Deutsche in Russland: Gelebte Familientradition

Niels Bula während des Praktikums im Moskauer Büro von ZDF. Foto aus dem persönlichen Archiv.

Niels Bula während des Praktikums im Moskauer Büro von ZDF. Foto aus dem persönlichen Archiv.

Niels Bula ist in Zittau, einer kleinen Stadt in der Nähe von Dresden aufgewachsen. Seine ganze Familie war auf diese oder jene Weise mit Russland verbunden. Der junge Kommunikationswissenschaftler setzte die Familientradition fort und hat bereits einige Russlandaufenthalte hinter sich. Im Interview mit RBTH erzählt er von seinen Erfahrungen.

Du bist ziemlich jung, warst aber schon mehrmals in Russland. Wie oft warst du in dem Land, wo genau und warum?

Ich war dreimal in Russland. Das erste Mal bin ich direkt nach der Schule für ein Jahr nach Nischni Nowgorod gegangen und habe da in einer Förderschule mit behinderten Kindern gearbeitet. Das zweite Mal habe ich in Moskau ein Auslandsemester gemacht. Das dritte Mal war ich für ein zweimonatiges Praktikum beim ZDF-Studio in Moskau. Das war ein redaktionelles Praktikum, bei dem ich bei allen möglichen Dreharbeiten dabei sein konnte. Ich habe ein bisschen als Producer gearbeitet und Informationen für Beiträge recherchiert. Auch durfte ich Journalisten bei ihrer Arbeit über die Schulter schauen. Ich hatte zudem die Gelegenheit, eine Künstlerin, die einen Dokumentarfilm über die Bauarbeiten in Sotschi gedreht hatte, zu interviewen. Ich konnte regelmäßig russische Zeitungen zu lesen und verschaffte mir so einen Überblick über die russische mediale Landschaft. Ich habe gelernt, dass man manche Sachen anders schildern kann, als ich es aus Deutschland gewohnt war.

Wieso wolltest du ausgerechnet nach Russland, um dort dein soziales Jahr zu machen?

Unsere Familie hatte schon immer ein bisschen was mit Russland zu tun. Meine Eltern stammen aus der ehemaligen DDR. Und früher war es nicht unüblich, dass man nach dem Militärdienst zum Studium nach Russland ging. So war es auch bei meinen Großvätern: Einer hat in Moskau studiert, der andere in Leningrad. Mein Vater lebte aus diesem Grund mit seinen Eltern zwei Jahre lang in Moskau. Meine Mutter hatte mehrere Brieffreunde in der Sowjetunion. Viele empfanden das als Zwang, aber meine Mutter fand es ganz interessant, mit manchen ist sie immer noch im Kontakt.

Einige Freunde  waren bei uns zu Besuch und wir waren bei denen in Sankt-Petersburg. Ich habe mich in der Schule für Russisch als zweite Fremdsprache entschieden weil ich einen persönlichen Bezug zu dem Land habe. Als ich nach der Schule ins Ausland gehen wollte, um mal etwas anderes zu sehen, war für mich schnell klar, dass die Wahl auf Russland fallen würde. Vielleicht auch weil ich außerhalb meiner Familie niemanden kannte, der in Russland gewesen war. In Deutschland hatte ich das Gefühl, dass es sehr wenige Menschen gibt, die sich für das Land interessieren. Das war für mich ein zusätzlicher Beweggrund.

Hattest du bestimmte Erwartungen, die sich nicht bestätigt haben?

Mich hat überrascht, dass die Religion dort eine viel größere Rolle spielt, als bei uns. Und das, obwohl Russland, wie der Teil Deutschlands aus dem ich komme, eine lange Zeit des Sozialismus und Kommunismus erlebt hatte. Im Gegensatz zu Russland sind bei uns aber nur ganz wenige Leute religiös. All das mit den heiligen Quellen und heiligen Orten war für mich sehr ungewöhnlich.

Hast du während deines Auslandssemesters in einem Studentenwohnheim gewohnt?

Ja, in einem das für uns Deutsche vielleicht ein wenig ungewöhnlich war. In Deutschland hat jeder ein einzelnes Zimmer, aber in Moskau mussten wir zu zweit in einem Zimmer schlafen. Aber ich glaube im Vergleich zu den anderen Wohnheimen in Russland oder in Moskau, war dieses noch ein recht gutes. Dennoch, die Tatsache, mit so vielen Menschen auf Dauer auf so engen Raum wohnen zu müssen, geht ein bisschen auf die Nerven. Dafür kam ich aber auch immer mit interessanten Leuten aus verschiedenen Ländern in Kontakt, mit denen ich viele tolle spannende Erlebnisse hatte.

Denkst du, dass deine berufliche Zukunft irgendetwas mit Russland zu tun haben wird?

Ich weiß noch nicht genau, was ich machen werde, wenn ich fertig bin. Aber ich würde schon gerne Russland integrieren. Wenn ich im Bereich Journalismus bleibe, eröffnet sich vielleicht eine Perspektive. Seit 2012 bin ich freier Mitarbeiter bei der Thüringer Allgemeinen. Und als ich in Nischni Nowgorod war, habe ich auch einige Erfahrungsberichte für unsere Lokalzeitung geschrieben.

Gab es ein Feedback?

Ja, ich komme ja aus einer sehr kleinen Stadt, wo in der Regel jeder jeden kennt. Als ich dort war, wurden meine Eltern oft auf meine Erfahrungsberichte angesprochen. Viele Menschen waren beeindruckt und empfanden meinen Aufenthalt in Russland als mutig.

Hat dich Russland irgendwie geprägt? Waren die Erfahrungen in Russland eine Bereicherung für dich?

In Hinblick auf meine persönliche Entwicklung hat mich Russland auf jeden Fall sehr weitergebracht. Das war das erste Mal, dass ich weit weg von zuhause war und mein Leben selbst organisieren musste. Die Sprachbarriere habe ich am Anfang auch erlebt. Aber dadurch, dass ich in Russland ziemlich viel gereist bin, wurde ich selbstständiger und selbstbewusster. Und natürlich habe ich in Russland viele tolle Leute kennengelernt.

Könntest du dir vorstellen in Russland zu wohnen?

Vielleicht nicht für immer, aber für eine längere Zeit könnte ich es mir schon vorstellen. Das letzte Mal war zu kurz. Ich habe immer das Gefühl, viel zu wenig gesehen zu haben. Es gibt immer noch Regionen, in die ich gerne reisen würde. Ich bin schon mit der transsibirischen Eisenbahn gefahren und war im Norden, in der Gegend rund um Murmansk. Sotschi oder den Kaukasus würde ich auch  gerne sehen.

 

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