Barrierefreiheit aus privater Hand

In der UdSSR führten Menschen mit Behinderung häufig ein Leben in Isolation. Heute hat die russische Regierung vieles angestoßen. Ein Bericht über Theorie und Praxis.
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In diesen Tagen richtet sich die Aufmerksamkeit der Russen auf diejenigen, die im Alltag des Landes kaum wahrnehmbar sind. Es sind Menschen mit Prothesen, im Rollstuhl sitzend, Männer und Frauen, denen Beine oder Arme fehlen oder deren Nervensystem anders funktioniert als bei den meisten ihrer Mitmenschen.

Ab 7. März brennt wieder das Feuer in Sotschi, jetzt kämpfen Athleten bei den Paralympischen Spielen um Medaillen, und Russlands Fernsehzuschauer können zurecht auf viele erste Plätze für ihr Land hoffen. Die staatliche Medienholding WGTRK überträgt die Wettbewerbe live. Bei den letzten beiden Spielen in Turin und Vancouver schnitten die gehandicapten Athleten – anders als die klassischen Olympioniken aus Russland – sehr erfolgreich ab und belegten den ersten beziehungsweise den zweiten Rang in der Nationenwertung.

Gemessen an sportlichen Resultaten könnte Russland also als Paradies für behinderte Menschen gelten. Doch der Eindruck täuscht. Sobald der Trubel in Sotschi vorüber ist, dürfte die Aufmerksamkeit für dieses Thema für weitere vier Jahre erlöschen. Denn obwohl statistisch jeder Zehnte Einwohner des Landes in seinen körperlichen oder geistigen Möglichkeiten eingeschränkt ist, fühlen sich vielevom Staat und von der Gesellschaft alleingelassen.

Eine Studie der Organisation Human Rights Watch, für die mehr als 120 Menschen aus ganz Russland mit unterschiedlichen Behinderungen interviewt wurden, übt berechtigte Kritik. Die städtische Infrastruktur stelle für viele ein unüberwindbares Hindernis dar. Den meisten Behinderten falle es schwer, eine Arbeit zu finden und wenn, dann handle es sich meist um speziell geschaffene Arbeitsplätze, was die Isolation eher 
erhöht. Auch medizinische Einrichtungen und Ärzte seien unzureichend auf die besonderen Bedürfnisse eingestellt.

Die meisten dieser Probleme sehen die HRW-Experten in der sowjetischen Vergangenheit verwurzelt. „Damals hat der Staat zwar materielle Hilfen zugesichert, die betroffenen Menschen wurden jedoch nicht in die Gesellschaft integriert, sondern teils explizit isoliert", heißt es in der Untersuchung. In der UdSSR existierten viele Anstalten, in denen behinderte Menschen von der Gesellschaft ausgeschlossen ihr Dasein fristeten. Mütter von Neugeborenen mit Behinderung wurden oftmals bereits nach der Entbindung unter Druck gesetzt, ihr Kind direkt in ein Heim zu geben, wo es oftmals das ganze Leben verbrachte. Beide Phänomene sind auch noch heute anzutreffen.

Gleichzeitig grenzte die Selbstorganisation von Behinderten für die sowjetischen Machthaber an Dissidententum und galt als gesellschaftszersetzend. Waleri Fefjolow, der nach einem Arbeitsunfall

Zahlen

 

2,85 
Millionen behinderte Menschen leben in Russland.

Von den 2,5 Millionen im arbeits-
fähigen Alter gehen nur 805 000 einer Arbeit nach, 
das sind etwa 32 Prozent.

an den Rollstuhl gefesselt war, gründete 1978 den ersten Verein der UdSSR, der sich den Schutz von Rechten behinderter Menschen auf die Fahnen schrieb. Es folgten jahrelanger Druck seitens der Geheimdienste, Durchsuchungen, eine Schmutzkampagne in der Presse, bis Fefjolow schließlich auf Druck des KGB in die Bundesrepublik ausreiste, wo er Asylrecht bekam und bis zu seinem Tod im Jahr 2008 lebte.

Von solch drakonischen Maßnahmen ist das heutige Russland natürlich weit entfernt. Im Gegenteil loben viele Experten die Gesetze sogar als progressiv, die die Rechte behinderter Menschen regeln. So hat Russland nicht nur eine UN-Konvention im Jahr 2012 ratifiziert, die diese Rechte schützt.Um die Konvention in die Tat umzusetzen, hat die russische Regierung auch ein vier Milliarden Euro schweres Programm aufgelegt. Bis 2015 soll das Geld in den Umbau von öffentlichen Gebäuden, in die Umgestaltung von Gehwegen, in neue Busse und Bahnen sowie in die behindertengerechte Gestaltung von staatlichen Websites fließen.

Einer der Vorreiter dieser Entwicklung sollte die Hauptstadt Moskau sein, in der es mehr als 16 000 Rollstuhlfahrer gibt. Nach offiziellen Angaben sind allerdings nur die Hälfte der Busse moderne Niederflurfahrzeuge, lediglich zwei Drittel der öffentlichen Gebäude sind für Rollstuhlfahrer erreichbar und nur ein Bruchteil der Metrostationen mit Liften ausgestattet. Bis 2015 sollen nicht nur Gebäude umgebaut und Rampen installiert, sondern auch alle Ampeln mit akustischen Signalen für blinde Fußgänger ausgestattet werden.

