Russische Unternehmenskultur: Beförderung aus der Raucherecke

Bild: Aljona Repkina

Bild: Aljona Repkina

In der Sowjetarmee galt: „Wer nicht raucht, der arbeitet nicht“. Noch heute ist die Raucherpause in russischen Unternehmen allgemein akzeptiert. Hier werden mitunter auch wichtige Entscheidungen getroffen – wenn der Chef selbst mitraucht.

Viele Traditionen in Russland stammen aus sowjetischen Zeiten. So auch eines der größten Phänomene in der russischen Unternehmenskultur: die Raucherecke, die ursprünglich aus der Kaserne kommt. „Wer nicht raucht, arbeitet nicht", lautet eine vom Militär in den Büroalltag russischer Unternehmen übernommene Weisheit: Wenn ein Kollege ohne Grund am Arbeitsplatz fehlt, heißt es, dass er faulenzt, wenn er aber in dieser Zeit raucht, dann hat er etwas zu tun. Diese stereotype Verhaltensweise ist darauf zurückzuführen, dass in der Sowjetarmee Zigaretten zur Tagesration gehörten. In Büros gilt das heute umso mehr, wenn der Chef ebenfalls raucht. Da in Russland das Rauchen in Gemeinschaftsräumen mittlerweile verboten ist, beginnt sich die Situation zwar allmählich zu ändern. Doch da das Phänomen der Raucherecken schon seit ewigen Zeiten existiert, ist das ein langwieriger Prozess.

Raucherecken sind wohl entstanden, weil es, abgesehen von wenigen Ausnahmen, weder in den sowjetischen Betrieben noch in den modernen russischen Büros Räume zum Entspannen für die Belegschaft gab. Die Arbeitnehmer mussten aber irgendwie abschalten können, wozu die übliche Mittagspause in den Kantinen allein nicht ausreichte. Eine „Raucherpause" bot somit eine ausgezeichnete Möglichkeit, aus „schwerwiegendem Grund" seinen Arbeitsplatz zu verlassen, einmal Luft zu schnappen und einfach fünf Minuten lang zu entspannen; und das mehrmals am Tag.

 

Die Raucherecke verbindet Hierarchien

In den Raucherecken herrschte schon immer eine einzigartige Atmosphäre. Eine Raucherecke stellt nämlich Menschen gleich, die sich aufgrund ihrer gemeinsamen Schwäche als Gemeinschaft empfinden. Man kann fünf Minuten lang einfach schweigend dastehen und rauchen, kann aber auch mit seinen Kollegen plaudern, die neuesten Gerüchte austauschen oder dienstliche Angelegenheiten besprechen. Männer ziehen über Kolleginnen her oder reden über Politik. Bei einer strengen Hierarchie, wenn der Chef schwer erreichbar ist, bietet die Raucherecke eine seltene Möglichkeit, dort in einer informellen Atmosphäre auf seinen Chef zu stoßen und ihm seine Probleme ans Herz zu legen.

„Ich weiß noch, wie ich unerwartet befördert worden bin", erinnert sich der Mitarbeiter einer großen Anwaltskanzlei. „Uns wurde seit Längerem in Aussicht gestellt, dass jemand aus unserer Abteilung befördert werden soll, wobei es zwei Anwärter gab: meinen Kollegen und mich. Wir arbeiteten

ungefähr gleich, keiner von uns war eine große Leuchte, wir erledigten einfach unsere Arbeit. Mein Kollege hätte genauso gut befördert werden können." Entschieden wurde schließlich in der Raucherecke: „Ich rauchte, deshalb kannte mich unser Chef, der ebenfalls Raucher war, vom Aussehen her. Er beglückwünschte mich anschließend beim Rauchen zur Beförderung und wollte bei dieser Gelegenheit wissen, wer der zweite Anwärter überhaupt war. Er hätte ihn nie gesehen und so seine Zweifel, ob der Kollege gut arbeiten würde – ich hingegen hatte in der Raucherecke immer wieder unvermittelt von meinen beruflichen Erfolgen erzählt."

 

Eine Tee-Pause für die Frauen

In sowjetischen Betrieben brauchten auch die Frauen ihre Plauderecke. Dazu diente ihnen die Küche. Wenn es im Büro keine Küchenecke gab, ersetzte sie ein Ort, an dem bloß ein Wasserkocher stand. Die Frauen brachten in den Dienst Kekse und Tee mit und legten für eine halbe Stunde eine „Tee-Pause" ein. Hier wurden ebenfalls alle wichtigen Entscheidungen

getroffen und die neuesten Gerüchte ausgetauscht. Die Jüngeren bekamen von ihren erfahreneren Kolleginnen zudem Ratschläge auf den Weg mit, wie sie ihr Privatleben am besten in den Griff bekommen.

Die Buchhalterin einer bekannten Unternehmensberatung erzählt: „Die älteren Kolleginnen haben in den Teepausen immer versucht, mich mit jemandem zu verkuppeln: Mal hieß es, der Eine wäre nett, dann war wiederum ein Anderer gut. Sie bemängelten, dass ich schon 23 Jahre alt und immer noch Single war. Die Glucken sind mir echt auf den Geist gegangen. Allerdings habe ich letztlich tatsächlich einen Kollegen geheiratet."

Diese Traditionen aus den sowjetischen Betrieben haben sich auch in den modernen Bürohäusern von heute durchgesetzt – nur, dass die Männer sich hin und wieder in den Teepausen zu den Damen gesellen und die Frauen sich in die Raucherecke begeben.

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