzt oder zuerst in eine Apotheke gehen sollen, wieder andere berichten mir über die neuesten Familiengeschichten."

Ohne Kontakte falle, so Alla, der Alltag vor allem einsamen alten Menschen schwer. Von solchen gebe es sehr viele, vor allem Frauen. Sie seien nicht mehr mobil, würden deshalb oft darum bitten, dass

man für sie die Miete bezahlt oder Einkäufe erledigt. "Denen muss man helfen. Sie sind allein, sie schaffen das nicht selbst", sagt Alla.

Sie sei nicht nur Postbotin, sondern gleichzeitig auch Sozialarbeiterin und Psychologin, schätzt Alla ein. "Was soll man tun, viele Menschen brauchen jemanden zum Reden. Jemanden, dem sie ihr Herz ausschütten können. Sie können einem Leid tun, man kann ihnen nicht richtig helfen. Aber wenn sie sich aussprechen, wird es ihnen zumindest etwas leichter ums Herz. Und ich? Ich habe keine Wahl, ich kann mich dem Schicksal der Alten nicht entziehen", sagt Alla fürsorglich.

Ihre Gespräche mit den Nachbarn im Bezirk bereiten ihr jedoch auch Freude. Den Zeitungsabonnenten verdankt Alla Tschenzowa, dass sie heute einen großen grünen Papagei - einen Kuba-Amazone - besitzt. "Die alte Dame, bei der er früher lebte, konnte sich nicht mehr richtig um ihn kümmern, ihre Kinder auch nicht. Deshalb überließ die Familie

mir den Papagei. Später erzählte ich ihnen immer, wie es dem Vogel geht. Sie waren sehr froh zu hören, dass er sich wohl fühlt. Eines Tages boten sie mir ein Frettchen an. Aber das hätte den Papagei wahrscheinlich gejagt, daher lehnte ich zunächst ab", erzählt Alla.

Letztendlich hätten ihr die lustigen Tierchen aber so gefallen, dass sie sich einige Zeit später doch entschied, sie zu sich zu nehmen. "Das eine ist vom Typ halbasiatisch, mit langem Fell, das andere kurzhaarig. Das eine bewegt sich ruhig und gelassen, das andere wie ein Wirbelwind. Ich füttere sie mit Fleisch - sie sind schließlich Raubtiere." Mittlerweile hat Alla Tschenzowa den Ruf einer erfahrenen Haustierhalterin. Mit ihren Kunden fachsimpelt sie über deren richtige Erziehung.

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