Arktis-Umsegelung: In Rekordzeit um die Welt

Das russische Segelschiff „Peter I.“ umrundete die arktische Region für ein halbes Jahr, ohne sich durch Eisbrecher unterstützen zu lassen. Foto: ITAR-TASS

Das russische Segelschiff „Peter I.“ umrundete die arktische Region für ein halbes Jahr, ohne sich durch Eisbrecher unterstützen zu lassen. Foto: ITAR-TASS

Ein junges Team von Abenteurern begab sich mit dem Segelschiff „Peter I.“ auf eine arktische Weltumsegelung – und schaffte einen Rekord: Die Männer durchquerten die Nordost- und Nordwestpassage innerhalb einer Saison und ohne Unterstützung durch Eisbrecher.

Das russische Segelschiff „Peter I.“ konnte erstmals in der Geschichte der Weltumsegelung die arktische Region innerhalb einer Saison und ohne Unterstützung durch Eisbrecher umrunden. Die Expedition startete am 4. Juni 2010 in Sankt Petersburg. Die symbolische Ziellinie, den Eintritt in die Lancastersund-Meerenge, passierte das Segelschiff am 20. September 2010. Innerhalb von drei Monaten und 16 Tagen legte das Schiff eine Entfernung von 9 023 Seemeilen zurück, 3 000 davon durch dichte Eisfelder. Insgesamt erstreckte sich die halbjährige Expedition auf über 13 000 Seemeilen. Serjoscha Mursajew, der während der gesamten Weltumsegelung als Matrose mit an Bord war, erzählt von der Reise.

 

Eine Expedition beginnt

„Den Kapitän der Yacht Daniil Gawrilow lernte ich im Sommer 2009 auf einer Ostsee-Regatta kennen. Damals hörte ich zum ersten Mal von der geplanten Expedition. Als man mir später anbot, Crewmitglied zu werden, war mir sofort klar, dass ich das Angebot nicht abschlagen konnte.

Im Vorfeld der Reise führte die Crew praktisch den gesamten Umbau des

Segelschiffs und deren Anpassung an die strengen arktischen Bedingungen eigenständig durch. Dann sollte es möglichst schnell losgehen. Der Start der Expedition war zunächst für den 1. Juni geplant. Als wir begriffen, dass dieser Termin nicht einzuhalten war, verschoben wir ihn auf den 4. Juni. Und auch an diesem Tag konnten wir erst gegen sechs Uhr abends in See stechen. Bis zum Schluss waren weder das Kraftstoffsystem montiert, noch war das Rudergetriebe richtig eingestellt. Auch waren viele weitere wichtige Teile noch nicht zusammengebaut. Die grundlegenden Arbeiten konnten wir jedoch abschließen, sodass sich die Yacht immerhin vorwärts bewegte. Den Rest erledigten wir dann während der Fahrt. Die Crew, die während der gesamten Expedition dabei war, bestand aus sechs Personen. Für bestimmte Etappen schloss sich jemand an, jemand anderes schied aus.

 

Begegnung mit dem Eis

Die Reise führte von Sankt Petersburg über die Insel Nowaja Semlja bis hoch zur Arktis. Nach dem Start gerieten wir sofort in eine Schlechtwetterzone. Da die Deckel der Kraftstoffbehälter nicht sicher genug befestigt waren, lief das Diesel aus und Salzwasser drang in die Behälter ein. Zudem wurden wir alle seekrank.

Hinter Murmansk begann dann der Arktische Ozean. Wir nahmen Kurs auf Nowaja Semlja. Die Temperaturen lagen während der gesamten Expedition bei null bis fünf Grad Celsius. Als wir an einem Polartag den Nördlichen Seeweg passierten, verschwand die Sonne komplett hinter dem Horizont. Trotzdem blieb es 24 Stunden lang taghell. Im Nebel war es sehr kalt. Wenn du vor dir nur Nebel siehst, musst du zudem immer mit Eis rechnen. Nachts gab es Frost.

Bei Nowaja Semlja begegnete uns dann der erste Eisberg. Die gesamte Besatzung schlief und die Bordwache hatte gerade Schichtwechsel. Eine Eisscholle trieb sehr nah an uns heran. Wir beschlossen, niemanden zu wecken. Wir griffen einfach nach unseren Bambusstäben und stießen sie weg. Die Eisscholle war groß, aber wir schafften es, sie von unserem Schiff fernzuhalten.

