Menschen der Krim: Wofür schlägt ihr Herz?

Foto: Sergej Sawostjanow/Rossijskaja Gaseta

Foto: Sergej Sawostjanow/Rossijskaja Gaseta

Etwas länger als einen Monat ist es her, dass sich die Krim der Russischen Föderation beigetreten ist. Viele müssen sich nun für eine russische oder ukrainische Staatsbürgerschaft entscheiden – eine schwierige Wahl, die Familien zerreißen und auch Karriereoptionen vorbestimmen kann.

Die russische Administration stellt die Krim-Bevölkerung vor die Entscheidung, welche Staatsbürgerschaft sie zukünftig annehmen wollen. RBTH sprach mit Bewohnern der Halbinsel über ihren neuen Alltag, ihr Nationalgefühl und ihre Lebenspläne.

 

Krimtatare Issed: „Ich werde hier sterben"

Der stämmige Krimtatare Issed Emirsalijewn (41) aus Bachtschissaraj war gegen die Eingliederung der Krim in die Russische Föderation. Für ihn

stellen die Handlungen Russlands eine gewalttätige Annexion dar. Im Jahr 1999 siedelte Issed aus Usbekistan auf die Krim, die Heimat seiner Mutter, über. Er arbeitet nun schon seit acht Jahren als Taxifahrer. Durch den Betritt der Halbinsel zu Russland haben sich Isseds Lebensverhältnisse verschlechtert, da die Preise, insbesondere die Lebensmittel- und Benzinpreise, um das Dreifache gestiegen sind.

In seinem kleinen Bus spielt Issed östliche Musik. Er fährt jede halbe Stunde die gleiche Tour, von der Neustadt über den Busbahnhof in die Altstadt und zurück. „Ich werde nicht von hier wegziehen, ich werde hier sterben. Wenn wir kämpfen müssen, werde ich kämpfen. An eine Rehabilitation der Krimtataren glaube ich nicht. Ich fürchte niemanden außer Allah."

 

Psychologiestudentin Ilona: „Die Entscheidung ist schwierig"

Ilona ist 19 Jahre alt. Sie zog aus Poltawa in der Zentralukraine für ihr Psychologiestudium nach Sewastopol auf die Krim. Ilona unterstützte den Beitritt der Krim zur Russischen Föderation nicht: „Ich musste mir Verschiedenes anhören. Weil ich aus der Zentralukraine komme, denkt man aus irgendeinem Grund, ich sei eine Bandera-Anhängerin, eine suspekte Person."

Nachdem die Krim ein Teil Russlands geworden war, bekam Ilona Probleme mit ihrem Aufenthalt in Sewastopol. Kürzlich wandte sie sich an das Einwanderungsamt. Dort sagte man ihr, sie solle sich entscheiden, welche Staatsbürgerschaft sie annehmen wolle. Wenn sie ihren ukrainischen Pass behalte, dann brauche sie eine Einwanderungskarte. Sie gelte dann auf der Krim als Einwanderin. Wenn sie die russische Staatsbürgerschaft annehmen wolle, dann sei eine Einwanderungskarte nicht nötig. Sie müsse dann aber mit Schwierigkeiten bei der Rückkehr in die Ukraine rechnen.

Mit anderen Worten, eine Menge Fragen kamen auf, die bisher niemand beantwortet. „Sie geben uns ihre Staatsbürgerschaft, das heißt, wir werden Russen", so die Studentin. „Ich muss noch eineinhalb Jahre studieren, danach werde ich wahrscheinlich von hier wegziehen. Ich weiß nicht, wohin, aber hier werde ich nicht bleiben. Hier finde ich keinen Job, die Stadt ist sehr klein, es gibt wenig Arbeit. Mit einem russischen Pass würde ich die Rückkehr in mein Heimatland Ukraine gefährden – aber vielleicht bietet mir Russland bessere Berufsperspektiven. Ich werde eine schwierige Entscheidung fällen müssen. Vielleicht muss ich auch woanders zu Ende studieren."

 

Kapitän Alexander: „Ich habe mich nie als Ukrainer gefühlt"

Alexander ist Kapitän eines Kleinschiffs, er bietet seit etwa zehn Jahren Ausflugsfahrten durch die Buchten Sewastopols an. Der 28-Jährige lebte wie auch seine Eltern schon immer in der Heldenstadt. Er und seine Familie stimmten für die Eingliederung der Krim in die Russische Föderation.

