Die etwas andere Mittelschicht Russlands

Foto: ITAR-TASS

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Eine neue Studie stellt fest, dass die russische Mittelschicht sowjetische Strukturen aufweist: Sie ist der Regierung gegenüber loyal eingestellt und fürchtet Veränderungen. Die Mehrheit steht im Dienste des Staates.

Soziologen haben festgestellt: Die russische Mittelschicht ist anders, als man angenommen hat. Sie ist nicht so frei wie im Westen, sondern staatlich geprägt. Sie hat eine ausgesprochen sowjetische Wertvorstellung. Sie ist der Regierung gegenüber loyal, stimmt bei Wahlen für die „Richtigen“ ab und fürchtet Veränderungen – Stabilität ist ihr wichtiger.

 

Die staatlich geprägte Mittelschicht

42 Prozent der russischen Bevölkerung gehören der Mittelschicht an, heißt es in einer Studie des Instituts für Soziologie der Russischen Akademie der Wissenschaften. Die Mittelschicht, wie sie von den Soziologen in dieser Studie dargestellt wird, unterscheidet sich gravierend von der durchschnittlichen Mittelschicht im Ausland: Die Basis für die russische Mittelschicht bilden Angestellte im staatlichen Sektor; sie machen fast 70 Prozent aus. Die restlichen 30 Prozent der Mittelschicht setzen sich aus Unternehmern, Dienstleistern und Spitzen-Fachkräften in verschiedenen Wirtschaftssektoren zusammen. Gegenüber der Masse von Angestellten und Beamten, die aus dem Staatshaushalt finanziert werden, stellen sie vergleichsweise kleine Gruppen dar.

Laut Statistik ist die Anzahl von Beschäftigten in staatlichen Behörden

zwischen 2001 und 2011 um über 20 Prozent gestiegen. Die Zahl von Privatunternehmern hingegen ist allein im Jahr 2013 um 13 Prozent zurückgegangen und liegt heute bei knapp 3,5 Millionen Personen. Höchstens sieben Prozent der Russen sind Unternehmer.

„Unsere Mittelschicht ist gewissermaßen ein Spiegelbild der gesamten russischen Gesellschaft“, meint Wladimir Petuchow, Leiter des Zentrums für komplexe Sozialforschung am Institut für Soziologie der RAW, und führt aus: „In den Neunzigerjahren war die Bevölkerungsgruppe mit ihrem Durchschnittseinkommen nicht groß und galt als fortschrittlich. Anfang 2014 hingegen sind die meisten Vertreter der Mittelschicht loyal eingestellt und empfinden große Sympathie für Ordnung und Stabilität. Ein Vorankommen der Gesellschaft hat für sie keineswegs Priorität. Deshalb sorgt die Mittelschicht, die aus Beamten und deren Mitläufern besteht, nicht gerade für hohe Wachstumsraten in der Wirtschaft, sondern vielmehr für eine Kontinuität bei Wahlen.“

 

Die „Mittelschicht“ ist eine Frage der Definition

Die Ergebnisse des Instituts für Soziologie der RAW haben eine große Debatte über die Frage nach der Mittelschicht in Russland ausgelöst. Experten sind sich zwar einig, dass es in einer Gesellschaft stets Menschen mit höherem und geringerem Einkommen und demzufolge auch Menschen, die dazwischen liegen, gibt. Aber niemand will sie wirklich als „Mittelschicht“ bezeichnen.

„Hier wird bloß mit Begriffen jongliert“, sagt Jewgeni Gontmacher, Mitglied des Instituts für moderne Entwicklung. „Die Mittelschicht ist weniger ein materielles, sondern vielmehr ein soziokulturelles Phänomen. Wir wollen sie gern haben und bekommen sie anhand von entsprechend ausgeklügelten Auswahlverfahren“, meint der Experte und berichtet von einer Studie, die das Institut für moderne Entwicklung vor einigen Jahren durchgeführt hat. Damals hätten rund 20 Prozent der Russen den allgemeinen Vorstellungen von einer Mittelschicht entsprochen. Die Kriterien, die dazu festgelegt wurden, waren Gontmacher zufolge ein ausreichendes Einkommen – „nicht unter 735 Euro pro Person“ –, dazu der Besitz einer Wohnung, eines Autos und einer Datscha. Die Menschen der Mittelschicht „müssen mobil sein, ihr Leben selbstständig planen und nicht auf fremde beziehungsweise staatliche Finanzierung angewiesen sein“, fügt der Soziologe hinzu.

Auch das unabhängige Institut für Sozialpolitik hat eine entsprechende Studie durchgeführt, wie Jewgeni Gontmacher fortfährt. Das Institut habe Ende vergangenen Jahres strengere Weichen für die Definition der Mittelschicht gesetzt: Für die Studie gehörten die Menschen zur Mittelschicht, die in den vergangenen 20 Jahren marktwirtschaftliche Wege beschritten haben, um ihre Privathaushalte aufzubessern. Dabei hat sich herausgestellt, dass nur zwei Prozent der russischen Familien erhebliche Einkünfte aus Vermögens- und Finanzanlagen beziehen, weitere fünf Prozent leben von ihren Unternehmertätigkeiten, und nur knappe acht Prozent der russischen Haushalte haben sich dem Leben im nicht-sowjetischen Russland angepasst. Sie sind der Studie zufolge der eigentliche Mittelstand. Alle anderen seien einfach der Durchschnitt, hinsichtlich ihres Einkommens, ihrer Bildung, ihrer intellektuellen Tätigkeit oder ihrer Selbstidentifizierung.

 

Der sowjetische Phönix

„Wir haben es mit einem Comeback der sowjetischen Massen zu tun“, stellt Julij Nisnewitsch, Professor für politisches Verhalten an der Wirtschaftshochschule (HSE), fest. Als der Begriff „Mittelschicht“ aufkam, seien jene damit gemeint gewesen, die sich durch eigene Arbeit einen anständigen Unterhalt verdienen, Steuern zahlen und zu einer freien Wahl fähig sind, ob politischer Entscheidungen, des Berufs oder des Wohnorts, erklärt Nisnewitsch. „Diese Gruppe stellt in den Industriestaaten bis zu 70 Prozent des Bruttoinlandprodukts sicher und hat deshalb Einfluss auf die Politik. In der Sowjetunion konnte es sie grundsätzlich nicht geben, aber in den Neunzigerjahren glaubten viele, dass sie die neue Mittelschicht bilden könnten. Die sowjetischen Massen wollten zur Mittelschicht gehören“, resümiert der Professor und fügt hinzu: „So haben wir eine Mittelschicht bekommen, die den Staat als Hauptinstrument für ihren Wohlstand betrachtet.“

Laut Studie gehört die Mehrheit der Mittelschicht dem Beamtentum an. Zählt man die Mitarbeiter der staatlichen Konzerne noch hinzu, so fällt der Anteil der Privatwirtschaft in der Mittelschicht noch geringer aus. Dabei ist Statistiken zufolge das Gehalt im Staatsdienst niedriger. Nach Angaben des Zentrums für Arbeitsmarktforschung der HSE büßt eine Fachkraft, die sich für den staatlichen Sektor entscheidet, etwa 20 Prozent ihres Einkommens gegenüber dem Privatsektor ein. Allerdings gleichen weiche Faktoren wie Zuwendungen, kürzere Arbeitszeiten, dienstliche Privilegien, Stabilität und ähnliches das niedrigere Gehalt wieder aus.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst bei der Zeitschrift "Ogonjok".

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