Behinderte in Russland: Die Geschichte von Gljeb Asarow aus Kaluga

Gljeb Asarow: Als ich älter und schwerer wurde, war es meiner Mutter unmöglich geworden, mich auf die Straße nach unten zu tragen. Und so kam es, dass ich sieben Jahre nicht mehr draußen war. Foto aus dem persönlichen Archiv

Gljeb Asarow: Als ich älter und schwerer wurde, war es meiner Mutter unmöglich geworden, mich auf die Straße nach unten zu tragen. Und so kam es, dass ich sieben Jahre nicht mehr draußen war. Foto aus dem persönlichen Archiv

Gljeb Azarow ist vierundzwanzig Jahre alt, lebt in Kaluga und ist behindert. Der Journalistin Andrea Schild erzählte er von seinen Freunden, Dieter Bohlen und Trips in Stadt.

Mein Name ist Gljeb, Gljeb Waleriewitsch Azarow. Waleri hieß mein Vater, den ich leider nie kennenlernte, weil er noch vor meiner Geburt starb. Ich bin vierundzwanzig Jahre alt und lebe mit meiner Mutter Natascha in der Stadt Kaluga. Geboren wurde ich in Moskau, wo meine Mutter damals als Architektin arbeitete. Als ich sieben war, zog sie mit mir nach Kaluga in die Wohnung meiner Großeltern. Unsere Zweizimmerwohnung im Zentrum befindet sich in einem Bau aus den Fünfzigerjahren, einer sogenannten Stalinka.

Leider nützt mir unsere gute Lage wenig, weil wir im Haus keinen Fahrstuhl haben. Ich habe zerebrale Kinderlähmung und sitze im Rollstuhl. Rür die Invalidenrente teilt man den Behinderungsgrad in Russland in drei Gruppen, ich gehöre zur Gruppe 1, den Schwerstbehinderten. Das bedeutet, ich erhalte vom Staat eine volle Rente von 250 Euro im Monat. Das entspricht etwa dem Drittel eines durchschnittlichen Gehalts in der Stadt.

Meine Arme und Beine kann ich eigentlich recht gut bewegen, essen und trinken kann ich also selbst. Und zwar am liebsten Schaschlik, und dazu ein alkoholfreies Bier, am besten aus Deutschland. Das Land gefällt mir sowieso besonders gut. Ich habe schon ein paar Brocken Deutsch gelernt. Das hat damit zu tun, dass ein deutscher Poptitan bei uns in Russland seit zwanzig Jahren sehr populär ist: Dieter Bohlen – mein Idol. Ich habe schon gehört, dass „Modern Talking" in Westeuropa nicht mehr ganz in Mode ist, so sind auch meine beiden Freunde aus der Schweiz, meine Nachbarn, ein wenig entsetzt über meine Schwärmerei.

Wir können gemeinsam darüber lachen, und sie bringen mir sogar gelegentlich Schallplatten mit. Ich finde, Langspielplatten sind noch wahre Tonträger. Den Computer brauche ich, um mich selbst beim Singen aufzunehmen, ich kenne Hunderte Songs auswendig. Musik ist meine Welt. Sie hat mich gerettet in der Zeit, als ich isoliert nur in unserer Wohnung lebte und Besuch rar war. Als ich älter und schwerer wurde, war es meiner Mutter unmöglich geworden, mich auf die Straße nach unten zu tragen.

Und so kam es, dass ich sieben Jahre nicht mehr draußen war. Bis ich vor vier Jahren unsere Schweizer Nachbarn kennenlernte. Ihr Telefon war kaputt und sie klingelten bei uns ... Ich weinte an jenem Abend vor Glück, denn ich spürte: Nun geht die Tür zur Welt auf.

Unsere Freundschaft begann am 22. November 2009, und nun feiern wir das Jubiläum jedes Jahr. Am Anfang haben mich Andrea und Berno in den Hof getragen, und wir sind oft spazieren gegangen. So habe ich meine Stadt neu entdeckt. Mittlerweile engagieren wir Umzugsmänner, die mich vom dritten Stock samt Rollstuhl nach unten tragen.

Letztes Jahr kaufte die Stadt Kaluga vierundzwanzig neue Niederflurbusse aus Weißrussland. Eine der Linien fährt eine schöne Route rund ums Stadtzentrum. Das war meine Chance, einmal ein bisschen weiter zu kommen. Also warteten wir fünfundzwanzig Minuten, bis endlich einer der neuen Busse vorfuhr, und sorgten für einiges Aufsehen, als wir 
verlangten, der Fahrer solle die Rampe auslegen.

Zuerst musste er dreimal neu anfahren, um im richtigen Abstand zum Gehsteig zu halten. Anschließend fand er den Schlüssel nicht, um die Rampe aufzuklappen. Wir waren wohl die ersten, die den Versuch wagten! Doch dann löste der Chauffeur das Problem mit einem Schraubenzieher, und ich kam zu meiner ersten Fahrt im Trolleybus.

Gleich erzählten mir die Passagiere, was es alles zu sehen gibt: den neu renovierten Stadtpark, das Regionalmuseum im Empirestil, das Haus, in dem Rebellenführer Schamil aus Dagestan im Exil war, das Kosmonautenmuseum – Juri Gagarin hatte dafür den Grundstein gelegt ... Es war ein fantastischer Ausflug.

Der einzige Ausflug, auf den ich mich nicht freute, war der am 19. September 2012. Ich musste zum Arzt, um mir einen Zahn ziehen zu lassen. Meine Freunde waren erstaunt, dass es in der Zahnklinik Rampen

gibt und die Behandlung umsonst ist. Für mich ist das normal, die obligatorische Krankenkasse ist kostenlos.

Ein richtig schlechtes Erlebnis hatte ich am „Tag der Stadt". Wir waren am Feiern, da kam ein Betrunkener auf mich zu, klopfte mir auf die Schulter und drückte mir 1000 Rubel in die Hand mit der Bemerkung: „Ich weiß, dass man sich nicht um dich kümmert." Als er davonging, spuckte ich aus und warf das Geld in den Dreck. Auf Mitleid kann ich verzichten.

Durchs Internet habe ich von zu Hause aus Zugang zur Welt gefunden. Das ist für mich sehr wichtig, da ich doch nicht einfach raus kann. Ich würde eigentlich auch gerne arbeiten und Geld verdienen, aber das ist für solche wie mich nicht möglich. Obwohl ich eine Schulausbildung habe. Bis ich sechzehn war, kam eine Lehrerin zweimal pro Woche zu uns nach Hause, um mich zu unterrichten. So habe ich die obligatorische Schule abgeschlossen.

Ich weiß, dass es Institutionen in Kaluga gibt, die sich um Behinderte kümmern. Die eine ist eine Tagesstätte für Kinder und Jugendliche mit

Physiotherapie und Logopädie, die andere ein Rehabilitationszentrum für Behinderte und Senioren. Dort organisiert man auch Partys und Ausflüge. Irgendwo kann man eine Ausbildung zum Näher machen.

Aber ehrlich gesagt fühle ich mich in der Gesellschaft von anderen Behinderten niedergeschlagen. Warum soll ich mit ihnen zusammensein? Ich träume davon, eine Familie zu gründen und ganz normal in der Gesellschaft zu leben. Ich möchte eine nette Frau, die mich liebt, und keine Sozialarbeiterin, die sich für Geld um mich kümmert. Mit denen möchte ich, entschuldigen Sie bitte, eigentlich nichts zu tun haben.