Heilige Tschetschenin hinterm Steuer

Foto aus dem persönlichen Archiv

Foto aus dem persönlichen Archiv

Sina Nanaewa ist die einzige Kraftfahrerin Tschetscheniens. Für das Rote Kreuz hat sie hinter dem Lenkrad eines Kamaz beide Tschetschenien-Kriege hautnah miterlebt und dabei den Menschen viel Gutes getan.

Als Sina Nanaewa ein Kind war, träumte sie davon, einen Kamaz zu fahren. Schon damals fuhr sie in ihren Träumen steile Bergstraßen hinauf. Als sie später zum ersten Mal in einem LKW saß, ging dieser Traum in Erfüllung und ließ sie 43 Jahre nicht mehr los.

Heute ist Sina Nanaewa 62 Jahre alt und fährt noch immer einen LKW der Marke Kamaz. In den vergangenen vier Jahrzehnten hat sie beide Tschetschenien-Kriege miterlebt. Sie transportierte nicht nur Nahrungsmittel im Kugelhagel, sondern rettete auch vielen Soldaten ihr Leben.


Eine gute Tat rettete ihr Leben

Sina Nanaewa ist derzeit bei einer örtlichen Vertretung des Katastrophenschutzministeriums tätig. Ihr ganzes Leben lang hat sie Waren transportiert. Die Kraftfahrerin lebt in einem Außenbezirk Grosnys, der Hauptstadt der Tschetschenischen Republik. In den Jahren der Tschetschenien-Kriege, als die Wasserversorgung unterbrochen war, verehrte man Sina buchstäblich, denn sie fuhr zwischen zerschossenen Ruinen umher und brachte Wasser zum Altersheim, zu einer Kirche und zwei Krankenhäusern.

„Auf den Straßen lagen entstellte Leichen, die Hunde heulten und rund

herum war alles voller Rauch. Trotzdem habe ich mich in meinen LKW gesetzt und bin losgefahren. Die Menschen brauchten das Wasser“, erzählt Nanaewa und schildert die verzweifelte Lage: „Die alten und behinderten Menschen aus dem Altersheim lebten in einem Keller und ernährten sich von Mehl, welches mit Wasser vermischt war. Ich erinnere mich noch daran, wie mir jedes Mal ein psychisch kranker Junge in einem verbrannten Sweater entgegenkam – ich gab ihm immer ein, zwei Stück Zucker mit.“

Woran sich Sina allerdings besonders gut erinnern kann, ist ein Wintertag im Jahr 1995, der auch ihr letzter hätte werden können. Am 3. Februar machte sich Nanaewa von ihrem Haus aus auf den Weg zum nahe gelegenen 9. Städtischen Krankenhaus, um dort ihre Nachbarin zu besuchen. Als sie von einem Keller zum nächsten lief, wurde sie von einer militärischen Aufklärungsgruppe aufgehalten. In Grosny gab es diese Gruppen zu jener Zeit überall, sie machten Jagd auf russische Soldaten, wofür es eine gute Entlohnung gab.

„Ich stehe also in einer Camouflage-Hose und mit der Jacke meines Bruders, der bei der Polizei arbeitete, vor dem Militärtrupp. In der Tasche hatte ich meinen Führerschein, den Zulassungsschein des LKWs und eine Flachzange, mit der ich die Türen im Keller aufmachte“, erzählt Sina Nanaewa und sagt: „Friedliche Tschetscheninnen sahen anders aus. Und im Krieg kennt jeder seine eigene Wahrheit.“ Doch sie hatte Glück, denn sie stieß auf einen alten Bekannten: „Man hätte mich erschossen, hätte ich

nicht den Oberst mit seiner Begleitung getroffen. Die Aufklärer überreichten ihm meine Papiere, aber dieser glaubte mir zunächst nicht. Aus dem Schützenpanzer stieg dann überraschend ein Mann mit einer tschetschenischen Kopfbedeckung aus. Und der sagte zum Oberst, dass er mich kennen würde: 1993 hätte ich ihm geholfen, vom Maschinenwerk Krasny molot die Kuppel einer Moschee zu einem Dorf zu transportieren. In diesem Moment erkannte ich Wachid wieder.“

Dann erzählt Nanaewa, wie sie Wachid kennenlernte. Wachid hätte damals eine ungeheure Summe für den Transport der Kuppel bezahlen sollen. Sie habe nur gefragt: „Wo steht deine Kuppel?“, und sei dann zur Kuppel gefahren, hätte sie abgeholt und ins Dorf gebracht. Er hatte ihr dafür Geld geben wollen, aber sie hatte es nicht angenommen. „Ich habe ihm gesagt, dass ich nicht des Geldes wegen gefahren bin, sondern damit die Moschee gebaut werden kann. Denn der Glaube verleiht den Menschen Hoffnung“, sagt Sina.

Nach zwei Jahren trafen sich nun Wachid und Sina in den Ruinen der tschetschenischen Hauptstadt wieder. Der Oberst schien dem Mann aus der Gemeinde nicht zu glauben, erzählt Nanaewa weiter. „Welche LKWs fährst du?“, fragte der Oberst schließlich und sagte: „Siehst du den Lastkraftwagen dort? Fahr los! Zeig uns, was für eine Kraftfahrerin in dir steckt.“ Der LKW sei allerdings fast in Schlamm und Dreck versunken gewesen, berichtet Sina, zudem sei sie noch nie dieses Modell, einen Ural, gefahren. Dabei sei der LKW kompliziert und in seiner Handhabung sehr gewöhnungsbedürftig. Sie erinnere sich, wie ihre Knie vor Angst zitterten. Deshalb bat sie den Oberst: „Herr Kommandant, geben Sie mir kurz Zeit, damit ich wieder klar denken kann.“ Die ganze Zeit waren vom Schützenpanzer aus zwei Maschinengewehre auf die Kraftfahrerin gerichtet.

