Leidet der Russland-Tourismus unter der Ukraine-Krise?

Deutsche Touristen vor der Kasaner Kathedrale auf dem Roten Platz. Foto: ITAR-TASS

Deutsche Touristen vor der Kasaner Kathedrale auf dem Roten Platz. Foto: ITAR-TASS

Viele Reiseveranstalter bemerken die ersten Auswirkungen der aktuellen politischen Krise: Die Verunsicherung der Reisenden ist groß, deutsche Buchungen nach Russland bleiben aus. Dennoch streiten Experten, ob es sich um eine Momentaufnahme handelt, oder ob der langfristige Trend zum Russlandtourismus abnimmt.

Im Jahr 2012 reisten laut Auskunft des Deutschen Reiseverbandes (DRV) 540 000 Menschen nach Russland, knapp die Hälfte von ihnen waren Touristen. Angesichts der 10 Millionen Deutschen, die jährlich ihren Urlaub in Spanien verbringen – Sonne, Strand und Meer sind noch immer die Traumziele der Mehrheit – ist diese Zahl verschwindend gering, Russland nach wie vor ein „kleines Reiseziel“. Aus russischer Sicht jedoch stehen die Deutschen an erster Stelle der nach Russland reisenden Urlauber. Laut Statistik des russischen Fremdenverkehrsamtes waren es 2012 380 000 – die Zahl der deutschen Besucher in Russland insgesamt lag bei 670 000.

Die Statistik ist die Stiefschwester  der Mathematik, was den „leichten“ Unterschied zwischen den Zahlen des DRV und der russischen Statistik weder erklärt, noch begründet, aber letztlich auch nicht von Bedeutung ist. Wichtig ist der Trend – und der war in den letzten Jahren steigend. Die Prognosen von DER Tour, einem der größten deutschen Reiseunternehmen, das Gruppenreisen nach Russland anbietet, klangen aufgrund der Erfahrungen der Vorjahre noch Anfang 2014 "vorsichtig optimistisch".

Inzwischen hat sich die Situation geändert. Die Ukraine ist gänzlich von

der Liste der Urlaubsziele gestrichen. Für ihr touristisches Highlight – die Halbinsel Krim – benötigt man nun ein russisches Visum. Bei Russlandreisen verzeichnet DER Tour seit der Krim Krise einen Rückgang der Neubuchungen. Auch beim Berliner Reiseveranstalter Lernidee sind seit März Buchungen für Reisen nach Russland „spürbar zurückgegangen“, auch wenn „eine echte Stornowelle noch nicht zu verzeichnen ist“.

Das Reiseland Russland aber ist vor allem die Domäne kleinerer Reiseveranstalter und -büros, die auch individuelle Touren und Besuchsreisen vermitteln. Bei Vostok Reisen sieht man keine Änderungen, aber bei Ost und Fern, Ex Oriente Lux, Go East, Sputnik und Doris Knop Reisen, zum Beispiel, sind seit März kaum Neubuchungen eingegangen. „Unsere Kunden sind anders. Wer nach Russland will, der weiß warum.“ – so Doris Knop. Sie bietet vor allem Reisen in Kleingruppen an. "Das Kundeninteresse ist erheblich gesunken." Irina Kusnezowa von Go East beklagt: „Die Menschen die mich anrufen, haben Angst. Ich weiß nicht – warum?“ Christine Kuhn von Ost und Fern beobachtet diese Zurückhaltung selbst bei den bisher russlandfreundlichen Multiplikatoren, die zu ihren Stammkunden gehören.

 

Buchungsstopp seit März

Dramatischer sehen die Situation russische Reiseveranstalter, die mit deutschen Unternehmen kooperieren. Olympia Reisen, zum Beispiel, spezialisiert auf Sibirien, mit Sitz in Novosibirsk, verzeichnete in den letzten Jahren Zuwachsraten von bis zu 40 Prozent. Seit der ITB, so der Olympia Geschäftsführer, Viktor Dann, seien keine Bestellungen mehr eingegangen. „Die Menschen sind durch die Ereignisse in der Ukraine und durch die Berichterstattung der Medien verunsichert“, - so seine Einschätzung.

Nie zuvor in den letzten drei Jahrzehnten war das Russland-Bild so negativ wie in den letzten beiden Jahren. Die konservative Wende, die die russische Politik seit 2012 mit der Einschränkung der Menschenrechte vollzogen hat, der Streit um Sotschi 2014, der bereits Kampagnencharakter trug, im März die Krim-Krise, nun die Ereignisse in der Ostukraine. Viktor Dann beklagt einen „überpolitisierten Blick“ auf Russland und hofft, dass der „gesunde Menschenverstand“ die Vertrauenskrise überwinden wird.

Der Tourismus ist ein emotionales Geschäft, auf das sich Unruhen und Krisenzeiten auswirken. Wenn die Situation sich beruhigt, so Torsten Schäfer vom VDR, „ebbt die Buchungszurückhaltung in der Regel ab“. Dieses Phänomen bestätigen alle Reiseveranstalter. Ob sich der Negativtrend der letzten beiden Monate fortsetzen wird, „hängt von der weiteren Entwicklung ab, und lässt sich derzeit schwer einschätzen.“ Neben den gegenwärtigen sich abzeichnenden Umsatzeinbußen habe die russische Tourismusindustrie zudem ein strukturelles Problem, so Holger Schneider von Sputnik Travel. Aus seiner Sicht wirkt sich negativ vor allem aus, dass das russische Fremdenverkehrsamt seit mehr als zwei Jahrzehnten keine Filiale in Deutschland besitzt. „In Russland kämpft jeder für sich allein.“

 

Wiederbelebung kann dauern

Große Hoffnungen setzten die russischen Veranstalter der Olympischen Winterspiele von Sotschi in eine Belebung des internationalen Tourismus in der Urlaubsregion am Schwarzen Meer zu Füßen des Kaukasus. Durch die erneuerte Infrastruktur und Hotelneubauten soll die Region auch für

westliche Touristen an Attraktivität gewinnen. Jedoch zeigen die Erfahrungen in anderen Regionen, dass wenn, dann erst nach Jahresfrist, das touristische Interesse an Ex-Olympiaorten steigt. „Zu den Spielen waren die Hotelpreise sehr hoch. Schwierig bleibt die Flugverbindung. Im Moment gibt es auch kein Fremdenverkehrsamt, das Sotschi bewirbt. Von daher stehen die Chancen für Sotschi als Reisedestination nicht gut.“ – so die Auskunft von DER Tour, dem deutschen Partner von Olympia 2014.

Die Konsularabteilung der Russischen Botschaft in Berlin kann den Trend nicht bestätigen. Nach Einschätzung der Mitarbeiter stieg die Zahl der in den ersten vier Monaten des Jahres 2014 erteilten Russland-Visen im Vergleich zum Vorjahr um 25 bis 30 Prozent, was mit der besseren Effizienz des Visazentrums in der Friedrichstraße begründet wird.

Ergo: Es ist zu früh, eine klare Einschätzung zu geben, wie sich die Ukraine-Krise auf die Lust der Deutschen auf Reisen nach Russland auswirken wird. Im Newsletter von Ost und Fern vom April 2014 heißt es: „Russland - jetzt erst recht?!  Gerade jetzt kann es spannend sein, nach Russland zu reisen.“

 

* Der Autor bedankt sich bei allen für diesen Artikel interviewten Gesprächspartnern und zitierten Gesprächspartnern für die freundlichen Auskünfte und offenen Gespräche.

 

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