Einen Monat nach dem Beitritt der Krim und Sewastopols erkennt er, dass sich das Leben bei Weitem nicht so schnell zum Besseren wendet:

„Unsere Stadt ist ein militärisches und ein touristisches Zentrum, normalerweise ein Magnet für Reisende. Aber schauen Sie sich um, wie das hier alles aussieht, alles ist marode. Angefangen von diesem wackligen Landungssteg, auf dem sich niemand sicher fühlen kann."

Der junge Kapitän ist von seiner Wahl überzeugt: „Ich habe in der ganzen Zeit, in der ich hier lebe, keine Unterstützung von Kiew erhalten. Es bleibt nur die Hoffnung auf Russland. In den 20 Jahren habe ich mich nie als Ukrainer gefühlt und freue mich jetzt sehr über die neue Regierung in Sewastopol. Die Ereignisse in der Ukraine verfolge ich mit großer Sorge, wir sind mit unseren Gefühlen bei den Menschen dort."

 

Soldat Alexej: „Für Ukrainer bin ich ein Verräter"

Der Armeeangehörige Alexej ist ukrainischer Staatsbürger. Sein ganzes Leben lang arbeitete er in Sewastopol im Kommandostab der ukrainischen Flotte, jetzt aber steht er auf einmal zwischen beiden Seiten: In der Ukraine redet man schlecht über ihn und auch hier ist er nicht gern gesehen. Alexej dient schon 15 Jahre in Sewastopol. Seine Frau ist Russin, die Kinder leben hier. Antworten auf Fragen zum Beitritt der Krim zu Russland versucht er zu vermeiden. „Als Ukrainer bist Du hier ein Faschist, ein Bandera-Sympathisant. Versuchen Sie doch mal, mit einer ukrainischen Flagge ins Stadtzentrum zu gehen, ob Sie dort ankommen, ist mehr als fraglich. Eine Rückkehr in die Ukraine ist für mich nicht möglich – wenn ich zu meinen Eltern fahre, legt man mich in Handschellen, ich bin jetzt für sie ein Verräter."

 

Kamerad Wadim: „Patrioten braucht im Moment keiner"

Alexejs Kollege Wadim äußert sich eher nüchtern über das Geschehene. Er definiert sich selbst als Ukrainer, obwohl sein Vater Russe ist. Alle Verwandten mütterlicherseits leben in der Ukraine, die seines Vaters in

Russland. Schikanen von russischer Seite habe er in Sewastopol bisher nicht erlebt, in die Ukraine sei er noch nicht gereist. „Patrioten, die keine Nationalisten sind, braucht dort im Moment keiner", sagt er. „Seite an Seite mit dem ‚Rechten Sektor' möchte ich nicht dienen", meint Wadim. „Außerdem habe ich eine Frau und ein sechs Monate altes Kind. Wohin sollte ich die bringen?"

Alexej und Wadim gehören offiziell noch den ukrainischen Streitkräften an, im Regiment dienen ungefähr 400 Personen. Sie wurden allerdings schon alle mit russischen Uniformen ausgestattet und in 15 Mann starke Gruppen eingeteilt. Bald beginnen die „Umschulungskurse". Sie werden dann in den Dienst eines anderen Landes gestellt.

 

Fotograf Oleg: „Das Referendum ist nicht legitim"

Oleg Skworzow (26) kam in Sankt Petersburg zur Welt. 1992, ein Jahr nach der Auflösung der Sowjetunion, zog er im Alter von fünf Jahren mit seinen Eltern nach Sewastopol. Er fühlt sich als Ukrainer. Die russische Staatsbürgerschaft, in die Krimbewohner derzeit aufgenommen werden, lehnte er ab. „Ich bin gegen die Eingliederung der Krim. Für mich ist die Krim ein Teil der Ukraine", sagt er.

„Ich habe darüber mit meinen Eltern sehr lange diskutiert, sie unterstützen den Beitritt zu Russland. Wir haben uns darüber sehr gestritten", erzählt er und erklärt: „Es gibt hier ein Problem mit der Identifikation. Ein großer Teil der Bevölkerung hat eine russische Identität, diese Menschen wollen zu Russland gehören, ich verstehe das auch. Ich erkenne das Recht auf diesen Wunsch an, dennoch ist das Referendum für mich nicht legitim. Kein reguläres Referendum kann innerhalb von zwei Wochen vorbereitet werden", so Oleg.

