Was denken Einwanderer über ihre neue russische Heimat?

Die Besonderheiten des russischen Alltags lassen Ausländer oft staunen. Foto: Alamy/Legion Media

Die Besonderheiten des russischen Alltags lassen Ausländer oft staunen. Foto: Alamy/Legion Media

Wer in ein anderes Land zieht, muss sich an die Sitten und Gebräuche der neuen Heimat erst gewöhnen. Russland HEUTE Autor Dmitrij Romendik erzählt, was Ausländer in Russland besonders befremdet oder in Erstaunen versetzt.

Schöner Empfang

Ich stamme aus der Ukraine und habe die halbe Welt bereist. Das erste, was mir als Ausländer an Russland auffiel, waren die russischen Frauen.

Jede russische Frau legt großen Wert auf ihr äußeres Erscheinungsbild. Stets kleidet sie sich so, als sei sie auf dem Weg ins Theater oder zu einem feierlichen Empfang. Auch wenn Sie nur zum Bäcker nebenan geht, schminkt sie sich. Nie würde eine russische Frau ihre Stöckelschuhe gegen bequemes und praktisches Schuhwerk eintauschen, wie es sonst überall auf der Welt üblich zu sein scheint. Natürlich gibt es elegante Frauen auch in anderen Ländern, in Russland ist das jedoch keine Ausnahme, sondern eine alltägliche Erscheinung.

 

Hart aber ehrlich

In Europa und Amerika gilt es als höflich, jedem ein Lächeln zu schenken, ganz egal, ob man sein Gegenüber mag oder nicht. Russen hingegen begegnen dem Fremden zunächst mit eisernem Gesichtsausdruck. Das führt dazu, dass man sich zunächst sehr unbehaglich oder sogar abgelehnt

fühlt. Erst, wenn Du Russen sympathisch bist, lächeln sie Dich an. Dann aber ist das Lächeln ein Zeichen dafür, dass man dir wirklich positiv gesonnenen ist und nicht nur die Umgangsformen einhält.

Ähnliches gilt auch für die im westlichen Teil der Welt gerne gestellte Frage: „Wie geht's?" Stellt man diese Frage in Russland, erhält man meist einen langen und ausführlichen Bericht, während andernorts niemand ernsthaft eine Antwort darauf erwartet. Einem russischen Schriftsteller soll diese Oberflächlichkeit so auf die Nerven gegangen sein, dass er bei nächster Gelegenheit den Fragesteller mit den Worten: „Du willst also wirklich wissen, wie es mir geht?" am Kragen gepackt und ihn solange festgehalten haben soll, bis er ihm ausführlich die Ereignisse der letzten Zeit erzählt hatte. Daraufhin begegnete man ihm mit Vorsicht und niemand fragte ihn mehr nach seinem Befinden. Es verhält sich hier wie mit dem Lächeln - wenn ein Russe fragt, wie es geht, dann ist das auch ernst gemeint.

 

Mayonnaise, Pilze und andere Auffälligkeiten

Natürlich sind auch die Essgewohnheiten in Russland anders. Zum Beispiel verwendet man sehr gerne und sehr viel Mayonnaise. Kaum ein Gericht, dass ohne sie auskommt: Der Neujahrssalat „Olivier" und viele andere russischen Salatvariationen oder der „Hering im Pelzmantel", der aus eben dieser Mayonnaise besteht. Selbst Fleisch wird mit Mayonnaise gebraten, obwohl jedermann - auch in Russland - weiß, dass sich Mayonnaise bei Hitze zersetzt.

Erzieherin Amy aus den USA wundert sich über die Leidenschaft der Russen für Pilze und insbesondere darüber, dass man zum Pilze sammeln

selber raus in die Natur geht. „In Russland geht man tatsächlich in den Wald zum Pilze sammeln. Das ist in den USA eher selten. Zuerst dachte ich sogar, es sei gefährlich, wenn ein Otto-Normal-Verbraucher in den Wald geht, um Pilze zu sammeln".

Den Einwanderern fällt noch mehr auf. Der indische Programmierer Sovon Das findet die Preise in Russland sehr hoch und er fragt sich, warum nur wenige Russen Englisch sprechen und es für Ausländer so schwer ist, eine Arbeit zu finden.

Eine interessante Geschichte über das respektvolle Verhältnis der Russen zu ihren Eltern erzählt Martin Cooke, ein Theater-Workshop-Veranstalter aus Großbritannien: „Meine russische Frau Natascha war hochschwanger und wir erwarteten ihre Mutter, die uns besuchen wollte, um uns direkt nach der Geburt unter die Arme zu greifen. Sie sollte um 16 Uhr mit dem Zug aus Baschkirien eintreffen. Doch schon zwei Stunden vorher setzten bei Natascha die Wehen ein. „Um Himmels willen!", rief ich, „rufe Du die Hebamme, ich hole in der Zeit deine Mutter vom Bahnhof ab". Doch sie sagte, während sie bereits in den Wehen lag: „Nein, ich muss unbedingt mit Dir kommen. Mutter bringt Kartoffeln aus Baschkirien mit und ich muss ihr beim Tragen helfen".

Wir danken dem Moskauer Diskussionsforum „Ru-En Games for Expats (engam.ru)" für die Unterstützung bei der Vorbereitung dieses Artikels!

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