Deutsche in Russland: Mit Herz und Seele für Notleidende

Die deutsche Theologin Regina Elsner. Foto aus dem persönlichen Archiv.

Die deutsche Theologin Regina Elsner. Foto aus dem persönlichen Archiv.

Regina Elsner aus Deutschland beschreibt die Russen als verschlossen, aber freundlich. Die studierte Theologin erzählt im Gespräch mit RBTH, wie sie Russland und die Russen erlebt hat und wie praktische soziale Arbeit dogmatische Streitfragen überwindet.

Ihre fünf Jahre in Russland sind eng mit der Arbeit für die Caritas verbunden. Wie haben Sie die fünfjährige Arbeit für diese katholisch-christliche Organisation empfunden? Was waren Ihre Beweggründe, nach Russland zu gehen?

Die Entscheidung für Russland kam schon sehr früh. Ich habe Russisch in der Schule gelernt und meine Großeltern, die Russischlehrer waren, haben immer von Land und Leuten geschwärmt. Im Studium habe ich mich mit der russisch-orthodoxen Kirche beschäftigt. Nach meinem Studium dachte ich dann an ein freiwilliges soziales Jahr in Russland. Schließlich bin ich bei der Caritas Osnabrück gelandet. Die waren sehr froh, dass sie jemanden gefunden hatten, der wirklich nach Russland wollte. 

Wie hat es Ihnen gefallen? Sie sind ja nach dem FSJ in Russland geblieben, um ein weiteres Projekt der Caritas zu betreuen.

Es hat mir sehr gut gefallen, obwohl ich eigentlich nicht nach Sankt Petersburg wollte. Ich wollte unbedingt nach Astrachan und auf keinen Fall nach Moskau oder Sankt Petersburg, weil ich das „richtige“ Russland erleben wollte. In Sankt Petersburg habe ich an zwei Projekten

mitgearbeitet: dem Caritas-Fortbildungszentrum für soziale Arbeit und an einem Hilfsprojekt für Frauen in Schwangerschaftskonflikten. Ich habe mich in der Stadt sehr wohl gefühlt und viele Freunde gefunden. Nach dem Freiwilligenjahr bot mir die Caritas dann eine Stelle als Projektkoordinatorin an, da konnte ich nicht Nein sagen.

Heute sprechen Sie perfekt Russisch und verstehen sogar feinste Nuancen des russischen Humors. Was kam Ihnen anfangs besonders fremd oder komisch vor? 

Anfangs habe ich Nuancen überhaupt nicht verstanden. Ein paar Freunde, die einen sehr feinen Humor hatten, machten sich regelmäßig über mich lustig – auf Russisch. Das hat mich angespornt! Sonst gab es nicht viele Sachen, die ich nicht verstanden hätte, weil ich schon relativ gut Russisch konnte. Was ich sprachlich teilweise bis heute noch schwierig finde, sind die ganzen Füllwörter, die man erst versteht, wenn man viel spricht: „kak by“ und Ähnliches. Aber im Deutschen ist es eigentlich genauso. Ich verstehe jetzt ganz gut, wie man sich im Ausland, umgeben von einer fremden Sprache, fühlt.

Kulturell habe ich lange gebraucht, um das typisch russische Ritual des Teetrinkens zu begreifen. Außerdem überraschte mich, wie fest der Aberglaube im Volk verwurzelt ist, nicht nur auf dem Dorf, sondern auch unter den intellektuellen Menschen. Zum Beispiel darf man im Haus nicht pfeifen – dabei pfeife ich doch so gerne!

Was haben Sie in Russland alles gesehen?

Während meiner Arbeit als Projektkoordinatorin bin ich viel gereist. Ich habe so viel von Russland gesehen wie kaum ein Russe. Wo es am schönsten ist? Kamtschatka mit seinen Vulkanen ist einfach traumhaft, aber auch Irkutsk oder Barnaul und Altai waren wunderschön, der Kaukasus und Kaliningrad sind ebenfalls toll. Und ich mochte es, mit der russischen Bahn zu fahren.

Und die Russen selbst? Was zeichnet sie aus?

Die Russen sind immer sehr interessiert und neugierig. Sie finden es nicht schlimm, wenn man mit Akzent oder Fehlern spricht. In meinem Fall wollten sie wissen, wie ich Russland erlebe, was ich schön finde und was mir besonders gefällt. Kritik fanden sie allerdings nicht so gut. Auf den ersten Blick sind viele Russen ja relativ verschlossen, aber eigentlich habe ich nie schlechte Erfahrungen gemacht.

Was haben Sie über die russischen Menschen gelernt?

Ich habe vor allem mit Menschen zu tun gehabt, die in ihrem Leben sehr viel durchgemacht haben. Es gibt ja diese berühmte russische

Leidensfähigkeit, von der schon Dostojewski gesprochen hat. Wo die Europäer schon lange sagen würden: „Das reicht, das mache ich nicht mehr mit, das geht nicht mehr“, machen die Russen immer noch weiter. Aber wenn sie merken, dass es jemanden gibt, der ihnen wirklich helfen will, können sie wahnsinnig viel Kraft entwickeln, um etwas zu verändern. Es braucht aber Zeit.

Russland ist ein christlich-orthodoxes Land. Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit der orthodoxen Kirche erlebt?

Eigentlich alle Projekte der Caritas sind auf die Mitarbeit mit den orthodoxen Kirchen und Gemeinden angewiesen. Gemeinsam haben wir in dem Fortbildungszentrum eine produktive Zusammenarbeit erlebt. Viele Vertreter der russisch-orthodoxen Kirche haben an unseren Seminaren teilgenommen, und Priester haben unsere Dozenten zu sich in ihre Gemeinden eingeladen. Letztendlich geht es beiden Kirchen darum, notleidenden Menschen zu helfen. 

 

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