Seine Zukunft sieht er nicht auf der Krim: „Ich werde hier alle Angelegenheiten klären und dann wohl im Sommer in die Ukraine ausreisen. Ich arbeite für ein russisches Unternehmen über das Internet, in einer Fotoschule. Ich kann von überall arbeiten, ich brauche nur einen Internetanschluss und ein Notebook. Ich hoffe sehr, dass die Ukraine nicht auseinanderfällt. Alles hängt davon ab, wie sich die Lage in Donezk entwickelt."

 

Jungunternehmer Juri: „Das überstehen wir auch noch"

Juri (31) wurde in Simferopol geboren und wuchs dort auch auf. Die Krim ist die Heimat seines Vaters, seine Mutter kommt aus der Westukraine. Juri betreibt ein Baustoffunternehmen, das Metalldachplatten herstellt. Ein paar

Mal pro Woche muss er viel Zeit in Warteschlangen vor Bankschaltern verbringen, um seinen Geschäftspartnern in der Ukraine Geld zu überweisen. Ukrainische Finanzinstitute wurden auf der Krim alle geschlossen, die russischen nehmen ihre Arbeit gerade erst auf. „Ein funktionsfähiges Bankensystem gibt es bisher noch nicht, die Bewohner der Krim werden Schwierigkeiten bekommen. Aber das werden wir auch noch überstehen. Als Teil der Ukraine wäre es uns sicher nicht besser ergangen, davon bin ich überzeugt", sagt Juri. „Alles reden davon, dass unsere Region von staatlicher Förderung lebt. Ich dagegen denke, dass eine richtige politische Führung und Investitionen uns zu einer Geber-Region machen können. Wie alle habe auch ich daran gedacht, auszureisen, aber das war vor dem Beitritt der Krim zu Russland. Jetzt möchte ich das aber nicht mehr. Wenn hier erst wieder Ordnung eingekehrt ist, wird hoffentlich alles normal."

 

Die Schülerinnen Anja und Wika: „Wir sind endlich wieder zu Hause!"

Anja Malinina und Wika Martynjenko besuchen die zehnte Klasse einer allgemeinbildenden Schule in Sewastopol. Sie sind beide 17 Jahre alt. Sie nahmen mit Euphorie die russische Staatsbürgerschaft an, beide kommen aus russischen Familien und verstehen sich als Russinnen. Sie sprechen davon, wie die Stadt sich nach dem Referendum verwandelt habe, die Menschen freundlicher geworden seien und in ihnen Patriotismus erwacht sei: „Die Leute feierten die ganze Nacht durch, ein Mann kam sogar in Simferopol beim Jubeln ums Leben – in seiner überschwänglichen Freude fiel er in einen Brunnen und tauchte nicht wieder auf", erzählt Wika. „Alle zogen mit russischen Fahnen durch die Straßen, an allen Häusern wurden russische Fahnen gehisst, sie hängen dort bis heute. Alle freuen sich, alle waren wirklich einfach glücklich", sagt die Schülerin.

Wika möchte später Juristin werden, Anja träumt von einer Karriere als Betriebswirtin. Für Politik interessieren sich die beiden Mädchen nicht besonders, sind aber der Meinung, dass man in einer solchen Situation

nicht teilnahmslos bleiben dürfe. Sie möchten nicht, dass den Gerüchten über das angeblich schlechte Leben auf der Krim geglaubt wird: „Wenn man liest, was in den sozialen Netzwerken über die Krim geschrieben wird, dann bekommt man den Eindruck, hier herrsche Chaos und Krieg, die Krim sei okkupiert, wir würden die letzten Reste aus den Regalen zusammenkratzen, weil es nichts zu essen gibt. Das ist aber überhaupt nicht der Fall", sagt Anja. „Die Menschen in der Ukraine verstehen einfach nicht, dass sie benutzt werden. Dieser ‚Rechte Sektor', die ganzen Radikalen bilden sich ein, die USA würden ihnen helfen. Tatsächlich aber wird ihnen niemand helfen", meint die Schülerin und fügt hinzu: „Bei uns hat die McDonald's-Filiale geschlossen. Zum Glück! Wir dürfen auch nicht mehr nach Europa einreisen und in Kiew hält man uns für Besatzer und Terroristen. Trotzdem sind wir froh, denn wir sind endlich wieder zu Hause angekommen!"

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