Ich habe mich konzentriert, bin vorsichtig losgefahren, habe umgedreht und bin schließlich einen Meter vor dem Oberst stehengeblieben“, berichtet Nanaewa. „Dieser nahm daraufhin seine Tasche von der Schulter ab und machte eine Notiz. Bereits am nächsten Tag begann ich dann, für das Rote Kreuz zu arbeiten, und transportierte mit einem LKW humanitäre Hilfsgüter wie Kleidung, Mehl und Öl.“

Während ihrer Zeit beim Roten Kreuz transportierte Sina Waren in Gegenden, wo heftige Kämpfe ausgetragen wurden. Ihr LKW geriet ständig unter Beschuss und es kam auch häufig vor, dass ihre Reifen zerschossen wurden.


Die Mutter der Soldaten

Auf Gebirgsfahrten nahm Sina häufig verwundete Soldaten in ihrem LKW mit. Sie waren mit gebrochenen Beinen alleine in den Schluchten zurückgeblieben und wussten nicht mehr, wo sich ihre Heimat und wo sich die Front befand. „Warum sind wir hier? Warum kämpfen wir?“, fragten die jungen Soldaten, als sie in Nanaewas Kamaz in Sicherheit waren.

„Ich habe sie verbunden, sie in eine Steppjacke eingewickelt und mit Ziegenmilch, die ich von Einheimischen bekommen hatte, versorgt“, erinnert sie sich zurück. „Danach brachte ich sie direkt zum Katastrophenschutzministerium, wo ein Team der Ärzte ohne Grenzen stationiert war. Die jungen Soldaten flüsterten mir dann mit blutverschmierten Lippen zu: ‚Du bist jetzt unsere Mutter.‘“

Viele solcher Jungs mit Kriegsausrüstung und Helmen, die sie nur schräg

aufsetzten, würde Sina noch sehen in der Zeit. Sie waren noch jung und versuchten, sich Schluck für Schluck mit billigem Wodka Tapferkeit anzutrinken.

Die Kraftfaherin denkt zurück an den Tag, an den Soldaten in ihr Haus einbrachen: „Mit großen Augen schrien sie mich an: ‚Wo sind die Rebellen?‘ Sie hatten keine Socken an und zitterten am ganzen Körper. Daher zog ich meine Wollsocken aus und gab sie dem einen Soldaten. Dem anderen schenkte ich alte Filzstiefel, die ich im Mezzanin fand.“ Plötzlich habe sie dann im Hof Wahhabiten reden gehört. „Ich brachte die Beiden schnell in meinen Keller und versteckte sie dort zwei Tage lang. Dann ließ ich sie in den Laderaum meines Kamaz und brachte sie außer Gefahr. Ich gab ihnen Tee und warme Fäustlinge mit auf den Weg, denn mehr hatte ich nicht.“

Neben der örtlichen Vertretung des Katastrophenschutzministeriums befand sich damals ein Truppenstützpunkt. Dort fragte Sina einen Soldaten: „Braucht ihr etwas außer Wodka? Ich bringe euch alles.“ Wie Kinder hätten sie sich über günstige Karamellbonbons und Schokolade gefreut, erzählt Nanaewa. Die Soldaten sahen in ihr einen Talisman. Wenn sie etwas vom Markt brauchten, gingen sie zu ihr. Mit Sina an ihrer Seite fühlten sie sich wohl und beruhigt.

Schließlich erinnert sich die mutige Frau an den 31. Dezember 2000. Damals waren im tschetschenischen Katastrophenschutzministerium Neujahrsgeschenke eingetroffen, die von Kindern aus ganz Russland zusammengestellt worden waren. In den Paketen befanden sich neben Süßigkeiten auch Bastelarbeiten, Zeichnungen, Puppen und Autos. Diese Geschenke sollten nun in die entlegensten Gebiete Tschetscheniens gebracht werden, auch in das Gebiet Schotojskij, das damals von Kämpfen erschüttert wurde. Sina Nanaewa meldete sich freiwillig, die 90 Kilometer

von Grosnij über Bergstraßen in dieses Gebiet zu fahren und die Geschenke dorthin zu bringen.

„Frauen wurden von Gott beauftragt, die Welt schöner und besser zu machen“, erklärt Sina ihre Entscheidung. Zudem war ihr Militär-LKW allradbetrieben. „So fuhr ich zum Gemeindeamt. Dort angekommen, sah ich, dass die Tische bereits gedeckt waren, ein Weihnachtsbaum aufgestellt war und Kinder Gedichte aufsagten. Ich öffnete dann den Laderaum meines LKWs und wir verteilten die Geschenke“, erzählt sie. Daraufhin sei ein russischer Oberst zu den Leuten gekommen und habe gefragt, wer der Fahrer sei. „Als er mich sah, verbeugte er sich tief vor mir. Mit Tränen in den Augen erklärte er mir, dass er nicht gewusst hätte, was er den Kindern unter den Tannenbaum hätte legen sollen. Sie hätten den Kleinen lediglich Hartkekse schenken können.“

 

Dieser Beitrag erschien zuerst bei „Moskowskij komsomolez“

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