Doch was auf dem Papier stimmig aussieht, scheitert oft am Realitätscheck. Maxim Okolow leidet an multipler Sklerose und sitzt seit fünf Jahren im Rollstuhl. Der ehemalige Koch hat es sich nun zur Aufgabe

gemacht, der Stadtregierung auf die Finger zu schauen. „Ich hatte es einfach satt, dass ständig davon gesprochen wurde, wie viel für uns Behinderte getan werde, während das meiste nur zum Vorzeigen dient und kaum nutzbar ist", schimpft Okolow.

Mit seiner Kamera filmt er sich dabei, wie er im Rollstuhl sitzend regelmäßig städtische Einrichtungen oder neue Rampen und Gehwege testet. Anschließend stellt er die Videos ins Netz. Aus seiner Wohngegend im Süden der Metropole kommt er selten raus, denn mit seinem Elektrorollstuhl kann er alleine nicht U-Bahn fahren. Nur die neuen Stationen verfügen über Aufzüge. „Ich könnte höchstens von Endstation zu Endstation fahren", lacht Okolow. Das städtische Behindertentaxi dagegen sei hoffnungslos überbucht, zudem müsse man dafür Extratickets besorgen, die es nur zentral in der Innenstadt gibt. Die ist aber mit öffentlichen Verkehrsmitteln ohne fremde Hilfe kaum erreichbar. Absurd sei auch, dass viele Gebäude zwar am Eingang über Zufahrtsrampen verfügen, es drinnen jedoch kein Weiterkommen gibt, weil Fahrstühle fehlen oder die Schwellen zu hoch sind.

Auch die Expertin für Universelles Design von der Behindertenorganisation „Perspektiva", Maria Gendelewa, kritisiert die Umsetzung vieler Projekte. Beim Bau werde zu wenig darauf geachtet, ob dieser auch von den 
Behinderten genutzt werden kann. „Menschen mit Behinderung müssten bereits bei der Planung mit einbezogen werden", so Gendelewa. Sonst

würden viele Sachen ungenutzt bleiben.

Mittlerweile sind es oftmals private Initiativen wie „Perspektiva", die das Leben von Behinderten in Russland verbessern wollen. So kämpft Gendelewa nicht nur für effiziente Architektur, die den Bedürfnissen aller Rechnung trägt, sondern auch für ein gemeinsames Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung.

Auf ein privates Engagement schwört auch Janina Urussowa vom Kulturzentrum „Bez Graniz", zu Deutsch „ohne Grenzen". „Bez Graniz" wurde 2008 von dem deutschen Geschäftsmann Tobias Reisner gegründet und versucht, der russischen Bevölke-rung eine neue Sichtweise auf 
die Behindertenproblematik zu vermitteln.

„In Russland werden Behinderte noch immer eher mit Mitleid behandelt und als soziales Problem wahrgenommen. Der Staat hat viele von ihnen durch seine langjährige Politik zu Bittstellern erzogen", meint Urussowa. Es sei freilich einfacher, Geld zu verteilen, anstatt sich um Integration zu bemühen. „Wir wollen ein anderes, gleichberechtigtes Bild vermitteln und auf beiden Seiten die Grenzen in den Köpfen einreißen." Anfangs hatte es sich das „Bez Graniz"-Portal zur Aufgabe gemacht, Fachkräfte mit Behinderung, zum Beispiel Juristen, Übersetzer oder Programmierer, in gute Jobs zu vermitteln.

Mittlerweile steht „Bez Graniz" für verschiedene Projekte auch in Sachen Mode und Kunst. „Wir haben einen Designwettbewerb ins Leben gerufen für Mode, die Menschen mit ganz unterschiedlichen Behinderungen das Leben erleichtern und gleichzeitig gut aussehen soll", erklärt Urussowa.

Besonders stolz ist die „Bez-Graniz"-Frau auf das Kunstprojekt „Akropolis", bei dem die Schönheit des Körpers eines behinderten Menschen zelebriert wird in Anlehnung etwa an armlose antike Statuen. „Wir wollen den Blick auf diese Menschen verändern, weg von Mitleid und Schuldgefühlen hin zu einer Anerkennung des Gegenübers als vollwertige und auch schöne Person", erklärt Urussowa und freut sich, dass es immer mehr solche privaten Initiativen gibt.

Doch auch der Staat wird in den kommenden Tagen beweisen müssen, dass er sich für Behinderte ins Zeug legen kann. Denn dann kommen rund 1300 Athleten mit unterschiedlichen Behinderungen nach Sotschi, um gegeneinander anzutreten. Nach Vorgaben des Olympischen Komitees wurden nicht nur die Sportstätten an die Prinzipien der Barrierefreiheit angepasst, auch die Stadt mit ihren Fußwegen und zahlreichen Steigungen wurde mit einbezogen. Rein theoretisch also müsste Sotschi momentan tatsächlich der beste Ort für einen behinderten Menschen in Russland sein.

 

4 Fakten über Behinderte 
in Russland

 

1 122 Millionen Rubel (etwa drei Millionen Euro) will das Arbeitsministerium 2014 zur Unterstützung von Arbeitgebern zur Verfügung stellen, die Menschen mit Behinderung einstellen.

2 Weitere 301 Millionen Rubel (sieben Millionen Euro) wird das Ministerium in diesem Jahr für den behindertengerechten Umbau der Arbeitsplätze ausgeben.

3 Laut einer Umfrage des Portals „Headhunter“ haben 50 Prozent der befragten Unternehmen Menschen mit Behinderung angestellt.

4 Seit Januar 2014 verkehren zwischen dem Moskauer Zentrum und den Vororten 120 neue Busse mit Rollstuhlrampe.

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