Das Fahren zwischen den Eisfeldern ist sehr beschwerlich: Du stehst zwölf Stunden lang Wache an Deck und bist ständig auf der Suche nach freieren Passagen mit weniger Eis. Mehrmals legten wir an einer Eisscholle an. Wir näherten uns dem Eis, sprangen auf, schlugen den Anker ein und warteten darauf, dass der Wind sich dreht und der Strömungsverlauf sich ändert. Wir beobachteten, in welche Richtung sich die Eisschollen neben uns bewegten. Zwei Wochen lang waren wir auf dem Eis.

24 Stunden vor dem Verlassen der Eisfelder fuhr die Yacht schließlich doch auf eine Eisscholle. Der Aufprall beschädigte das Ruderblatt. Auf einem quasi nicht mehr steuerbaren Schiff gelang es uns trotzdem, wieder auf offene See hinauszufahren und einen Hafen anzusteuern, wo uns Einheimische und die Besatzung des Schleppschiffs ‚Neotrasimyj‘ halfen, den Schaden zu beheben.“

 

Die unberührte Natur der Arktis

Neben dem ständigen Kampf gegen das Eis und der Beschädigung des Ruderblatts, stellte das Polarmeer die jungen Männer zusätzlich vor andere Schwierigkeiten. Serjoscha Mursajew erzählt:

„Vor allem die Stürme haben sich vielen eingeprägt. Den ersten Sturm erlebten wir sofort, nachdem wir Sankt Petersburg verlassen hatten. Im Nordpolarmeer hinter Murmansk gerieten wir dann in flache Wellen. Hier fährt man lange in die Höhe bis zum Wellenkamm und lange wieder hinab. Mein Organismus streikte. Ich konnte sechs Stunden lang nicht aufstehen. Dann kam Alaska, dort waren die Wellen kurz und hoch. Sie erreichten eine Höhe von bis zu zehn Metern. Du schaust von der Seite und hast den Eindruck, dass sie mal höher als der Mast sind und mal nicht. Der Mast ist 22 Meter hoch. Die Wellen stürzten nicht über uns hinein, wir trieben einfach hinauf und hinab.

Bei Norwegen hielt der Atlantik noch eine weitere Überraschung für uns bereit. Da waren wir bereits auf der Heimfahrt. Die Windstärke erreichte 35 Meter in der Sekunde. Es war eine Nacht mit Eisregen. Der einzige Vorteil war, dass wir Rückenwind hatten. So liefen wir mit kleinster Segelfläche vor dem Sturm. Das erste Segel löste sich, das zweite ließen wir fast vollständig herab. Ohne Segel setzten wir unsere Fahrt mit einer Geschwindigkeit von zwölf Knoten fort.

Das schönste an unserer Fahrt war die wilde, vom Menschen unberührte

Natur: die Eisberge und die ergreifende Schönheit der Eisschollen. Der Norden hat eine unvergleichliche Faszination. Die meisten Menschen, die einmal im Norden gewesen sind, wollen wieder dorthin zurück.

Wir haben auch ein Eisbärenweibchen mit seinen Jungen gesehen. Auch Robben begegneten uns – sie sind jedoch sehr scheu. Dagegen sind Walrosse neugierig – sie kamen zu uns und umkreisten unser Schiff. Ringelrobben sind niedliche Tiere. In Kanada haben wir auch Delfine gesehen.“

 

Rückkehr nach Hause

Im November 2010, nach einem halben Jahr auf offener See, legte das Segelschiff „Peter I.“ wieder an seinem Heimathafen in Sankt Petersburg an. Bei Mursajew hat die Reise viel verändert:

„Die Reise hat unser Denken vollkommen verändert. Während der Weltumsegelung habe ich begriffen, dass alles im Leben machbar und möglich ist, wenn man es nur will. Natürlich ist es schwer, aber alles im Leben ist schwer. Auch der Zufall und etwas Glück spielen eine Rolle. Und dennoch – wer keine Angst hat, wird sein Ziel immer erreichen und das Schicksal auf jeden Fall auf seiner Seite haben.“

 

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Russkij Reportjor

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